Mobilfunkwirtschaft Satt ist satt

Bald hat jeder Mensch ein Handy. Die Industrie sucht das Geschäft von morgen.

Wo kein Empfang ist, beginnt die Einsamkeit. Im Regenwald des Amazonas. In der Sahara. An der Nordküste Kanadas. Kein Mobilfunksignal streicht dort übers Land, kein Handy findet dort ein Netz. Aber bloß noch eine Minderheit lebt in Offline Country, der weitaus größte Teil der Menschheit ist längst angeschlossen. Rund 90 Prozent der Weltbevölkerung wohnt an Orten, an denen das Display eines Mobiltelefons kleine Balken anzeigt, den universellen Code globaler Kommunikationsbereitschaft: Das Netz ist da. Von hier aus kannst du so gut wie jeden anrufen.

Ende vergangenen Jahres dürfte es weltweit rund 5,3 Milliarden Mobilfunkverträge gegeben haben, schätzt die International Telecommunications Union (ITU), die für die Vereinten Nationen den Stand der Kommunikationstechnik beobachtet. Angesichts von knapp sieben Milliarden Menschen kommt rechnerisch also ein Mobilfunkanschluss auf jeden, der älter ist als zehn Jahre. Das ist bedenkenswert für eine Branche, die bislang wuchs, weil sie möglichst vielen Menschen ein Handy zum Telefonieren verkaufte. Was aber, wenn jeder eines hat? "Das Wachstum im Mobilfunk verlangsamt sich", berichtet die ITU. "In den entwickelten Ländern ist der Mobilfunkmarkt beinahe gesättigt."

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Gesättigt. Das Wort hören sie gar nicht gerne, die Nokias, Ericssons und Vodafones, die Verkäufer von Handys, Sendemasten und Telefontarifen. Gesättigt klingt nach genug. Besser wäre hungrig, denn das hieße: mehr wollen, mehr kaufen, mehr zahlen. Aber wer satt ist, ist satt.

Eine "nie dagewesene Welle der Veränderung" rolle auf die Mobilfunkindustrie zu, glauben die Veranstalter des Mobile World Congress in Barcelona. In der ostspanischen Metropole trifft sich von nächstem Montag an die Elite der Kommunikationsbranche, um den Kunden das Hungergefühl zurückzugeben. Wie schafft man etwas Begehrenswertes, das Herzen und Brieftaschen öffnet? Welche technischen Neuerungen bringen echte Fortschritte? Diese beiden Leitfragen begleiten die Mobilfunkindustrie bei ihrer Suche nach dem Geschäft von morgen – und sie glaubt, die Antworten darauf schon gefunden zu haben.

Die Zahl der Handys pro Kopf wird künftig weniger bedeutsam sein als die Art der Nutzung. "Wir erleben eine Revolution. Bislang zeichnete sich der Massenmarkt der mobilen Kommunikation durch Sprache aus, also klassische Telefonate. Spätestens seit vergangenem Jahr steht fest, dass die Menge mobil versendeter Daten massiv zunehmen wird", sagt Roman Friedrich, Partner bei der Unternehmensberatung Booz & Company. Allein im letzten Quartal 2010 wurden weltweit mehr als 100 Millionen Smartphones verkauft, fast eine Verdoppelung gegenüber dem Vorjahreszeitraum.

Diese digitalen Alleskönner sind außer Telefon noch Kamera, Musikspieler, Navi und Computer. Sie sind in der Regel ständig über Mobilfunk mit dem Internet verbunden, ebenso wie die flachen Tablet-Rechner, zu denen etwa das iPad von Apple gehört.

