Geschichte Afrikas Aufbruch Süd

Schluss mit der Mär von der Geschichtslosigkeit! Wie Historiker auf den afrikanischen Kontinent blicken.

Ein Treffen zwischen Kolonialisten und der einheimischen Bevölkerung auf Madagaskar im Oktober 1946

Ein Treffen zwischen Kolonialisten und der einheimischen Bevölkerung auf Madagaskar im Oktober 1946

Gerade ist in der senegalesischen Hauptstadt Dakar das 11. Weltsozialforum zu Ende gegangen, die jährliche Gegenveranstaltung zu den Gipfeltreffen der G-8-Staaten und der Welthandelsorganisation. Die Ereignisse im Norden des Kontinents, in Tunesien und Ägypten, beherrschten die Debatten. Doch auch südlich der Sahara steht ein unruhiges Jahr bevor.

Der Süden des Sudans hat vor wenigen Tagen seine Unabhängigkeit erklärt, in nahezu 20 afrikanischen Staaten sollen in den kommenden Monaten Wahlen abgehalten werden. Manche Beobachter glauben, dass der Aufruhr im Maghreb vielerorts Auflehnung gegen autoritäre Regime anregen könnte. Andere befürchten, dass im Chaos enden wird, was gerade so hoffnungsvoll beginnt. Das würde wieder einmal die gängigen Stereotype stützen: Afrika als Kontinent der Gewalt und Kriminalität – mit inkompetenten Regierungen, Korruption, aber auch unproduktiven Ökonomien und unkontrolliertem Bevölkerungswachstum.

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Diese Vorurteile sind so alt wie die von Hegel beförderte Vorstellung, Afrika habe »keine Geschichte«: Afrikaner seien immer nur imitativ, nie kreativ gewesen, hätten stets nur nachgeahmt, statt Eigenes hervorzubringen. Die Mär von der Geschichtslosigkeit hängt mit dem verbreiteten Verständnis zusammen, dass nur das als historisch bedeutsam anzuerkennen sei, was schriftlich überliefert ist. Demnach setzt die Geschichte Afrikas erst mit dem Kolonialismus ein, die Zeit davor habe lediglich, wie es der britische Historiker Hugh Trevor-Roper in den sechziger Jahren drastisch formulierte, aus dem »Treiben barbarischer Stämme in pittoresken, aber wenig relevanten Weltgegenden« bestanden.

Gegen diese Sicht verweisen Afrikawissenschaftler wie der Historiker John Iliffe in seiner viel gelesenen Geschichte Afrikas darauf, dass die Afrikaner eine besonders unwirtliche Region der Welt für die menschliche Spezies insgesamt erschlossen haben, und betonen den kulturellen Reichtum des Kontinents. Besonders vehement aber wehren sich die sogenannten Afrozentristen gegen die alten Afrika-Klischees. Ihre Theorie definieren sie als gegen die Hegemonialansprüche des Eurozentrismus gerichtetes intellektuelles Unterfangen. Sie wollen einen alternativen Blick auf die Geschichte der Menschheit erschließen und die Handlungsmächtigkeit der Afrikaner herausstellen. Aber eignet sich ihr Ansatz tatsächlich dazu, eurozentrische Perspektiven zu überwinden?

Die einflussreichste Figur der afrozentrischen Bewegung ist Molefi Kete Asante, der als Professor am Department for African-American Studies der Temple University in Philadelphia lehrt. 1942 als Arthur Lee Smith junior in Georgia geboren, dokumentiert er wie viele Afroamerikaner seine Verbundenheit mit dem afrikanischen Kontinent durch seinen afrikanischen Namen und das Tragen traditioneller Kleidung. Als einer der ersten Wissenschaftler hat er »afrozentrische« Studiengänge eingerichtet. Seine ständig aktualisierte Website www.asante.net zählt mehr als 70 Bücher und 400 Aufsätze auf, in denen er, immer wieder aufs Neue, ein Deutungsmonopol für alles »Afrikanische« beansprucht. Die wissenschaftliche Beschäftigung mit Afrika, schreibt Asante, müsse aus »den Klauen der Ethnologie« befreit werden. 

In seinen weitgehend empiriefreien Werken kreist er dabei immer wieder um drei Thesen: Es gibt eine kulturelle Einheit Afrikas; das afrikanische Ethos ist dem europäischen überlegen; das alte Ägypten stellt den Kulminationspunkt des afrikanischen Genius dar. Afrozentrische Autoren wie Asante führen überdies alle Hochkulturen Asiens, Europas und des präkolumbischen Amerikas auf afrikanische Wurzeln zurück; die Afrikaner betrachten sie als die entscheidenden Akteure der gesamten Weltgeschichte.

