SchmerzmittelSchmerz, lass nach

Die Deutschen schlucken massenhaft Schmerzmittel. Schon bei normaler Dosierung können Tabletten gefährlich sein. von 

Im Operationssaal beherrscht sie den Schmerz. Die angehende Narkoseärztin schickt ihre Patienten nicht nur in tiefen Schlaf – sie hält ihnen auch die unerträglichen Qualen des Eingriffs vom Leib. Anästhesie heißt, sich sehr gut mit Schmerzmitteln auszukennen. Die schmale, blasse Anästhesistin aus Passau, nennen wir sie Anne M., möchte ihren wahren Namen nicht in der Zeitung lesen. Denn im Kampf gegen den eigenen Schmerz braucht die Ärztin Hilfe. Was würden die Kollegen denken, wenn sie erführen, dass sie wegen ihrer Migräneattacken eine Schmerzklinik aufsucht?

Fast 70 Prozent der Frauen und mehr als 50 Prozent der Männer werden im Verlauf eines Jahres von Kopfschmerzen heimgesucht. Ähnlich verbreitet sind Rückenschmerzen, die rund 15 Prozent aller Arbeitsunfähigkeitstage verursachen – so fasst es bereits ein Gesundheitsbericht der Bundesregierung aus dem Jahre 2002 zusammen. Schmerzen sind ein Massenphänomen – und so werden sie auch meist behandelt: sorglos und oft ganz ohne Rücksprache mit einem Arzt. Ein halbes Dutzend Wirkstoffe gegen Schmerzen sind frei verkäuflich. Eine Packung Paracetamol gibt es schon zum Preis von zwei Mohnbrötchen. Der schnelle Griff zur Tablette löst die Probleme oft nicht und schadet mehr, als viele Laien ahnen. Selbst die Schmerzexpertin Anne M. musste diese Lektion erst lernen.

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Schon mit zehn Jahren litt sie unter Migräne. Ihre Kinderärztin empfahl ein Ergotamin-Präparat. Das half. Auch im Medizinstudium waren die Schmerzen kein Problem. Das änderte sich, als die frisch approbierte Ärztin die ersten Schichtdienste hinter sich brachte. Tagelang quälten sie heftigste Migräneattacken. Was sie auch versuchte, die Präparate schlugen kaum noch an. Es war der Beginn des verzweifelten Versuchs, mit immer neuen Medikamenten den Schmerz zu besiegen. Die Geschichte von Anne M. mag extrem klingen. Doch sie ist symptomatisch, bei vielen medizinischen Laien verläuft sie ganz ähnlich.

Was den wenigsten Patienten bewusst ist: Werden Schmerzmittel (»Analgetika«) zu oft eingenommen, lösen sie selbst Schmerz aus. Jeder zehnte Kopfschmerzpatient leidet aus diesem Grund unter Dauerschmerzen. Fast zynisch klingt da der Hinweis auf dem Beipackzettel des populären Präparats Thomapyrin: »Bei längerem hoch dosiertem, nicht bestimmungsgemäßem Gebrauch von Schmerzmitteln können Kopfschmerzen auftreten, die nicht durch erhöhte Dosen des Arzneimittels behandelt werden dürfen« – doch wie soll man die einen Schmerzen von den anderen unterscheiden?

Zumal wenn selbst Anästhesisten wie Anne M. nicht genügend informiert sind. Obwohl später in der Praxis sicher die Hälfte aller Patienten unter irgendeiner Art von Schmerz leidet, ist für die Feinheiten einer gezielten Schmerztherapie im Studium kein Platz. Auch Anne M. hatte wie ihre Kollegen die seltensten Unterarten mancher Krebsformen auswendig gelernt, wusste aber nichts über die 242 verschiedenen Formen von Kopfschmerzen. Die Unkenntnis bereitet den Boden für manches auch unter Ärzten verbreitete Vorurteil. »Die meisten denken, Migräne sei eine Ausrede für Frauen in den Wechseljahren«, sagt sie. Also versteckte die Ärztin ihr Leiden. »Wenn mir im OP übel wurde, bin ich nach draußen gerannt und habe hinterher gesagt, ich hätte mir den Magen verdorben.«

