Paris ändere sich schneller als das Herz eines Sterblichen, schrieb Charles Baudelaire. Verstört und zugleich fasziniert beobachtete er, wie sich die Stadt des 19. Jahrhunderts in eine Großbaustelle verwandelte, wie während der Präfektur des Barons Haussmann winklige Straßenzüge breit angelegten Boulevards wichen. Aus Angst vor Volksaufständen in den unruhigen Zeiten der Industrialisierung wurden »freie Schussbahnen« für die Artillerie geschaffen. Technischer Fortschritt und rasantes Bevölkerungswachstum prägten den Aufbruch in die Moderne, Tempo und Hektik bestimmen bis heute den Takt. So ist Paris.

All jenen, die trotzdem noch nach der verlorenen Zeit jenseits der großen Boulevards suchen, liefern einige neu erschienene Paris-Bücher Orientierung. Da begleitet der Führer Paris – Stadt der Rebellen den Reisenden zu den Plätzen, wo schon im 16. Jahrhundert der Aufstand geprobt wurde. Die ersten Barrikaden brannten 1588, als aufrührerische Studenten und Professoren der Sorbonne die Straßen durch übereinandergestapelte Fässer (barriques) blockierten. Und die Revolution ging weiter: 1789 mit dem Sturm auf die Bastille, 1830, 1848. Selbst die Säuberungsmaßnahmen des Barons Haussmann vermochten den Geist des Widerstands nicht zu brechen. Davon erzählen Ramón Chao und Ignacio Ramonet – zwei spanische Journalisten, die vor dem Franco-Regime nach Frankreich flohen – mit fundierter Geschichtskenntnis und Sympathie für den Menschen in der Revolte. Vom 1. bis zum 20. Arrondissement nehmen sie den Leser mit auf ihren Streifzügen zu Geburts- und Wohnhäusern, Versammlungsorten und Ateliers der Freiheitskämpfer, zu den Wirkungsstätten von Karl Marx, Jean Moulin oder Jean-Paul Sartre. Straßenpläne und historische Fotos ergänzen diesen engagierten Reiseführer, der denen ein Denkmal setzt, die Geschichte von unten machten.

Die Lust, das Leben nach eigenem Willen zu gestalten, steckte zu Beginn des 20. Jahrhunderts viele Frauen an. In der Hauptstadt der Avantgarde, wo Dandys mit angeleinten Schildkröten durch die Passagen flanierten, wo Surrealismus und Dadaismus die Konventionen sprengten, schien es möglich, sich selbst zu verwirklichen. Unda Hörner, Journalistin und Übersetzerin aus Berlin, versammelt in ihrem Buch Scharfsichtige Frauen zehn Porträts von Wahlpariserinnen, die ihre Wege der Freiheit mit der Kamera ausleuchteten. Bei Man Ray, dem erfolgreichen Fotografen vom Montparnasse, gingen sie in die Lehre – die jungen Amerikanerinnen Berenice Abbott und Lee Miller, die Deutschen Marianne Breslauer und Gisèle Freund, die Französinnen Claude Cahun und Dora Maar. Auf Hinterhöfen, Flohmärkten, auf den Treppen von Montmartre und den Quais an der Seine übten sie ihre Art des Sehens. Dort fanden sie Motive von urbaner Tristesse, aber auch die flüchtigen Momente alltäglicher Geselligkeit. Unda Hörner hat ihr Lesebuch der selbstbestimmten Lebensläufe mit Fotos reich bestückt. Die Bilder von Ré Soupault und ihren berühmt gewordenen Zeitgenossinnen entführen den Nostalgiker in eine längst versunkene Welt, den modernen Reisenden stimmen sie ein auf Impressionen des Unspektakulären: auf das ewige Treiben der Passanten und all der kleinen Leute, die der Tourist auf seiner Jagd nach den Superlativen so leicht aus dem Blick verliert.

Mit der »großen Kulturstadt«, dem »Kosmos« Paris und der »mythischen Stadtlandschaft« setzt sich dagegen der Hamburger Literaturwissenschaftler Leonhard Fuest auseinander. Seine Monografie Die schwarzen Fahnen von Paris ist im hohen Ton der Dichtung ausgesteuert und entwirft ein zutiefst melancholisches Bild. Fuest folgt nämlich Poeten und Philosophen, denen die Stadt im Laufe der letzten zweihundert Jahre mächtig auf die Seele geschlagen ist. Da kommen ausnahmslos die Deprimierten und Pessimisten zu Wort: Flaneure wie Baudelaire oder Gérard de Nerval – vom Leiden am Dasein besessen. »Diese Stadt ist sehr groß und bis an den Rand voll Traurigkeit«, so steht es bei Rainer Maria Rilke. Und auch Roland Barthes, Jacques Derrida und Michel Houellebecq reduziert der fleißige Zitatensammler Fuest auf ihre Nachtseiten, bis er selbst ganz eingedunkelt ist: »So beginne ich nun, die scheinbar unlesbaren Schemen eines Schriftzugs zu erahnen, notiert von den Geistern und Gespenstern auf die schwarzen Fahnen von Paris.«

Nach diesem Ansturm der großen Gefühle wenden wir uns lieber Georges Perec zu, dem Mitglied der experimentellen Literatenwerkstatt »OuLiPo«, 1936 in Paris geboren und 1982 dort gestorben. Sein Versuch, einen Platz in Paris zu erfassen ist nun in deutscher Übersetzung erschienen und zeigt die Stadt bei Tageslicht: entmystifiziert, durch und durch von dieser Welt. An drei aufeinanderfolgenden Tagen im Oktober 1974 sitzt Perec in einem Café am belebten Platz Saint-Sulpice. Was er durch die Fensterscheibe beobachtet, protokolliert er akribisch: »Drei Personen warten am Taxistand ... Der 86er fährt nach Saint-Germain-des-Prés ... Eine Frau mit einem Baguette ... Die Tauben drehen eine Platzrunde.«

Alles bewegt sich, alles wiederholt sich. Dann und wann fährt ein apfelgrüner CV durchs Bild – ein rollender Gag mit tröstlicher Wirkung. Denn vom Fenster des Cafés aus betrachtet scheint es, als kehre die verlorene Zeit täglich zurück. Und wer innehalten kann wie Georges Perec, hat Grund zum Lächeln: Paris mag sich schneller ändern als das Herz eines Sterblichen. Doch man gewöhnt sich an die Beschleunigung, bis die Bilder von der unaufhörlichen Raserei auf der Place Saint-Sulpice, auf Bahnhöfen und großen Boulevards zu Stillleben verschwimmen.