Italiens Fernsehen stand schon immer unter Kontrolle der politischen Parteien. Seit Jahrzehnten kontrollieren die Regierungsparteien die ersten beiden RAI-Kanäle, während der dritte Kanal eher linksorientiert ist. Wenn nach einer Wahl die Regierungskoalition oder die Regierungspartei wechselt, so werden auch die Führungskräfte des ersten Programms ausgetauscht, denn das erste RAI-Programm (RAIuno) ist das wichtigste. Als Italien von der linken Mitte regiert wurde, entstammten auch die Chefredakteure von RAIuno diesem politischen Lager. Jetzt regiert eine Mitte-rechts-Koalition, also steht das erste Programm unter dem Einfluss von Premierminister Silvio Berlusconi und seinen Verbündeten.

Dazu kommt aber, dass Berlusconi – oder besser: seiner Familie – auch das größte private Medienunternehmen Mediaset gehört. Und dadurch wird seine Kontrolle über das italienische Fernsehen gewaltig, fast total, obwohl Berlusconi und seine Leute nicht aufhören zu behaupten, es sei in der Hand der Linken. Diese Kontrolle über das Staatsfernsehen und die private Konkurrenz ist die wahre italienische Anomalie, ein unüberwindbarer Interessenkonflikt. Wenn wir weiter bedenken, dass das Fernsehen für einen großen Teil der Bevölkerung immer noch das einzige Informationsmedium darstellt, so wird uns klar, was die wahre Stärke des Regierungschefs ist und wie er immer noch eine derart breite Zustimmung erlangen kann.

Und doch haben wir mit den vier Folgen unserer Sendung Vieni via con me (»Komm fort mit mir«) im dritten RAI-Programm, RAItre, vor wenigen Wochen alle Quotenrekorde gebrochen. Wir hatten nicht nur mehr Zuschauer als Big-Brother, das zeitgleich auf einem der anderen Berlusconi-Kanäle lief, sondern sogar mehr als das Champions-League-Halbfinalspiel zwischen Inter Mailand und dem FC Barcelona. Als ich das sah, da dachte ich: Mein Land ist verrückt geworden. Aber mein Land will einfach nur ein anderes Programm. Eines, das ein anderes Italien zeigt, ein ernsthaftes, rationales Land, das nicht dauernd übertreibt und das sich nicht ständig streitet. Und das vielleicht auch informierter und deshalb kritischer ist.

Im Ausland glauben sie, dass Italien zwar irgendwie vom rechten Weg abgekommen, aber im Grunde trotzdem ein glückliches Land geblieben sei. Wegen des Klimas, wegen der Leichtigkeit menschlicher Beziehungen. In Italien isst man hervorragend, es gibt dieses zauberhafte südliche Licht, alles ist voller Geschichte, alles ist wunderbar. Aber die Realität ist eine andere. In Wahrheit ist Italien schon lange ein zutiefst unglückliches Land. Und unser Fernsehen ist ein Teil dieser Depression, weil es uns nur hilft, vor uns selbst zu flüchten.

Die Realitätsflucht ist das vorderste Ziel des italienischen Fernsehens, seine Daseinsberechtigung. Es bietet uns dümmliche Witze, schwachsinnige Streitereien, Politiker oder Familienangehörige, die miteinander raufen wie in einem Zirkus. Manchmal – und das ist schon fast ein gewohntes Ritual – schreit auch der Regierungschef mit all den anderen. Er ruft in Talkshows oder in Sportsendungen an, lässt sich mit dem Moderator verbinden und macht ihn live zur Schnecke. Oder er verkündet, dass er auf keinen Fall einen wichtigen Spieler seines Klubs AC Mailand verkaufen würde. Diese surrealen »Erscheinungen« des Premiers zeugen von seiner wachsenden Kontrollsucht. Aber auf der anderen Seite begibt sich der Regierungschef, der doch eigentlich über den Dingen stehen müsste, selbst auf das Niveau der Reality-Shows. Er erscheint wie eine Art Deus ex Machina, der in jedem Moment auftauchen kann, um die Handlung zu ändern.

Die Aufgabe unseres Fernsehens ist es, uns davon zu überzeugen, dass unser Leben wie eines der vielen Reality-Shows ist, die staatliche wie private Programme zeigen. Ein ziemlich trashiges Dschungelcamp, in dem es keine Probleme gibt, höchstens Familientragödien: Der Onkel erwürgt die Nichte, der Sohn erschlägt die mamma. Die hässliche Cousine vergiftet die schöne Cousine, weil die ihr den Mann ausgespannt hat. Und alles das nutzt man, um das Publikum zu unterhalten. Sogar in den Hauptnachrichten.

In diese Beschallung kamen dann plötzlich wir mit unserer Sendung Vieni via con me . Als RAItre mir die Zusammenarbeit anbot, war klar, dass wir ein Nischenprodukt machen würden. Die Absicht der Programmdirektoren war, mich meinem Publikum zu präsentieren, also den Leuten, die sowieso meine Bücher und meine Artikel lesen. Also nur eine Handvoll Zuschauer, höchstens ein, zwei Millionen. Das ist wichtig zu wissen. Italien ist kein totalitäres Land, in dem jede abweichende Idee eliminiert werden muss. Die abweichende Idee muss es geben, das allerdings in einem gewissen Rahmen. Was bedeutet, dass das Staatsfernsehen mir Auftritte gewähren wollte, aber in einem kleinen Studio und mit sehr wenigen Mitteln.