Es war nicht so, dass Anne M. ihre Krankheit unverantwortlich in die eigenen Hände genommen hätte. Anfangs beriet ihre Hausärztin sie, später wachte ein Neurologe über die Spirale aus immer neuen Strategien und Medikamenten: Flunarizin (»das hat mich nur müde gemacht und gar nichts genützt«), Valproat, hoch dosiert (»davon bekam ich Osteoporose und habe mir deshalb die Hüfte gebrochen«), für eine Weile half ein Triptan-Nasenspray – aber irgendwann war auch diese Option ausgereizt. Dann spritzte Annes Ehemann, ebenfalls Anästhesist, ihr gelegentlich Analgetika, damit sie ihren Dienst durchstehen konnte. Schließlich zog ihr Neurologe die Notbremse und überwies seine Patientin nach Kiel in eine Schmerzklinik.

Das rote Backsteingebäude thront auf einer Anhöhe am Flüsschen Schwentine. Auf dem Zwischenflur im dritten Stock steht eine Menschenfigur, 2,10 Meter hoch, 180 Kilogramm schwer, aus grob bearbeitetem hellem Pappelholz. Wer die Skulptur umrundet, entdeckt im Holz Dutzende bunter Heftzwecken. Es sind Markierungen von Patienten, die ihren stärksten Schmerz lokalisieren sollten: Die Zwecken ballen sich im Kreuz, im Nacken und auf dem Schädel des Holzmannes.

Leserkommentare
    • rowo
    • 11. Februar 2011 18:18 Uhr

    Ein guter Artikel, weist er doch auf das Thema "Volksdroge Schmerzmittel" hin, das in den Medien weitaus weniger Beachtung findet, als die beiden anderen Volksdrogen Alkohol und Nikotin. Die Pharma-Lobby leistet hier offenbar ganze Arbeit, um die schädlichen Begleiterscheinungen bei der dauerhaften Einnahme von Schmerzmitteln "unter den Teppich" zu kehren, denn eigentlich müsste die Politik hier mit ähnlichen Aufklärungs-Kampagnen reagieren, wie im Falle von Alkohol und Nikotin. Es ist schon seit langem notwendig, dass sich mutige Politiker dazu bereit erklären, der übermächtigen Pharma-Lobby die Stirn zu bieten.

    Eine Leserempfehlung
  1. 2. Folgen

    Die Folgen von drastischem Schmerzmittelkonsum sind gravierend. Gerade durch die Einstufung niederdosierter NSAR, wie Asprin oder Ibuprofen, als nur "Apothekenpflichtig" ist fatal. Dadurch wird der Eindruck erweckt es handle sich um ein Medikament, das wegen geringer Gefährlichkeit quasi ohne Rezept abgegeben werden kann. Ich selbst nehme meist nur bei starken Schmerzen wegen empfindlichem Magen entweder ein Präparat auf Opioidbasis oder in Kombination mit Portonenpumpenhemmer ein. Eine Abgabe in kleinen Packungen und nur mit Rezept würde ich für Begrüßungswert halten gerade um den Missbrauch bei wochenendlichem Alkoholgenuss zu unterbinden. Man kann seinen Kater auch mal so durchstehen.

    Übrigens gibt es auch Fortschirtte in der Schmerzbehandlung die ganz ohne Medikamente auskommen und die meiner Meinung nach gerade für Migräniker eine sic lohnende Option darstellen. Biofeedback nennt sich das Verfahren. Das klingt zwar nach Hokuspokus die Wirksamkeit ist aber für Migräne (villeicht mittlerweile auch für andere Krankheiten), hinreichend belegt, ist also der EBM zugehörig.

    weitere Infos gibts auf Wiki:

    http://de.wikipedia.org/w...

  2. [...]
    Im Artikel richtigerweise darauf hingewiesen, dass es sehr viele unterschiedliche Formen von Kopfschmerzen gibt. Allerdings sind nicht die Formen so vielfältig, sondern vor allem deren Ursachen. Also zu erst eine ordentliche Diagnose.

    Der Ruf nach Verboten halt wieder durch den deutschen Blätter-Wald. Richtig zu viel Schmerzmittel sind ungesund. Aber zu viel laufen ist auch ungesund, wie viele Mediziner bestätigen werden - vor allem Orthopäden. [...]

