Katholische Kirche Reform muss rocken

Die Kritik von 144 katholischen Theologen kann Rom nur gut tun.

Papst Benedikt XVI. spricht auf dem Petersplatz in Rom

Papst Benedikt XVI. spricht auf dem Petersplatz in Rom

Niemand tritt wegen des lieben Gottes aus der Kirche aus, hat Franz Xaver Kroetz einmal gesagt. Das sollte heißen, die Kirche ist nicht der Herrgott und an ihrem Zustand selber schuld. Wenn sie sich ändern soll, muss sie es selber tun. Aber wenn sie ewig gleich bleibt, laufen ihr die Leute davon.

Kirchenaustritte sind ja keine Erfindung des Krisenjahres 2010, und die Forderung nach einer katholischen Selbsterneuerung wurde nicht erst letzten Freitag erfunden, als 144 deutsche katholische Theologen ihrer Kirche einen Reformkatalog auf den Tisch knallten. Sie fordern die Priesterweihe für Frauen, die Lockerung des Zölibats, eine basisdemokratische Mitsprache bei der Wahl der Bischöfe, ein liberaleres Rechtsverständnis und einen selbstkritischen Dialog. Nie zuvor haben so viele katholische Hochschulleher, die immerhin dem Codex Iuris Canonici und ihrem Papst unterstehen, sich auf so viele Kritikpunkte geeinigt. Schon wird im Internet für die 144 gebetet, dass sie nicht in die Hölle kommen.

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Dabei ist ihr Ultimatum extrem milde formuliert. Warum? Weil Polemik nicht mehr Mode ist? Das wäre traurig. Denn die leidenschaftlichsten Kritiker des Katholizismus waren stets die Katholiken selbst. Sie wussten, Reform muss rocken – man denke an den Mystiker Meister Eckhart und den Mönch Martin Luther oder in neuerer Zeit an polemisch begabte Theologen wie Uta Ranke-Heinemann und Adolf Holl. »Die Kirche ist eine Konserve von vorgestern, deren Verfallsdatum überschritten ist«, schrieb Ranke-Heinemann. Und Holl verlor seine Lehrbefugnis wegen der Behauptung: »Die Priesterschaft heutiger Großkirchen kann sich von Jesus her nicht legitimieren. Jesus hatte anderes im Kopf, so viel steht fest.«

Das treffende Wort ist das Salz in der Suppe des Christentums. Aber die Gefahr, durch allzu freie Meinungsäußerung das Nihil Obstat zu verlieren, jenen Unbedenklichkeitsschein, ohne den katholische Theologen keinen Lehrstuhl bekommen, ist auch real. Wer als Redakteur je versucht hat, zum Thema Homosexualität die ehrliche Meinung eines liberalen katholischen Professors nicht nur zu hören, sondern auch zu drucken, der weiß, wie eng die Spielräume für Abweichler sind. Viele Theologen haben Angst, den Mund aufzumachen und nachher geschasst zu werden, also bei ihrer Kirche am Ende gar kein Gehör mehr zu finden. Es ist das alte Problem mit den unhintergehbaren Wahrheiten und den unbezweifelbaren Institutionen: Wer anders denkt, muss irgendwann entscheiden, ob er sich als Dissident ins Abseits stellt oder sich der Illusion hingibt, als Taktierer den Betrieb von innen zu reformieren.

144 Theologen haben diese beiden alten Optionen nun verworfen und einen dritten Weg gesucht. Im Schutz der Gruppe sagen sie höflich, aber vernehmbar die Wahrheit – und vertrauen darauf, dass auch die mächtige Glaubenskongregation in Rom nicht ein Drittel aller katholischen deutschen Professoren auf einmal rausschmeißen kann. Das Memorandum der 144 ist zwar kein reformatorischer Donnerschlag, aber doch ein kirchenpolitischer Akt, von dem selbst alte Dissidenten wie Adolf Holl glauben, er werde in Rom etwas auslösen: vielleicht die Einsicht, dass niemand wegen des Herrgotts aus der Kirche austritt. Deshalb muss sie Kritik zulassen, wenn sie weiter bestehen will. Und was Kirche nicht verhindern kann, das segnet sie am Ende ab.

 
Leser-Kommentare
  1. Mir fehlt ein Hinweis auf die Initiative engagierter und mündiger Laien, die sich für einen Aufbruch der Kirche im Geiste Jesu einsetzen:

    http://www.petitionproecc...

