Deutschland ist ein gutes Land mit überwiegend netten, anständigen Leuten. So viel schon mal vorweg. Doch es hat auch seine verlogenen Seiten. Und zwar in zwei grundlegenden Gerechtigkeitsfragen. Es geht um Oben und Unten. Und um Drinnen und Draußen. Anders gesagt: um Hartz IV und die tunesischen Flüchtlinge.

Beide Fragen haben gemeinsam, dass sie meist nur an der Oberfläche berührt werden, es scheint beinahe so, als gebe es hier eine Absprache zwischen Politik, Medien und Stammtisch, ein Schweigekartell. Beginnen wir mit den paar Tausend tunesischen Flüchtlingen, die sich jetzt auf Lampedusa drängen . Sie tun das nicht nur, weil sie arm sind, nicht nur, weil sie denken, dass die wirtschaftliche Erholung Tunesiens allzu lange dauern wird. Sie tun es einfach, weil sie es jetzt können, weil die Schergen des Systems sie nicht mehr davon abhalten. Sie tun es, weil sie frei sind, es zu tun.

Nun macht Europa daraus ein ernstes Problem, obwohl ja nicht der Flüchtlingsstrom groß ist, sondern nur die Insel klein, an der er ankommt. Groß ist auch die Angst, dass demnächst noch viel mehr Flüchtlinge kommen, dass sie ihre neue Freiheit nutzen, um uns zu besuchen.

Nun wird, wie üblich, hin und her diskutiert, wer wie viele von ihnen aufnehmen muss und vor allem: Wie lässt sich der Zustrom stoppen? Was nicht diskutiert wird, ist die Frage, warum wir das dürfen. Mit welchem Recht verwehren wir es armen Leuten, zu uns zu kommen? Wer erlaubt uns festzulegen, wer ein Mensch mit minderem Recht auf ein menschenwürdiges Leben ist und wer ein vollwertiger Europäer?

Wir halten die Flüchtlinge draußen, einfach weil wir es können

Darauf gibt es natürlich Antworten. Jedoch keine moralischen, sondern nur pragmatische. Zum Beispiel: Wenn jeder, der will, herkommt, dann zehrt das den Wohlstand hier auch noch auf. (Allerdings sind wir davon noch sehr, sehr weit entfernt.) Oder: Wenn zu viele Araber zu uns kommen, dann wird es hier zu ausländerfeindlichen Exzessen kommen. Das ist ein faules Argument, weil wir mit unserem eigenen Ausflippen drohen. Schließlich wird paternalistisch gewarnt, Tunesien dürfe nicht ausbluten, gerade jetzt, da es demokratisch werde. Das würde dann aber bedeuten, dass Europa sehr offen sein müsste gegenüber den weiterhin undemokratisch regierten Algeriern oder Marokkanern, was es nicht ist.

Im Kern sagen wir all den armen Flüchtlingen da draußen in der Welt, dass wir sie fernhalten dürfen, weil wir es wollen, dass wir es tun, weil wir es können. Aus schlichtem Egoismus, der menschlich verständlich, aber nicht sehr menschlich ist, den wir auch nur durchhalten können, weil wir ihn den Flüchtlingen nicht ins Gesicht sagen müssen. Und eben weil es das Schweigekartell gibt, das Verdrängen der unmoralischen Seite unseres Lebens durch Geschäftigkeit.

Beim Thema Hartz IV herrscht dasselbe Prinzip. Da wird über Monate um ein paar Euro mehr oder weniger gerungen , um eine Summe, die für die Betroffenen von Belang ist, so sehr, dass sie Grund haben, über die Verzögerung durch die Politik verbittert zu sein. Aber als Diskussion über Gerechtigkeit handelt es sich um eine Ersatzdebatte. Sie verdeckt das eigentlich Anstößige in unserer Gesellschaft. Dass nämlich Menschen, die hart arbeiten, ein Zehntel oder ein Hundertstel von dem verdienen, was andere bekommen, die auch so hart arbeiten, aber weniger schmutzige Arbeit verrichten und sich dabei nicht die Knochen kaputt machen müssen. Wer härter arbeitet, verdient weniger.