Die iranische Opposition ist auf die öffentliche Bühne zurückgekehrt. Zehntausende wagten sich in Teheran und anderen Städten am vergangenen Montag trotz Demonstrationsverbots auf die Straßen. Die Zahl der Teilnehmer scheint gering, verglichen mit den Massen in Kairo. Doch wer in Iran demonstrieren ging, verabschiedete sich von der Familie wie für eine lange Zeit. Niemand wusste, was dieser Tag bringen würde. Womöglich Verhaftung, Folter.

Was diesen Tag dann aber für die »grüne Bewegung«, die vor 20 Monaten begann, zum Erfolg machte, war zwar nicht spektakulär, aber lebensrettend: das Gefühl, eine Blockade aus Angst, Depression und Resignation durchbrochen zu haben. Denn wann, wenn nicht jetzt, könnte es gelingen, sich gegen die drückende Repression ein wenig Luft zu verschaffen. »Ägypten ist frei!« hatte Irans Regierungspresse gejubelt – gemeint war nur das Ergebnis, der Sturz des vom Westen gestützten Autokraten Mubarak, nicht etwa die Methode. Die wird nicht als Vorbild fürs eigene Land gesehen. Doch wollte sich die Islamische Republik den arabischen Völkern dieser Tage auch nicht mit Fernsehbildern von blutig erstickten Demonstrationen präsentieren.

Lassen sich die Iraner nun vom arabischen Zorn anstecken? Zweifellos nicht . Denn in Iran hat ja alles begonnen: das Aufbegehren, der Freiheitsdurst der jungen Generation, die subversive Rolle des Internets. Was für Ägypten bis vor Kurzem galt, galt lange auch für Iran: Die Zivilgesellschaft wurde vom Westen unterschätzt oder ignoriert. Muslimen wurde nicht zugetraut, als Citoyens aufzutreten. Im Juni 2009, nach einer mutmaßlichen Fälschung bei den Präsidentschaftswahlen, waren es die Demonstranten in Teheran, die als Erste die westliche Fehlwahrnehmung korrigierten. Die iranische Opposition schien geradezu das Gegenteil von allem zu sein, was dem Islam zugedacht wird: Die Bewegung wirkte weiblich, jung, schick, gestylt. Diese dem Westen vertraut wirkende Ästhetik verführte zur voreiligen Annahme, dass die Demonstranten bald siegen würden.

In Wahrheit brachte die grüne Bewegung in den zurückliegenden Monaten unendlich viele Opfer: langjährige Haftstrafen, Berufsverbote, Todesurteile und Flucht ins Exil – ohne im Land etwas zu erreichen. Anders als die Demonstrationen in Ägypten. Das verlangt nach Erklärungen, die nicht ungerecht sein dürfen, gerade vor der Kulisse des Tahrir-Platzes. Dennoch liegt die Frage nahe, warum die Demokratiebewegung, nachdem sie im Sommer 2009 schon Millionen auf die Straße gebracht hatte, nicht einmal in Ansätzen zu einer gesellschaftlichen Gegenmacht wurde. Das Ziel der Bewegung, Präsident Mahmud Ahmadineschad zur Hälfte seiner Amtszeit abzulösen, klang damals durchaus bescheiden. Nun blickt Ahmadineschad frohgemut den neuen Zeiten im Nahen Osten entgegen.

Faktoren, die Iran destabilisieren könnten, gibt es zwar reichlich: Terroranschläge ethnischer Minderheiten, Drogenkrieg, Drogensucht, Arbeitslosigkeit, Inflation; doch Ahmadineschad hat die jüngsten Subventionskürzungen und die daraus folgenden Preissteigerungen anscheinend komfortabel überlebt. Wenn die politische Unzufriedenheit schon so groß ist, wieso profitiert die Opposition nicht mehr von sozialen Verwerfungen? Die Antwort liegt in drei wesentlichen Merkmalen der beiden Bewegungen.