Gerade ist in der senegalesischen Hauptstadt Dakar das 11. Weltsozialforum zu Ende gegangen, die jährliche Gegenveranstaltung zu den Gipfeltreffen der G-8-Staaten und der Welthandelsorganisation. Die Ereignisse im Norden des Kontinents, in Tunesien und Ägypten , beherrschten die Debatten. Doch auch südlich der Sahara steht ein unruhiges Jahr bevor.

Der Süden des Sudans hat vor wenigen Tagen seine Unabhängigkeit erklärt , in nahezu 20 afrikanischen Staaten sollen in den kommenden Monaten Wahlen abgehalten werden. Manche Beobachter glauben, dass der Aufruhr im Maghreb vielerorts Auflehnung gegen autoritäre Regime anregen könnte. Andere befürchten, dass im Chaos enden wird, was gerade so hoffnungsvoll beginnt. Das würde wieder einmal die gängigen Stereotype stützen: Afrika als Kontinent der Gewalt und Kriminalität – mit inkompetenten Regierungen, Korruption, aber auch unproduktiven Ökonomien und unkontrolliertem Bevölkerungswachstum.

Diese Vorurteile sind so alt wie die von Hegel beförderte Vorstellung, Afrika habe "keine Geschichte": Afrikaner seien immer nur imitativ, nie kreativ gewesen, hätten stets nur nachgeahmt, statt Eigenes hervorzubringen. Die Mär von der Geschichtslosigkeit hängt mit dem verbreiteten Verständnis zusammen, dass nur das als historisch bedeutsam anzuerkennen sei, was schriftlich überliefert ist. Demnach setzt die Geschichte Afrikas erst mit dem Kolonialismus ein, die Zeit davor habe lediglich, wie es der britische Historiker Hugh Trevor-Roper in den sechziger Jahren drastisch formulierte, aus dem "Treiben barbarischer Stämme in pittoresken, aber wenig relevanten Weltgegenden" bestanden.

Gegen diese Sicht verweisen Afrikawissenschaftler wie der Historiker John Iliffe in seiner viel gelesenen Geschichte Afrikas darauf, dass die Afrikaner eine besonders unwirtliche Region der Welt für die menschliche Spezies insgesamt erschlossen haben, und betonen den kulturellen Reichtum des Kontinents. Besonders vehement aber wehren sich die sogenannten Afrozentristen gegen die alten Afrika-Klischees. Ihre Theorie definieren sie als gegen die Hegemonialansprüche des Eurozentrismus gerichtetes intellektuelles Unterfangen. Sie wollen einen alternativen Blick auf die Geschichte der Menschheit erschließen und die Handlungsmächtigkeit der Afrikaner herausstellen. Aber eignet sich ihr Ansatz tatsächlich dazu, eurozentrische Perspektiven zu überwinden?

Die einflussreichste Figur der afrozentrischen Bewegung ist Molefi Kete Asante, der als Professor am Department for African-American Studies der Temple University in Philadelphia lehrt. 1942 als Arthur Lee Smith junior in Georgia geboren, dokumentiert er wie viele Afroamerikaner seine Verbundenheit mit dem afrikanischen Kontinent durch seinen afrikanischen Namen und das Tragen traditioneller Kleidung. Als einer der ersten Wissenschaftler hat er "afrozentrische" Studiengänge eingerichtet. Seine ständig aktualisierte Website www.asante.net zählt mehr als 70 Bücher und 400 Aufsätze auf, in denen er, immer wieder aufs Neue, ein Deutungsmonopol für alles "Afrikanische" beansprucht. Die wissenschaftliche Beschäftigung mit Afrika, schreibt Asante, müsse aus "den Klauen der Ethnologie" befreit werden. 

In seinen weitgehend empiriefreien Werken kreist er dabei immer wieder um drei Thesen: Es gibt eine kulturelle Einheit Afrikas; das afrikanische Ethos ist dem europäischen überlegen; das alte Ägypten stellt den Kulminationspunkt des afrikanischen Genius dar. Afrozentrische Autoren wie Asante führen überdies alle Hochkulturen Asiens, Europas und des präkolumbischen Amerikas auf afrikanische Wurzeln zurück; die Afrikaner betrachten sie als die entscheidenden Akteure der gesamten Weltgeschichte.

Ihren Kritikern machen es Asante und seine Anhänger mit solchen Annahmen leicht, schließlich tun sie nichts anderes, als die eurozentrischen, durch biologischen Determinismus und Rassismus charakterisierten Sichtweisen umzukehren. Zudem diskreditierten in der Vergangenheit einzelne Afrozentristen ihr eigenes Projekt durch haarsträubende Thesen. So behauptete der an der City University in New York lehrende Historiker Leonard Jeffries zusammen mit anderen afrozentrischen Hochschullehrern in den neunziger Jahren, Juden seien die Hauptfinanziers und -profiteure des transatlantischen Sklavenhandels gewesen – ein antisemitischer Vorwurf bar jeder Grundlage.