Im Geschäft mit Privatkunden liefern solche Geräte das Wachstum von morgen. Sie verdrängen die Einfachhandys, mit denen man kaum mehr tun konnte als telefonieren. Vor allem in entwickelten Ländern ist das so, weil dort der aktuelle Funkstandard der dritten Generation einigermaßen zügige Datenübertragung ermöglicht. Im Rest der Welt ist diesbezüglich noch Spielraum: Global gesehen, verwenden nämlich derzeit acht von zehn Handys die langsameren Funkstandards der zweiten Generation. In diesen Netzen sind Kurznachrichten populärer als das Surfen im Internet. So hat sich die Zahl der versendeten SMS in den vergangenen drei Jahren etwa verdreifacht, mit ihnen werden minütlich 812 000 Dollar umgesetzt. Bei schnelleren Verbindungen und fallenden Preisen dürfte mobiles Surfen allerdings attraktiver werden. Das Interesse sei messbar, berichtet die ITU: "Die Menschen wechseln zügig auf die schnelleren Plattformen."

Leser-Kommentare
  1. Und wieder eine Industrie die sich verfahren hat...

    Mobiltelefone sollen heute alles können... nur dass die Besten Photohandys schlechtere Kameras haben als eine alte Kompaktkamera (oder eine alte Spiegelreflexkamera) und wenn man sie als Musikspieler nutzt ist die Tonqualität nicht berauschend, abgesehen davon dass nachher der Akku leer ist und ein dedizierter MP3 Player wesentlich besser für die Musikbeschallung ist.

    Man muss sich vielleicht fragen wie viele Mobiltelefone der Mensch braucht - schaut man auf Engadget gibt es fast jeden Tag neue Mobiltelefone... wer braucht die alle? Ja, klar, ab und zu braucht es neue Geräte, aber im Dauertakt? Mein Mobiltelefon ist nun fast 3 Jahre alt... brauche ich es... eigentlich nicht.

    Letzten Donnerstag bin ich zudem ohne Notebook zur Uni gereist - ach war das angenehm, abgekoppelt von der Welt, nicht mehr dauernd emails - einfach Ruhe, Wagner und ein gutes Buch aus Papier im Zug (Dostojewski Schuld und Sühne).

    Wenn die Mobilfunkindustrie tatsächlich gedacht hat dass der Mobilfunkmarkt ewig wachsen kann und sich immer neue Kunden für ein Mobiltelfon finden dann war das von vornherein eine Illusion.
    Und ob jeder immer erreichbar sein will - es sorgt nur für Stress, insofern würde ich nicht darauf wetten dass sich jeder ein "Smartphone" kaufen wird (die sind übrigens auch ohne Mobilfunkvertrag nützlich) - dazu sind die meisten "Smartphones" auch nur "Featurephones", Smartphones gibt es wenige. RIM, Ericsson und Nokia stellen sie her

    Eine Leser-Empfehlung
    • MJB
    • 13.02.2011 um 15:01 Uhr

    Hier zeigt sich das kapitalistische Weltverständnis von seiner ekelhaftesten Seite.
    Das fängt damit an, Gebrauchsgegenstände von vornherein mit einer geringen Haltbarkeit zu produzieren, um sie möglichst viel und häufig verkaufen zu können und endet bei abstrahierten Überlegungen, wie man "die Menschen hungrig machen kann".
    Auch wenn dies nur eine metaphorische Formulierung ist, zeigt sie doch den Charakter der Grundeinstellung sehr gut, wie ich finde. Der Mensch ist hier nur ein Faktor, wer ihn am meisten "endpersonalisiert" macht am meisten Geld.

    Ich entschuldige mich für die vielleicht etwas überschwängliche Polemik, aber bei solchen Themen könnte ich mich wirklich in Rage reden.

    Mit freundlichen Grüßen

  2. Die im Artikel beschriebenen Dienste wären längst mit heutiger Technik zu betreiben. Es braucht nicht viel Datenvolumen, einen automatischen Notruf abzusetzen. Es braucht auch kaum Datenvolumen, Hausautomation zu betreiben und z.B. eine Heizung einzuschalten. Existiert alles für den, der es haben will. Nur - es will niemand haben. Sonst hätte es nämlich schon jeder. Die Nachfrage nach mobiler Telefonie war real vorhanden, deshalb hat heute jeder ein Handy. Die Nachfrage nach mobiler Videotelefonie tendiert gegen Null - obwohl technisch längst möglich. Selbst zu Hause macht das kaum jemand. Zum Leidwesen der Hersteller und Provider halten sich die Kunden an das, was sie brauchen - ein Telefon. Nicht mehr und nicht weniger.

