Den Zugang zum Gesetz bewacht ein unerbittlicher Türhüter mit dünnem Tatarenbart. In dieser Parabel von Franz Kafka findet niemand Gnade vor dem Riesen im dicken Pelz. Am Landesgericht Wiener Neustadt ist es ein Justizbeamter in graublauem Strickpullover, der den Zugang der Berichterstatter zum Verhandlungssaal kontrolliert.

»Ja wo hamma denn das wieder hingelegt«, murmelt der Gerichtsbedienstete. Seine bunte Kaffeetasse stellt er nicht ab, während er herumkramt: »Wo ist denn das Kuvert mit den Platzkarten.« Eilig hat es der Mann nicht, im Gegensatz zu der Journalistin, die Einlass begehrt. Sie möchte längst im Gerichtssaal sitzen, den Laptop aufgeklappt und die ersten Zeilen ihres Online-Live-Tickers eingetippt haben. Irgendwo harrt bereits eine treue Lesergemeinde der skurrilen Wortwechsel, die sie gleich im Fünfminutentakt durch das Internet jagen wird.

Nichts da – zuvor gilt es, an jedem Verhandlungstag eine bürokratische Prozedur in den Räumlichkeiten des Gerichtspräsidiums zu absolvieren. Während in der größten Wirtschaftsstrafsache der Nation, dem Bawag-Prozess, die Medienleute ungehindert im Verhandlungssaal ein- und ausspazieren konnten, wird in Wiener Neustadt bei der Verhandlung gegen 13 Tierschützer besonders penibel kontrolliert. »Es ist eben ein außergewöhnlicher Prozess«, pflegt Richterin Sonja Arleth zu sagen. Recht hat sie.

Seit einem Jahr wird in dem kleinen Landesgericht, am Rande des Stadtparks mit Streichelzoo und Bärengehege gelegen, in kafkaesker Dramaturgie zu ergründen versucht, ob es sich bei den angeklagten Tierrechtsaktivisten um die gefährlichsten Bürger der Republik handelt – um eine kriminelle Organisation, die Druck auf Politik und Wirtschaft ausüben konnte, dabei vor brutalen Methoden nicht zurückgeschreckt und in hohem Maße konspirativ gearbeitet hat. Und zwar so konspirativ, dass sogar die Polizei trotz Lauschangriff und eingeschleusten Spitzeln keinen kriminellen Tatbestand entdecken konnte. Ob das vielleicht daran liege, dass es nichts zu finden gab? Unmöglich, meint der Staatsanwalt: Die rauchenden Pistolen seien einfach nur zu gut versteckt worden.

Die Richterin fordert Pünktlichkeit und kommt selbst gern zu spät

Richterin Sonja Arleth erweckt den Eindruck, als hielte sie diese Theorie zumindest für plausibel. Auch am 64. Verhandlungstag der Justizfarce scheint sie sich für allerlei zu interessieren, nur nicht für Straftaten. Eine Zeugin, die das Protokoll Danielle Durand nennt, ist geladen. Die Polizistin mit französischem Decknamen und steirischem Zungenschlag schnüffelte 16 Monate lang als verdeckte Ermittlerin in der Tierrechtsszene, schmauste mit den vermeintlichen Kriminellen Sojasteaks, ging mit zum Nacktbaden und auf Demos oder sabotierte mit ihren neuen Freunden Jagdgesellschaften. Heraus fand sie – nichts.

Eigentlich sollte Durand bei ihrer Aussage im Zentrum des Schwurgerichtssaals Platz nehmen. Am kleinen Zeugentisch mit dem Rücken zum Publikum und dem Blick auf die Richterin. Doch der Zeugentisch bleibt leer. Stattdessen bekommen Tribunal und Zuhörer von Durand nur ein blasses Bild auf einer Leinwand zu sehen: Eine stämmige Frau mit etwas steifer Körperhaltung, dürftig getarnt unter einer schwarzen Langhaarperücke, an deren Seite die Richterin in ihren schwarz-violetten Talar gehüllt Platz nimmt. Die Ermittlerin wird in einem Nebenraum einvernommen, eine Schutzmaßnahme, die sonst Opfern sexuellen Missbrauchs vorbehalten ist. Für Durand, die im Brotberuf als Spitzel im Drogenmilieu verkehrt, sei es »psychisch belastend«, den Angeklagten gegenübertreten zu müssen, behaupten ihre Vorgesetzten.

Ein Verteidiger fragt die Zeugin im Justizseparee: »Haben Sie Angst vor mir?« – »Nein«, entgegnet die Stimme aus dem Lautsprecher. Der Anwalt grinst. »Solche Fragen kann ich nicht zulassen«, zürnt die Richterin und wendet sich selbst an die Auskunftsperson: »Ich hatte den Eindruck, dass Sie vor Ihrer Einvernahme angespannt waren und geradezu wie eine Pagode dagestanden sind, stimmt das?« Es braucht mehrere solcher Suggestivfragen, bis endlich die gewünschte Antwort ertönt: »Nein, ich fühle mich nicht in der Lage, im Saal befragt zu werden.« Unruhe im Publikum. Ein Verteidiger hebt resigniert die Arme, andere schütteln den Kopf. Einige Angeklagte brechen in Gelächter aus. Höhepunkt der langatmigen Befragung ist dann die fast sokratische Auskunft der Spitzelkraft: »Das weiß ich nicht, und wenn ich es weiß, dann steht es in meinem Bericht.«