Alle Kolumnen von Harald Martenstein aus dem ZEITmagazin zum Nachlesen © Nicole Sturz

Wahrscheinlich waren wir eine Zeit lang Freunde, nein, das nicht, eher gute Bekannte. Ich lebte in Stuttgart und war, unter anderem, Gerichtsreporter. D. war der Stuttgarter Korrespondent der taz. Damals war es noch sehr wichtig, wo man politisch stand. Für D. spielte das keine Rolle, er konnte mit jedem. Er war groß, lockig und sanft, er hatte Humor, ein gut aussehender, sympathischer Typ, ich glaube, die Frauen flogen auf ihn. Wir haben hin und wieder ein Glas zusammen getrunken. Er schrieb oft über Prozesse – Terroristen, Nazis, Mörder. Das interessierte ihn: Schuldfragen. Manchmal hängt es von Zufällen ab, ob man auf der Seite der Täter oder auf der Seite der Opfer landet, das lernt jeder Gerichtsreporter, darüber haben wir geredet. Später verloren wir uns aus den Augen. D. ging als Kriegsberichterstatter auf den Balkan.

Jahre später betreute ich bei einer anderen Zeitung die Kinderseite, und D. meldete sich plötzlich wieder. Er war inzwischen beim Tigerenten Club, einer Kindersendung im Fernsehen, und schlug vor, dass unsere Kinderseite mit der Sendung zusammenarbeitete. Er selber hatte keine leiblichen Kinder, leider, erzählte er, aber er hatte, glaube ich, welche adoptiert, eins oder zwei, ich erinnere mich nicht mehr genau. Die Zusammenarbeit lief darauf hinaus, dass wir Texte gratis bekamen und dafür auf die Sendung hinwiesen, außerdem konnten Kinder, die unsere Zeitung lasen, als Gäste in den Tigerenten Club kommen. Warum wir nach einer Weile damit aufhörten, weiß ich nicht mehr. Es gab jedenfalls keine besonderen Vorfälle. D. lebte nicht mehr lange, er hatte Krebs, mit 64 Jahren ist er gestorben.

Dann, vor ein paar Tagen, las ich, dass D. ein Kinderschänder gewesen ist. Er unterrichtete, bevor er Journalist wurde, an der berüchtigten Odenwaldschule, die Liste der Opfer ist lang, und Kinderpornografie hat er auch gesammelt. In einem Artikel über ihn wurde die Vermutung geäußert, dass er wegen seiner Neigung Kriegsreporter auf dem Balkan wurde, etwas, das, wenn man ihn ein wenig kannte, überhaupt nicht zu ihm zu passen schien. Vielleicht musste er sich absetzen. Vielleicht war es auf dem Balkan leichter, an Kinder heranzukommen. Vielleicht war der Krieg auch eine Art Therapie. Man wird es nie erfahren.

Viele Leute schrieben über ihn, in Zeitungen, im Internet. Er ist wohl der erste Päderast, den etliche Journalisten gut oder sehr gut kannten. Alle mochten ihn. Niemand hat etwas gemerkt. Einer, der behauptet, sein bester Freund gewesen zu sein, schrieb, er habe ihn, den Freund, »schändlich betrogen«. Er würde ihm jetzt gerne »wutentbrannt meine Verachtung entgegenbrüllen. Bisher hing sein Bild über meinem Schreibtisch. Doch damit ist jetzt Schluss.«

Das Wesen von Freundschaft, oder Liebe, scheint mir aber genau darin zu bestehen, dass in einer solchen Situation nicht Schluss ist. Das einleuchtendste Beispiel ist das eigene Kind, das zum Mörder wird und dem man, hoffentlich, trotzdem beisteht. Mit einer Billigung oder Verharmlosung der Tat hat das nichts zu tun. Was würde ich tun, wenn ich in der Situation von D. wäre? So eine Neigung sucht man sich nicht aus. Es hängt dann wohl alles davon ab, ob man seine Scham überwinden kann und die Kraft findet, sich zu offenbaren. Ich bin wirklich nicht sicher, ob ich das könnte. Wenn ich aber der beste Freund von D. gewesen wäre, dann dürfte ich jetzt nicht sein Bild abhängen, sondern ich müsste mich vor den Spiegel stellen und mich fragen, was für ein Freund ich ihm gewesen bin.

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