    Und unendlich viele Kunden sind mittlerweile unendlich genervt von den sinnfreien Smartphones, die zwar problemlos als Spielekonsole taugen, aber dank kapazitivem Touchdisplay im Winter noch nichtmal mit Handschuhen zu bedienen sind.

  3. Die Grenze dessen, was die Menschen bereit sind, monatlich für Mobiltelefonie zu zahlen, ist erreicht. Neue Dienste können sich nur durchsetzen, wenn sie quasi kostenlos aufaddiert werden. Dazu sind die Provider zu geizig.

    Und viele Angebote braucht kein Mensch. Bspw. Videotelefonie, was soll der Mist? Praktisch lässt sich das unterwegs garnicht anwenden, oder soll man mit ausgestrecktem Arm telefonieren-geht nicht, vor allem wegen unserer Geschichte! ;)

    Internet im Handy, nunja, unterwegs braucht mans nicht wirklich, zumal man am Handy nur passiv konsumieren kann. Text größer als SMS per Handy, macht kein Mensch. Im Web surfen aufgrund der geringen Bildschirmgröße und der langsamen Geschwindigkeit eine Qual-die Preise tun ihr übriges.

    Wenn die Provider was bewegen wollten, dann müssten sie einheitliche Preise für Telefonie schaffen. Aufs Handy anrufen genauso teuer wie aufs Festnetz, Auslandsgespräche genau so teuer wie vom Festnetz getätigt etc.. Dann ginge noch was, weil man dann Festnetz für Telefonie nicht mehr brauchen würde, nur noch für DSL.

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    Mobiles Internet ist ausgesprochen praktisch und eine ganze Menge Menschen benutzen es.
    Zum Beispiel bei der Bahn, wenn man Verspätung hat und wissen will ob man den Anschlußzug noch erreicht. Oder wenn man spazieren geht und sich über die Sehenswürdigkeiten vor Ort informieren will. mal eben emails checken. Sich Mit Hilfe von GPS und Open-Street-Maps aus dem tiefen finsteren Wald kämpfen;-)
    Und und und.
    Geringe Bildschirmgröße? Da hatten sie wohl noch nie ein Smartphone mit 800x480 Auflösung in der Hand.
    Und zu den Preisen muss ich sagen, dass sich die Anbieter ausserhalb der großen Netzbetreiber gerade ziemliche Preiskämpfe liefern. Man kann sogar ohne Vertragsbindung eine Flatrate für 10Euro haben. (blau.de)
    Geschwindikeit? Wlan, UMTS, HSDPA, EDGE sollte in den meisten Fällen genügen.

    Fazit: Einziger Nachteil ist das Suchtpotential und die chronische Abgelenktheit.

    P.S. Videotelefonie abseits des Wohnzimmers braucht man tatsächlich nicht, da stimme ich Ihnen ausnahmsweise zu;-)

    Mobiles Internet ist ausgesprochen praktisch und eine ganze Menge Menschen benutzen es.
    Zum Beispiel bei der Bahn, wenn man Verspätung hat und wissen will ob man den Anschlußzug noch erreicht. Oder wenn man spazieren geht und sich über die Sehenswürdigkeiten vor Ort informieren will. mal eben emails checken. Sich Mit Hilfe von GPS und Open-Street-Maps aus dem tiefen finsteren Wald kämpfen;-)
    Und und und.
    Geringe Bildschirmgröße? Da hatten sie wohl noch nie ein Smartphone mit 800x480 Auflösung in der Hand.
    Und zu den Preisen muss ich sagen, dass sich die Anbieter ausserhalb der großen Netzbetreiber gerade ziemliche Preiskämpfe liefern. Man kann sogar ohne Vertragsbindung eine Flatrate für 10Euro haben. (blau.de)
    Geschwindikeit? Wlan, UMTS, HSDPA, EDGE sollte in den meisten Fällen genügen.