Ihren Kritikern machen es Asante und seine Anhänger mit solchen Annahmen leicht, schließlich tun sie nichts anderes, als die eurozentrischen, durch biologischen Determinismus und Rassismus charakterisierten Sichtweisen umzukehren. Zudem diskreditierten in der Vergangenheit einzelne Afrozentristen ihr eigenes Projekt durch haarsträubende Thesen. So behauptete der an der City University in New York lehrende Historiker Leonard Jeffries zusammen mit anderen afrozentrischen Hochschullehrern in den neunziger Jahren, Juden seien die Hauptfinanziers und -profiteure des transatlantischen Sklavenhandels gewesen – ein antisemitischer Vorwurf bar jeder Grundlage.

Leser-Kommentare
    • th
    • 22.02.2011 um 11:48 Uhr

    etwas über die tatsächliche vorkoloniale Geschichte Afrikas zu erfahren (wie war das mit den Ashanti? welche Rolle spielte Timbuktu? wie war die Geschichte der Zulu-Königtümer? wie war das Verhältnis der Bantu zu den Khoi in Südafrika? Wie haben sich Islam und Christentum in Afrika ausgebreitet? Welche Kontakte gab es zwischen Abessinien und dem Mittelmeerraum einerseits, Arabien andererseits? etc. etc.), und lese stattdessen über US-amerikanische (und andere) Ideologen-Streitigkeiten.

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    • SJBach
    • 22.02.2011 um 13:29 Uhr

    Ich stimme Ihnen vollkommen zu. Ich muss nichts über irgendwelche wirren, offensichtlich vollkommen unwissenschaftlichen Thesen erfahren. Viel interessanter wäre es mal, etwas über die wahre afrikanische Geschichte zu erfahren über die ich noch in keinem deutschen Medium etwas gehört bzw. gelesen hab.

    Als die Erschließung Afrikas voranging, war vom großen Malireich, Großreich Gana, etc. nichts mehr übrig.
    Man hatte nur rückfällige Stammeskulturen vorgefunden.
    Ich denke, das hat wohl das Bild Afrikas nachhaltig geprägt.
    Zum Schutz von Hegel muss man sagen, dieser Mann wusste noch nichts von der C14-Datierung.

    • SJBach
    • 22.02.2011 um 13:29 Uhr

    Ich stimme Ihnen vollkommen zu. Ich muss nichts über irgendwelche wirren, offensichtlich vollkommen unwissenschaftlichen Thesen erfahren. Viel interessanter wäre es mal, etwas über die wahre afrikanische Geschichte zu erfahren über die ich noch in keinem deutschen Medium etwas gehört bzw. gelesen hab.

    Als die Erschließung Afrikas voranging, war vom großen Malireich, Großreich Gana, etc. nichts mehr übrig.
    Man hatte nur rückfällige Stammeskulturen vorgefunden.
    Ich denke, das hat wohl das Bild Afrikas nachhaltig geprägt.
    Zum Schutz von Hegel muss man sagen, dieser Mann wusste noch nichts von der C14-Datierung.

    • marxo
    • 22.02.2011 um 12:06 Uhr

    die uralten elitären Versuche, Klassenkämpfe in Afrika durch das Beschwören des afrikanischen Konservativismus zu unterdrücken. Die Jugend Afrikas wird ignoriert. "I-Pods, we want I-Pods! You have to bring us I-Pods next time!" sagten mir die Betreiber eines Internetcafes in Ghana.
    Die meisten Menschen haben von den "Traditionellen", den Chiefs und ihren korrupten Garden, den Politikern und ihren Machenschaften gründlich die Nase voll. Sie wollen freie Wahlen, die Frauen wollen Rechte. Der Afrozentrismus verklärt die Vergangenheit nicht nur, nein, er bewertet das grauenvollste noch als positiv. Die erdrückenden Altershierarchien, die regelrechte Sklaverei unter Geschwistern und Familienmitgliedern bedingen gehören ebenso dazu wie Bigmanship, Hexenjagden und Nepotismus. Die eitlen Eliten in ihren traditionellen Gewändern sind das elitäre Hohngelächter auf die Bestrebungen der Armen, sich vernünftig in ein Verhältnis zur ökonomischen Konkurrenz Europas und der Welt zu setzen.
    Man schützt vor, in Sorge um hübsche Gewänder und Trommelformen zu sein, um alte Lieder und Kunstformen. In Wirklichkeit aber geht es ihnen um den Kampf gegen den Wunsch der Jugend und der Älteren, teilzuhaben an Demokratie und Wohlstand, am westlichen Modell, das im Westen selbst immer weniger erfüllt wird. Die konservativen Kommentare mokieren sich über westliche Homosexualität, um "Fast Food", den sich ohnehin kaum jemand leisten kann in Afrika.

