MedizinSchnecken, Zauber, Aderlass

Die Historie des Schmerzes kennt viele Mittelchen und eine zentrale Frage: Wie hängen Körper und Geist zusammen? von 

Ein Arzt lässt Patienten zur Ader. Historische Darstellung von 1754

Ein Arzt lässt Patienten zur Ader. Historische Darstellung von 1754  |  © Hulton Archive/Getty Images

Das Aspirin der Römer war eklig. Gegen Kopfschmerz empfahl der Universalgelehrte Plinius im ersten Jahrhundert unserer Zeitrechnung »abgeschnittene Köpfe von Schnecken, die man nackt und noch nicht fertig ausgebildet findet«. Auch bei schmerzhaftem Harndrang riet er zu Weichtieren: »Nachdem man drei Schnecken aus den Schalen genommen und zerquetscht hat, trinkt man sie in einem Schöpfbecher Wein.«

Nicht überliefert ist, wie oft die Römer nach durchzechter Nacht zur Schnecke griffen – und ob das wirkte. Gewiss ist hingegen, dass es damals wie heute Anlass genug gab. Oder wie es der Barockdichter Andreas Gryphius im Gedicht Menschliches Elende ausdrückte: »Was sind wir menschen doch? Ein wohnhaus grimmer schmertzen.«

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Und mancher Rätsel. Denn während bei sichtbaren Verletzungen der Auslöser eines Schmerzes – schon für die ersten Menschen – unstrittig gewesen sein dürfte, plagten innere Schmerzen die Menschheit doppelt: Erstens tat es weh, zweitens quälte die Frage nach der Ursache. Aus frühen Hochkulturen ist die bange Vermutung überliefert: Hier mussten Dämonen am Werk sein! Die Ägypter fürchteten etwa, dass ihnen in der Nacht Geister in die Nase kröchen und das Gesicht von innen umkrempelten. Zauberer wurden gebeten, den Dämonen zu drohen. Waren keine Zauberer da, mussten es Gebete tun. Auch bei den Griechen, Indern und Juden herrschte die Auffassung, Krankheit und Schmerz seien das Werk höherer Mächte. Welche die Menschen damit straften.

Die Naturphilosophen der Antike spekulierten in eine andere Richtung. Demokrit von Abdera verfolgte Mitte des 5. Jahrhunderts vor unserer Zeitrechnung die Idee, dass Schmerz die Folge einer Störung der harmonischen Verhältnisse der Körperatome sein müsse. In den hippokratischen Schriften tauchten dann die vier Körpersäfte Blut, Schleim, gelbe und schwarze Galle auf. Stünden diese im richtigen Mischungsverhältnis, gehe es dem Menschen gut. Staue sich ein Saft irgendwo im Körper oder sei eine Stelle saftarm, schmerze es.

Der Arzt Galen aus Pergamon (130 bis 200 nach Christus) war der bekannteste Vertreter der Säftelehre. Um sie wieder ins Gleichgewicht zu bringen, empfahl er ein Wellness-Paket: Entschlackung, Lockerung verkrampften Gewebes und Entspannung. Die Idee einer gestörten Körperharmonie als Ursache für Schmerzen sollte unter den Gelehrten bis in die frühe Neuzeit in vielen Variationen vorherrschen. Eine plausible, aber unwirksame Therapie: der Aderlass. Das Abzapfen von Blut sollte die Mischung der Körpersäfte regulieren.

Zu allen Zeiten experimentierten die Heiler aber auch mit chemischen Nothelfern. Galen reichte einen Schluck verdünnten Saftes aus Stinklattich, einem Verwandten des Kopfsalats. Im Mittelalter standen die Nachtschattengewächse hoch im Kurs. Und dann war da von jeher noch die Königin der Schmerzmittel, das Opium. Schon in der Steinzeit kam Schlafmohn in Europa als Kulturpflanze vor. Und vom Einsatz des daraus gewonnenen Opiums zeugen antike Quellen.

Die pharmazeutische Formelsammlung Antidotarium Nicolai, aus der Mitte des 12. Jahrhunderts, listete unter 140 Präparaten nicht weniger als 29 Opium-Elixiere auf, schreibt Franz-Josef Kuhlen in einer Abhandlung Zur Geschichte der Schmerz-, Schlaf- und Betäubungsmittel . Doch mit den Schmerzmitteln ging wie immer der übermäßige Gebrauch einher. »Mag der Schlafmittelgebrauch vielleicht niedriger als heute gewesen sein«, schreibt Kuhlen, »so dürfte der Usus aber auch der Abusus von Schmerzmitteln kaum geringeren Umfang gehabt haben.«