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    Die Gegenpetition "Proecclesia" erschöpft sich darin zur Denuziation statt zum Dialog aufzurufen. Da sind ja selbst die deutschen Bischöfe gesprächsbereiter...
    Hier werden nach altbekannter Manier von "Tagespost", "Forum deutscher Katholiken", Piusbruderschaft und kreuz.net aus diskussionsbedürftigen Punkten wie der Kopplung von Zölibat und Priesteramt oder der Haltung der Kirche zur Homosexualität scheinbar unumstößliche Wahrheiten gemacht, die angeblich zum innersten Kern des Katholizismus gehören. In der Folge werden in typisch dualistischer Denkweise alle Andersdenkenden aus der Kirche herausdefiniert.
    Die Forderung nach Bekämpfung angeblicher "liturgischer Experimente" zeigt, wes Geistes Kind diese Petition ist. Es soll zurück gehen in die Zeit vor dem zweiten Vaticanum, das nach der Piusbruderschaft und ihrer Adepten an allem Übel schuld sei. Die gleiche Piusbruderschaft, die im übrigen gleich ein ganzes Konzil in Frage stellt, wird zum Vorbild, während gleichzeitig die Hetzjagd auf kritische Theologen eröffnet wird.
    Das Ganze medial begleitet von Publizisten, die mit dem Leben in der modernen Welt überfordert sind und sich in ein abgeschlossenes Ghetto zurückziehen wollen. Also genau das Gegenteil von dem, was das Konzil mit "Aggiornamento" meinte...

    Die Gegenpetition "Proecclesia" erschöpft sich darin zur Denuziation statt zum Dialog aufzurufen. Da sind ja selbst die deutschen Bischöfe gesprächsbereiter...
    Hier werden nach altbekannter Manier von "Tagespost", "Forum deutscher Katholiken", Piusbruderschaft und kreuz.net aus diskussionsbedürftigen Punkten wie der Kopplung von Zölibat und Priesteramt oder der Haltung der Kirche zur Homosexualität scheinbar unumstößliche Wahrheiten gemacht, die angeblich zum innersten Kern des Katholizismus gehören. In der Folge werden in typisch dualistischer Denkweise alle Andersdenkenden aus der Kirche herausdefiniert.
    Die Forderung nach Bekämpfung angeblicher "liturgischer Experimente" zeigt, wes Geistes Kind diese Petition ist. Es soll zurück gehen in die Zeit vor dem zweiten Vaticanum, das nach der Piusbruderschaft und ihrer Adepten an allem Übel schuld sei. Die gleiche Piusbruderschaft, die im übrigen gleich ein ganzes Konzil in Frage stellt, wird zum Vorbild, während gleichzeitig die Hetzjagd auf kritische Theologen eröffnet wird.
    Das Ganze medial begleitet von Publizisten, die mit dem Leben in der modernen Welt überfordert sind und sich in ein abgeschlossenes Ghetto zurückziehen wollen. Also genau das Gegenteil von dem, was das Konzil mit "Aggiornamento" meinte...

  2. Sehr geehrte Fr. Finger, vor einer Woche haben sich -zwar unter einem anderen Titel - aber über dieses Thema, viele die Fingerkuppen wund getippt und es ging stellenweise bös her.

    Dieses Wochenende nicht mehr, obwohl Sie das Thema gut beschrieben und angegangen sind. Jedoch, für mich es durch.

    Die Erde ist rund und wer heute noch glaubt, dass sie eine Scheibe ist - dem IST nicht zu helfen.

  3. Reformen müssen rocken! Aber welche Reformen sind die richtigen? Genau diese Frage gilt es jetzt auszudiskutieren.

    Ob die im Memorandum vorgeschlagenen Reformen die richtigen sind, darf erstmal bezweifelt werden. Erscheinen diese doch weder faktisch noch vom Anspruch her mit den Notwendigkeiten der katholischen Kirche im 21. Jahrhundert übereinzustimmen.

    Eine gute Aufstellung der diesbezüglichen Argumente hat Andreas Püttmann zusammengestellt (vgl. http://www.kath.net/detai...) Der Artikel erschien auch in stark gekürzter Form in der letzten Ausgabe von Christ und Welt (ZEIT-Beilage).