    Fazit: Einziger Nachteil ist das Suchtpotential und die chronische Abgelenktheit.

    P.S. Videotelefonie abseits des Wohnzimmers braucht man tatsächlich nicht, da stimme ich Ihnen ausnahmsweise zu;-)

    • tr4e
    • 13.02.2011 um 17:05 Uhr

    ist ein generelles Problem des Kapitalismus. Zumindest, solange das Primärziel Wachstum und Geldscheffeln heißt...

    • iushee
    • 13.02.2011 um 17:30 Uhr

    In den Artikel haben sich einige Fehler eingeschlichen:

    Barcelona ist nicht südspanisch, eher im Gegenteil. Barcelona liegt im noröstlichen Zipfel von Spanien.

    "2G" und "3G" sind keine Funkstandards:

    2G bezeichnet die zweite Generation (daher der Name) der Mobilfunknetze, die sich durch die Einführung von Digitaltechnik von der ersten (analogen) Generation abhebt. Ein Beispiel für eine 2G-Technik ist GSM; als 2G-Datenübertragungstechniken sind GPRS und EDGE bekannt.

    3G bezeichnet die dritte Generation der Mobilfunknetze, die bei uns hauptsächlich in Form des UMTS-Standards bekannt ist. Sie unterscheidet sich hauptsächlich durch erheblich höhere Geschwindigkeit der Datenübertragung von 2G-Techniken.

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    Redaktion

    Vielen Dank, ich habe das mit den Funkstandards etwas anders formuliert, nun wird es klarer, glaube ich. Und auch Barcelona ist nun in der richtigen Himmelsrichtung positioniert.

    Beste Grüße
    Kai Biermann

    Redaktion

    Vielen Dank, ich habe das mit den Funkstandards etwas anders formuliert, nun wird es klarer, glaube ich. Und auch Barcelona ist nun in der richtigen Himmelsrichtung positioniert.

    Beste Grüße
    Kai Biermann

    • fanta4
    • 13.02.2011 um 17:43 Uhr

    Kein Mensch möchte sich von einer Waschmaschine, oder vom Kühlschrank bevormunden lassen.
    Das ist eine Totgeburt.

    Mit dem öffnen der Kühlschranktür akzeptieren sie die allgemeinen Geschäftsbedingungen von Google...

    Um es mit Spliff zu sagen: Computer sind doof.
    http://www.youtube.com/wa...

    • Keiner
    • 13.02.2011 um 17:45 Uhr

    Ich brauche es nicht oder alles Quatsch, braucht kein Mensch - ergo brauchen es alle anderen auch nicht.

    Die heutigen Smartphones können nicht alle Geräte vereinigen oder ersetzen, aber für viele ist das völlig ausreichend. Die wollen bspw. nicht ne Spiegelreflexkamera mitschleppen, sondern nur mal ein Foto machen und das vielleicht jemand schicken (ich mache sowas manchmal in einem Geschäft, wenn ich mich mit meiner Frau wegen eines Kaufs absprechen will). Ideen für zukünftige Nutzungsmöglichkeiten hätte ich ebenfalls ein paar, aber mit Sicherheit werden die einigen nicht gefallen, aber die müssen sie ja auch nicht nutzen. Aber wenigstens müsste der Onlinezugang preiswerter werden. Da wird es hierzulande sicherlich etwas dauern.

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    brauchen sie aber keine 5, 8 oder wie viele MP die Dinger haben die bei regulärer Geschäftsbeleuchtung nur verwackeltes Bildrauschen erzeugen.

    Und auch die Geräte mit niedrigeren Megapixelzahlen sind bei schlechter Beleuchtung eher schlecht - obschon die Technik für eine bessere Bildqualität existiert.

    brauchen sie aber keine 5, 8 oder wie viele MP die Dinger haben die bei regulärer Geschäftsbeleuchtung nur verwackeltes Bildrauschen erzeugen.

    Und auch die Geräte mit niedrigeren Megapixelzahlen sind bei schlechter Beleuchtung eher schlecht - obschon die Technik für eine bessere Bildqualität existiert.

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