Leserkommentare
  1. Die Mystikerin Hildegard von Bingen, deren Heilmittel seit dem 12. Jahrhundert in der westlichen Heilkunde bekannt sind, empfahl zu ihren Lebzeiten z.B. bei der Behandlung von Kopf- und Lendenschmerzen, gegen Verkrampfungen und auch bei Geschwulsten pures Olivenöl. Allerdings riet sie einst nur zur äußerlichen Anwendung.
    Viele ihrer überlieferten Daten bezüglich der Behandlung von Krankheiten, die ja auch von Schmerzen geprägt sein konnten, sind heute in ihrer Zusammensetzung nicht mehr anwendbar. Und doch konnte Hildegard von Bingen damals sehr vielen Menschen dank ihrem Wissen über Heilkräuter helfen. In unserer schnelllebigen Zeit macht sich keiner mehr die Arbeit, um irgendwelche überlieferten Rezepturen anzuwenden, auch wenn diese tatsächlich Schmerzen lindern könnten. Gegen Zahnschmerzen half angeblich ein Wermutwein und einige Menschen schwören heute noch auf dieses Rezept von Hildegard von Bingen.

    2 Leserempfehlungen
  2. Es ist eine Mähr, dass Aderlaß immer wirkungslos war -
    zumindest sofern er mit Blutegeln durchgeführt wurde.
    Blutegel sondern nämlich beim Biss zugleich Stoffe ab, die entkrampfend, entzündungshemmend und schmerzlindernd wirken. Wird heutet zum Teil wieder gemacht ;-)

    Das nur als kleine Anmerkung. Ansonsten amüsierender Artikel.

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    Der Aderlass ist sogar eine Standarttherapie bei Hämochromatose. Und wird heute regelmäßig eingesetzt.

    • meditz
    • 13. Februar 2011 22:21 Uhr

    Man bedenke in diesem Zusammenhang auch die Wirkmächtigkeit von Placebos, insbesondere in Verbindung mit Suggestion. Bei all den Irrtümern in der Geschichte der Medizin kann man wohl behaupten, dass auf ihr, in der Geschichte der Heilkunst auf allen Kontinenten, die meiste Wirkung beruht.

    3 Leserempfehlungen
  3. Interessant finde ich auch,dass reines Wasser Schmerzen lindern kann.Hat mir z.B.selbst schon oft bei Magen-oder Kopfschmerzen gut geholfen,wenn ich nur 1-2 Gläser Wasser trank. Sogar unerträgliche Zahnnervschmerzen kann man lindern,indem man immer wieder einen Mund voll Wasser nimmt.
    Ein irakischer Arzt,der unter Saddam Hussein Folteropfer betreuen musste und nach Deutschland geflohen war,berichtete einmal im TV,dass er allein durch Wassergüsse viele Schmerzen habe lindern können.Er hat darüber auch ein Buch geschrieben.Leider hab ich seinen Namen vergessen.
    Wenn man heute aber über Schmerzen spricht,muss man auch über Schwermetallbelastungen im Körper sprechen,vor allem durch Quecksilber. Es ist das giftigste nichtradioaktive Element auf Erden und Nervengift erster Güte!Es gibt nur zwei sichere Orte auf der Welt,es zu deponieren:1.auf Sondermülldeponien mit Hochsicherheitsstufe und 2.im Menschlichen Körper durch Amalgamplomben(zu50%enth.)und durch Impfsera,wo es als sog."Adjuvanz" enthalten ist.
    Es lagert sich vor allem im Hirn ab,aber auch in anderen Organen und ohne spezielle Ausleitung verbleibt es dort und kann schlimmste,chronische Schmerzen verursachen. Ich habe damit 15 Jahre lang selbst zu kämpfen gehabt.Wens interessiert:AZK-Vortragsvideo mit Dr.Joachim Mutter.

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    Die Quecksilberbelastung wird durch Amalgamplomben nur geringfügig erhöht, die Belastung ergibt sich durch die Aufnahme von Quecksilber in organischen Verbindungen(Fisch).

  4. kontrollierte Narkose, die am MGH in Boston durchgefuehrt wurde, im uebrigen durch einen Zahnarzt, und der der bekannte Arzt und Publlizist Oliver Wendell Holems, Senior, den Namen Anaesthesie gab, fand 1846 statt nicht 1867.

  5. Die Quecksilberbelastung wird durch Amalgamplomben nur geringfügig erhöht, die Belastung ergibt sich durch die Aufnahme von Quecksilber in organischen Verbindungen(Fisch).

  6. Der Aderlass ist sogar eine Standarttherapie bei Hämochromatose. Und wird heute regelmäßig eingesetzt.

    Antwort auf "Aderlaß"
    • 42317
    • 24. April 2011 11:42 Uhr

    Vielleicht sollte man die Patentierung von Heroin durch Bayer in den späten 1890er Jahren ebenfalls nennen?
    Das würde ich einen modernen Rückschlag in der Schmerzmittelforschung nennen, in dem man aus Gewinnsucht und Kurzsichtigkeit die Gefahren des Produkts übersah oder unter den Teppich kehrte.
    (DDT war ja auch so eine Idiotie, wenn auch auf einem anderen Gebiet.)

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  • Schlagworte Bayer AG | Aspirin | Dämon | Opium | Paracetamol | Schmerzmittel
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