    Entfernt. Bitte beteiligen Sie sich mit sachlichen Kommentaren an der Debatte. Danke. Die Redaktion/ew

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    Der Artikel ist gut aufbereitet und geschrieben. Er beschreibt ein gravierendes Problem; mit einem intellektuellen Anspruch.

    Ihr Beitrag ist einfach nur platt. Das erwartet man eher in einem Forum über das Thema Homöopathie.

  3. Der Artikel ist gut aufbereitet und geschrieben. Er beschreibt ein gravierendes Problem; mit einem intellektuellen Anspruch.

    Ihr Beitrag ist einfach nur platt. Das erwartet man eher in einem Forum über das Thema Homöopathie.

    Antwort auf "Erschrenkend!!!"
    • 9587
    • 11. Februar 2011 22:32 Uhr

    "... Schmerzen müsse man auch einmal aushalten können. Nur wollten viele Menschen das eben nicht mehr, ob im Sport, in der Freizeit oder im Job."

    Ich frage mich, wie sich Herr Göbel das pauschal vorstellt?
    Während einem unbehandelten Migräneanfall bin ich z.B. de facto arbeitsunfähig. Ich kann nicht in einen hellen Bildschirm sehen, weil Licht für mich unerträglich ist. Ich kann nicht telefonieren oder an Besprechungen teilnehmen, weil ich dann geräuschempfindlich bin. Ich bin dann unkonzentriert und gereizt. Unbehandelt steigert sich die Migräne zur kompletten Reizüberempfindlichkeit (selbst mich selbst zu berühren ist schlimm!) und Übelkeit, teilweise dauert so ein Anfall dann mehrere Tage.
    Dazu kommt, dass mein Hauptauslöser "starke Wetterveränderung" heißt, d.h. ich *kann* den Auslöser nicht beeinflussen. Selbst mein sonst gesunder Lebensstil verhindert die Attacken nicht, die bei mir leider in der Familie liegen.

    Ich habe also die Wahl, ohne Medikamenteneinnahme mindestens(!) einen Tag arbeitsunfähig zu sein, oder gleich beim Auftreten der ersten Symptome ein (so gering wie möglich dosiertes) Medikament zu nehmen um danach relativ rasch wieder fit zu sein.
    Natürlich achte ich sehr darauf, nur in wirklich ernsten Fällen Tabletten zu nehmen und das in der geringstmöglichen Dosierung. Aber ganz darauf zu verzichten ist mit meinem Alltag und wahrscheinlich auch dem vieler anderer auf Dauer einfach nicht vereinbar.

  4. Wegen Kopfschmerzen (wenn sie sich im erträglichen Rahmen bewegen, braucht man keine Chemie, sprich Tabletten usw.). Einfach mal die Lebensweise ändern. Frische Luft, Bewegung, ausreichende Flüssigkeit aufnehemen und schon geht es besser. Die meisten Krankheiten sind eh eingebildet bzw. eingeredet. Ein normaler und auch gesunder Mensch wird selten krank, wenn er auf Tabletteneinahme verzichtet. Die alten Regeln greifen auch hier, sich bewegen und eine positive Lebenseinstellung einnehmen, dann braucht man keinen Arzt.

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    Schmerz ist auch ein Symptom und kann daher Hinweis auf eine Erkrankung sein. Insofern ist eine diagnostische Einordnung des Schmerzes wichtig.
    Ansonsten verkennen Sie offensichtlich den Kampf vieler Ärzte gegen den Schmerzmittelkonsum.

    • dhukka
    • 12. Februar 2011 2:48 Uhr

    "Zumal wenn selbst Anästhesisten wie Anne M. nicht genügend informiert sind."

    Ähm...wenn mir der Artikel hier tatsächlich sagt das selbst Anästhesisten nicht wissen wie man schmerzen vernünftig behandelt, wer hat denn dann hier überhaupt noch einen Plan?

    Wie unsere Gesellschaft einfach die Verantwortung abgibt, oder sich wünscht das sie es könnte..

  5. Schmerz ist auch ein Symptom und kann daher Hinweis auf eine Erkrankung sein. Insofern ist eine diagnostische Einordnung des Schmerzes wichtig.
    Ansonsten verkennen Sie offensichtlich den Kampf vieler Ärzte gegen den Schmerzmittelkonsum.

    Eine Leserempfehlung

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