Internet Revolution online

Arabiens Freiheit kommt aus dem Netz.

In arabischen Cafés kursiert eine Anekdote: Mubarak trifft im Jenseits auf Nasser und Sadat. "Womit haben sie dich umgebracht", fragt Nasser, "mit Gift, so wie mich?" Und Sadat: "Oder mit einer Kugel, wie mich?" Daraufhin Mubarak: "Nein, mit Facebook." Der Blogger und Stanford-Fellow Evgeny Morozov freilich schreibt in seinem Artikel Revolution offline (ZEIT Nr.6/11), die "Cheerleader der Befreiungstheorie" überschätzten die Rolle des Internets für die arabische Revolte und übersähen "nur zu gern", dass es auch "zu einem Werkzeug der Repression werden kann".

Gewiss, die tunesische Diktatur beispielsweise fälschte Eintragungen, machte einige Netzaktivisten ausfindig und sperrte diese ein. Doch obwohl sie im Gefängnis geschlagen und gefoltert wurden, kämen die heute populären Cyber-Dissidenten wie Azyz Amami oder Hamadi Kaloutcha nicht im Traum darauf, Morozovs Theorie zuzustimmen, "das Netz nützt dem Unterdrücker ebenso wie dem Unterdrückten". Sie hatten mit Facebook und Twitter die neue, junge Opposition organisiert und ein Millionenpublikum erreicht, bis schließlich die Diktatur den Kampf um die Informationshoheit verlor und die Zeit des Aufruhrs anbrach. Und weil Tunesiens übrige Medien bis heute nicht unabhängig sind, bleibt das Netz die wichtigste Plattform der Freiheit. Die Gründung neuer Parteien beispielsweise wird nicht zuletzt auf Facebook vorbereitet.

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Es dürfte Morozovs rein abstrakte Betrachtungsweise des Internets sein, die ihn in die Irre geführt hat. Um eine Technik zu verstehen, muss sie konkret analysiert werden: ihr Entwicklungsstand sowie das Ensemble gesellschaftlichen Handelns, in das sie eingebettet ist. Computer zum Beispiel sind, abstrakt gesehen, sowohl Maschinen der Kommunikation als auch der Überwachung. In ihrer jetzigen Evolutionsphase indes erzeugen Vernetzungs- und Verschlüsselungstechniken bis auf Weiteres ein überschießendes Freiheitspotenzial. Ob es realisiert wird, hängt wiederum von den jeweiligen Umständen ab: Teheran ist nicht Tunis.

Zum Schluss warnt Morozov: "Durch Onlineshopping und Unterhaltung im Netz, das neue i-Opium des Volkes, kann es sogar von der Politik abgelenkt werden." Doch mit Tunesien hat das nichts zu tun. Die konkrete Wahrheit prangt dort an Hauswänden: "Merci le peuple, merci Facebook". Dank an das Volk, danke Facebook.

Gero von Randow ist Korrespondent der ZEIT in Paris und hat aus Tunis über die Jasmin-Revolution berichtet.

 
Leser-Kommentare
    • dth
    • 12.02.2011 um 11:43 Uhr

    Die Möglichkeiten, die das Internet bietet, stehen den Machthabern ja quasi alle schon offen:
    - Propaganda betreiben kann man mit Zeitungen, Fernsehen und Radio
    - Überwachen kann man auch Telefone oder Spitzel einsetzen
    - Die Kommunikation im Regierungsapparat funktioniert auch über Telefon, Funk und Botendienste perfekt.
    Das Internet stellt eine Kommunikations- und Publikationsplatform nun zunächst einmal jedem zur Verfügung. Einen Vorteil können Machthabende draus nicht ziehen, sie können nur versuchen, ihren Nachteil möglichst zu begrenzen.
    Darüber, wie weit das gelingen kann, kann man sich Streiten. Viel mehr als ein wirtschaftgefährdendes abschalten ist Ägypten aber nicht mehr eingefallen, über bessere Überwachungstechnologie verfügende Länder wie China mögen da etwas mehr erreichen. Aber auch da ist übers Internet sicher Kommunikation und Informationsbeschaffung möglich, die ohne Netz völlig undenkbar wäre.
    Ohne Netz würden in abgeschottete Diktaturen fast gar keine Informationen von außen dringen, und eine Kommunikation über lokale Widerstandsgruppen hinaus wäre auch sehr viel schwieriger.

  1. Erst wenn ePerso und Identifikationsterminals flächendeckend verteilt sind, kann der Staat seinen Kontrollvorteil wieder ausspielen. In den afrikanischen Staaten wird es bis dahin voraussichtlich noch etwas länger dauern als bei uns.

  2. ist ein "gebürtiger" Jude :-)

    Wikipedia: Mark Zuckerberg wurde in White Plains (New York) als Sohn eines Zahnarztes und einer Psychologin geboren und wuchs mit seinen drei Schwestern in Dobbs Ferry (New York) auf. Zuckerberg entstammt einem jüdischen Elternhaus, bezeichnet sich selbst jedoch als Atheist.

    Ist doch irgendwie nett :-)

    Ich hoffe die Tunesier und Ägypter bekommen eine Vorbildiche Sozialdemokratie hin, von der nicht nur der Iran und Israel lernen können, sondern auch die Westmächte!

    Wie geht der Islam eigentlich mit der buddhistischen Lebensphilosophie um? Kann mir ein Leser dazu mehr sagen?

  3. ist, dass der Gegenstand seines Widerspruchs seine These am Beispiel Ägypten und der dort vorgenommenen Komplettsperrung des Internets aufstellt. Die Revolution dort musste quasi ohne die neuen Techniken durchgeführt werden, und das Ergebnis ist ähnlich durchschlagend wie das in Tunesien.

    Insoweit geht Herr von Randows Widerspruch leicht am Thema vorbei, da er sich ausschließlich auf die tunesischen Erfahrungen bezieht, die für den Artikel Morozovs gar nicht die Grundlage bilden (und auch keineswegs abgestritten oder ignoriert werden)

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    Redaktion

    Nun, erstens kritisiere ich Morozov ja gerade deshalb, weil er abstrakt argumentiert; Ägypten dient ihm nur als Einstieg und als Illustration.

    Zweitens ist es unzutreffend, dass die Ereignisse in Ägypten "quasi ohne die neuen Techniken" stattfanden; vielmehr haben sie beinahe die gleiche Rolle gespielt wie in Tunesien.

    Drittens weist der Einstieg in meinen Text just darauf hin.

    Redaktion

    Nun, erstens kritisiere ich Morozov ja gerade deshalb, weil er abstrakt argumentiert; Ägypten dient ihm nur als Einstieg und als Illustration.

    Zweitens ist es unzutreffend, dass die Ereignisse in Ägypten "quasi ohne die neuen Techniken" stattfanden; vielmehr haben sie beinahe die gleiche Rolle gespielt wie in Tunesien.

    Drittens weist der Einstieg in meinen Text just darauf hin.

  4. Redaktion

    Nun, erstens kritisiere ich Morozov ja gerade deshalb, weil er abstrakt argumentiert; Ägypten dient ihm nur als Einstieg und als Illustration.

    Zweitens ist es unzutreffend, dass die Ereignisse in Ägypten "quasi ohne die neuen Techniken" stattfanden; vielmehr haben sie beinahe die gleiche Rolle gespielt wie in Tunesien.

    Drittens weist der Einstieg in meinen Text just darauf hin.

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