ZEITmagazin: Herr Raabe, als ich Sie das erste Mal im Fernsehen sah, dachte ich, es hätte Sie schon immer gegeben. Sie haben eine Figur erschaffen, die einem sofort vertraut vorkommt.

Max Raabe : Ehrlich gesagt, als ich nach Berlin gekommen bin, in den späten achtziger Jahren, habe ich mich gewundert: Warum gibt es so was, wie ich es jetzt mache, warum gibt es so jemanden wie mich noch nicht? Warum gibt es kein Orchester, das diese Musik macht, die doch so nach Berlin gehört. Die Geschichten, die meine Großeltern von Berlin erzählt hatten, waren voll von Orchestermusik, Wintergarten, Admiralspalast.

ZEITmagazin: Haben Sie über Ihre musikalische Vorliebe hinaus eine besondere Verbindung zu den zwanziger Jahren?

Raabe : Kulturell und künstlerisch ganz bestimmt. Ich würde gern mal 1928 durch Berlin spazieren. Ich wüsste genau, wo ich hingehen müsste. Wahrscheinlich hat mich da etwas gefunden. So wie sich Harnoncourt um die Barockmusik kümmert, kümmere ich mich um die Musik der zwanziger Jahre. Es ist das größte Kompliment, das man mir machen kann, wenn man mir sagt, ich hätte auch damals Erfolg gehabt.

ZEITmagazin: Von Ihrem Habitus und auch von Ihrer Physiognomie her hat man tatsächlich manchmal den Eindruck, eigentlich hatte der liebe Gott Sie für die zwanziger Jahre vorgesehen.

Raabe : Ich sehe mich als modernen Zeitgenossen, der ein Faible für die Musik jener Jahre hat. Von jemandem, der Mozart spielt, erwartet man ja auch nicht, dass er mit Puderperücke und Kniebundhose durch die Welt geht. Andererseits fällt mir jetzt ein, dass sich meine Großmutter immer an Onkel Wilhelm erinnert fühlte, wenn sie mich sah. »Der ist ja genauso wie Onkel Wilhelm«, hieß es dann immer. Onkel Wilhelm war ebenfalls künstlerisch begabt, spielte Klavier und war in Berlin bis zum Ersten Weltkrieg bei den Garde-Kürassieren stationiert. »Und Schulden wie ein Major!«, sagte meine Großmutter gern, wenn sie meinen Lebenswandel kommentieren wollte, als würde in mir noch einmal der Onkel Wilhelm wiederauferstehen.

ZEITmagazin: Sie strahlen ja auch so einen gewissen Offiziersstil aus, ein distanziertes Formbewusstsein, das fast etwas Aristokratisches hat.

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Raabe : Nein, ich komme von einem westfälischen Bauernhof. Aber vielleicht hat genau das mich geprägt. Der Sonntag war bei uns noch ein echter Feiertag. Meine Mutter hat meinen Bruder und mich sehr ordentlich gekleidet, wenn wir ausgegangen sind, gern im Kutschwagen. Wir waren immer wie aus dem Ei gepellt. Wir hatten karierte Fliegen an, graue Hosen, weißes Hemd. In den sechziger Jahren war das noch ganz normal. Die ganze Verwandtschaft sah so aus. Ich habe dann irgendwann die Vorzüge des Anzugs erkannt, weil man im Anzug nicht nachdenken muss, ob man sich umziehen soll, wenn man das Haus verlässt. Das finde ich sehr praktisch. Man kann einen Anzug ja auch nachlässig tragen.