    Sein Fazit lautet:

    "Wer sich in den empirischen Datenfundus vertieft, der wird danach von den thematisch allzu vordergründigen, monotonen deutschen Mediendebatten und „Dialogprozessen“ über die Kirche der Zukunft wenig erwarten. Die damit vergeudete Zeit investierte man lieber in solide Katechese, geistliche Lektüre christlicher „Klassiker“ und die praktische Anschauung herausragender Biographien historischer wie zeitgenössischer Gestalten des Glaubens. Die wahren Reformen der Kirche gingen immer von großen Heiligen aus, die bei sich selbst anfingen, Christus ähnlicher zu werden. Sie haben nie ein Christsein zu billigeren Preisen propagiert, welches aus einer „Bevormundung“ durch die Kirche herausführen sollte."

  4. Weitere kritische Stellungnahmen zur derzeitigen Debatte:

    Von Matthias Matussek:
    http://www.spiegel.de/pan...

    Von Helmut Hoping:
    http://www.die-tagespost....

    Von Kardinal Walter Kasper:
    http://www.kardinal-kaspe...

    Von Bischof Genn
    http://kirchensite.de/akt...

  5. Die Gegenpetition "Proecclesia" erschöpft sich darin zur Denuziation statt zum Dialog aufzurufen. Da sind ja selbst die deutschen Bischöfe gesprächsbereiter...
    Hier werden nach altbekannter Manier von "Tagespost", "Forum deutscher Katholiken", Piusbruderschaft und kreuz.net aus diskussionsbedürftigen Punkten wie der Kopplung von Zölibat und Priesteramt oder der Haltung der Kirche zur Homosexualität scheinbar unumstößliche Wahrheiten gemacht, die angeblich zum innersten Kern des Katholizismus gehören. In der Folge werden in typisch dualistischer Denkweise alle Andersdenkenden aus der Kirche herausdefiniert.
    Die Forderung nach Bekämpfung angeblicher "liturgischer Experimente" zeigt, wes Geistes Kind diese Petition ist. Es soll zurück gehen in die Zeit vor dem zweiten Vaticanum, das nach der Piusbruderschaft und ihrer Adepten an allem Übel schuld sei. Die gleiche Piusbruderschaft, die im übrigen gleich ein ganzes Konzil in Frage stellt, wird zum Vorbild, während gleichzeitig die Hetzjagd auf kritische Theologen eröffnet wird.
    Das Ganze medial begleitet von Publizisten, die mit dem Leben in der modernen Welt überfordert sind und sich in ein abgeschlossenes Ghetto zurückziehen wollen. Also genau das Gegenteil von dem, was das Konzil mit "Aggiornamento" meinte...

  6. ab." - Liebe Evelyn Finger, das ist leider des Pudels Kern und eine bodenlose, einfältige Dummheit vom Altmännerklub des Vatikans. Statt vorweg zu denken und zu handeln, halten sie sich krampfhaft an die zwölf Bannbullen des Konzils von Konstantinopel. - Ich bin einfach nur neugierig darauf, mit welcher Scheibchentaktik jetzt reagiert wird. - Im übrigen sollen es schon 200 Theologinnen und Theologen geworden sein. -

  7. .. interessiert sich weder für Verbote des Vatikans noch für die Thesen der 144 Theologieprofessoren. Für sie ist nur der schöne Schein bei drei Ereignissen des Lebens, nämlich bei Taufe, Kommunion und Hochzeit wichtig.
    Engagierte Christen sind in der katholischen Kirche in der Minderheit. Von diesen ist ein nicht unerheblicher Teil durch die Fälle sexueller Gewalt von katholischen Priestern an Schutzbefohlenen tief verunsichert. Alle Reformen, die man in Jahrzehnten gefordert hatte, wurden vom Vatikan stets mit dem Label 'Diktatur des Relativismus' belegt und ad acta gelegt. Ein ziemlich orthodoxer Teil verlangt mit Unterstützung des Vatikans von Katholiken die Rückkehr in die Unmündigkeit vor der Aufklärung.
    Die Minderheit, die nach den Geboten des Vatikans handelt, hat meine Hochachtung. Verachtung habe ich aber für die Scheinheiligkeit übrig, die in der katholischen Kirche herrscht.Diese scheinheilige Haltung ist sehr schön beschrieben in dem Buch von David Berger 'Der heilige Schein'. Der Autor hatte es bis zu den höchsten Ämtern der katholischen Kirche geschafft, bevor er sich als Schwuler geoutet hat. Wäre er nicht an die Öffentlichkeit gegangen, hätte er weiter seinen hohen Ämtern nachgehen und mit seinem Lebenspartner leben können, so wie es viele katholische Priester tun. Das Buch sollte jeder lesen, der sich darüber informieren will, wie es um die heutige Glaubwürdigkeit dieser katholischen Kirche bestellt ist

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    Sehr geehrte/r Herr/Frau thammbe,

    "Für sie ist nur der schöne Schein bei drei Ereignissen des Lebens, nämlich bei Taufe, Kommunion und Hochzeit wichtig."

    Sie haben das Wichtigste vergessen: Das Sterben.

    MfG

    Hainer

    Übrigens dürfte Berger als Vertreter eines sehr bedenklichen rechtskatholischen Milieus wohl kaum representativ für irgendwas oder -wen in der katholischen Kirche. Ich glaube da versucht jemand seine privaten Probleme mit sich selbst nun über die Öffentlichkeit zu lösen. Sein Buch trieft von Vulgärpsychologie (à la Wer Homosexualität kritisiert ist selber homosexuell) und arbeitet mit einer Verdachtgeschichtsschreibung, die vor allem damit kokettiert, dass weite Teile unserer Gesellschaft dazu tendieren, der kath.Kirche erstmal alles Mögliche zuzutrauen. Vorurteilsbasierte Analysen waren allerdings noch nie gute Analysen.
    Da gibt es bessere Berichte, z.B. den hier: http://www.spiegel.de/pan...

    Auch dort zeigt sich, dass vor allem die homosexuellen Priester anfangen sollten, zu klären, wie sie sich nun zu ihrer Orientierung im Verhältnis zur göttlichen Offenbarung verhalten wollen. Berger jedenfalls scheint bisher vor allem darauf zu vertrauen, dass diese Gesellschaft im Zweifel schon der Amtskirche die Schuld für das persönliches Versagen dieser Menschen vor dem Anspruch Jesu geben wird. Auch das ist eher peinlich. Die kath. Kirche hingegen zeigt Größe und lässt ihn sogar weiter als Lehrer unterrichten. Aber davon schweigen wir natürlich wieder.

    Sehr geehrte/r Herr/Frau thammbe,

    "Für sie ist nur der schöne Schein bei drei Ereignissen des Lebens, nämlich bei Taufe, Kommunion und Hochzeit wichtig."

    Sie haben das Wichtigste vergessen: Das Sterben.

    MfG

    Hainer

    Übrigens dürfte Berger als Vertreter eines sehr bedenklichen rechtskatholischen Milieus wohl kaum representativ für irgendwas oder -wen in der katholischen Kirche. Ich glaube da versucht jemand seine privaten Probleme mit sich selbst nun über die Öffentlichkeit zu lösen. Sein Buch trieft von Vulgärpsychologie (à la Wer Homosexualität kritisiert ist selber homosexuell) und arbeitet mit einer Verdachtgeschichtsschreibung, die vor allem damit kokettiert, dass weite Teile unserer Gesellschaft dazu tendieren, der kath.Kirche erstmal alles Mögliche zuzutrauen. Vorurteilsbasierte Analysen waren allerdings noch nie gute Analysen.
    Da gibt es bessere Berichte, z.B. den hier: http://www.spiegel.de/pan...

    Auch dort zeigt sich, dass vor allem die homosexuellen Priester anfangen sollten, zu klären, wie sie sich nun zu ihrer Orientierung im Verhältnis zur göttlichen Offenbarung verhalten wollen. Berger jedenfalls scheint bisher vor allem darauf zu vertrauen, dass diese Gesellschaft im Zweifel schon der Amtskirche die Schuld für das persönliches Versagen dieser Menschen vor dem Anspruch Jesu geben wird. Auch das ist eher peinlich. Die kath. Kirche hingegen zeigt Größe und lässt ihn sogar weiter als Lehrer unterrichten. Aber davon schweigen wir natürlich wieder.

  8. Sehr geehrte/r Herr/Frau thammbe,

    "Für sie ist nur der schöne Schein bei drei Ereignissen des Lebens, nämlich bei Taufe, Kommunion und Hochzeit wichtig."

    Sie haben das Wichtigste vergessen: Das Sterben.

    MfG

    Hainer

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