    • marxo
    • 22.02.2011 um 12:11 Uhr

    waren die Protagonisten der Panafrikanisten später allesamt Diktatoren und mehr noch, ökonomisch unfähig. Was in Afrika als geistige Erstarrung vorherrscht ist nicht ein Starren auf den Westen, ein Nachahmen, wie es die Afrozentristen halluzinieren, sondern deren eigenes Starren auf das leere Loch, das Afrikaner sein ihnen im Moment bedeutet, und das mal mit Pyramiden (also Sklaverei), mal mit Göttern, mal mit Hautfarben gefüllt werden soll. Es ist Afrika zu wünschen, dass diese afrozentristischen Reinigungsbewegungen nicht mehr Einfluß gewinnen. "We want to develop! You have to teach us, how to fish, not give us fish!" Das sagte mir ein Jugendlicher bei Accra und so empfanden es viele andere auch. Die Verwirrung ist mit Wissenschaft und Erfahrung auffüllbar. Das bedeutet für den Westen eine Abkehr von der rassistischen Flüchtlings- und Einwanderungspolitik und das Teilnehmen am afrikanischen Geschehen. Dann hätten auch so euphemistische Projektionen wie jene von der "solidarischen afrikanischen Familie", die für viele ein autokratisches Unternehmen ist mit Kindern als Kapital, keine Chance.

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    • SJBach
    • 22.02.2011 um 13:29 Uhr

    Ich stimme Ihnen vollkommen zu. Ich muss nichts über irgendwelche wirren, offensichtlich vollkommen unwissenschaftlichen Thesen erfahren. Viel interessanter wäre es mal, etwas über die wahre afrikanische Geschichte zu erfahren über die ich noch in keinem deutschen Medium etwas gehört bzw. gelesen hab.

    • TDU
    • 22.02.2011 um 14:00 Uhr

    Grundsätzlich sei insbondere dem letzen Abschnitt zugestimmt. Aber es ist nicht einfach für einen Europäer, selbst dem Gutwilligen.

    Kulturelle Einheit soll man anerkennen, aber gleichzeitig die Unterschiede von Ländern berücksichtigen. Dazu natürlich auch Stammesunterschiede akzeptieren. Z. B. Was macht man mit dem Konflikt Hutu und Tusti, letztere als Viehzüchter aus der Nilgegend, haben sie sich bei den Agrariern Ruandas und Burundis niedergelassen. Der Konflikt könnte längst gelöst sein aber immer noch schwelt er.

    Bodenschätze und Geld allein im Dreieck Kongo, Burundi Ruanda reichen m. E. als Antwort nicht.

    Mobutu ist anerkannt bei vielen schwarzen Herrschern.
    Intervention wird als Einmischung begriffen. Und die Frage, was wäre, hätte Europa nie einen Fuss auf Afrika gesetzt, wie sähe es aus, darf vermutlich erst gar nicht gestellt werden. Die Afrozentristen haben doch dazu auch keine Antworten. Denn wieso ist Ägypten denn nicht woanders in Afrika Standard geworden?.

    Auch Afrika muss aufgeschlossen sein und eigene Zustände selbstkritisch und "von aussen" betrachten. "Der Westen" oder Europa allein ist keine Kategorie.

    Die "Afrikaner" haben die Verpflichtung die durch die willkürliche bis totalitäre Grenzziehung der Kolonialmächte hervorgerufenen Schäden zu reflektieren. Verlangen wir in Europa auch von unseren östlichen Nachbarn z. B. in Serbien und Kosovo.

    • TDU
    • 22.02.2011 um 14:02 Uhr

    Etliche Despoten ruhen sich gerne drauf aus. Natürlich auch zugunsten der Profiteure ausserhalb des Kontinents.

    Aber der leider immer noch vorherrschende Tenor sogar in der europäischen Politik: Afrika? Alles schwarz, arm und ausgebeutet kann natürlich keine adäquate Antwort geben.

  1. Als die Erschließung Afrikas voranging, war vom großen Malireich, Großreich Gana, etc. nichts mehr übrig.
    Man hatte nur rückfällige Stammeskulturen vorgefunden.
    Ich denke, das hat wohl das Bild Afrikas nachhaltig geprägt.
    Zum Schutz von Hegel muss man sagen, dieser Mann wusste noch nichts von der C14-Datierung.

  2. Wer ernsthaft die vorkoloniale Geschichte Afrikas erforschen will, wird nicht um den arabisch-muslimsichen Sklavenhandel herumkommen. Durch diesen ist Schwarzafrika seit dem 7. Jahrhundert verwüstet worden, sind Millionen über Millionen von Menschen verschleppt worden. Die amerikanischen Sklavenhändler des 16.-19.Jahrhunderts haben sich da lediglich in einen bereits florierenden Wirtschaftszweig eingelinkt.
    Und es waren die europäischen Kolonialisten, welche diesen Sklavenhandelt beendet haben.
    (Gebildeten ist dies aus Karl Mays "Sklavenkarawane" bekann).

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    Die amerikanischen Sklavenhändler des 16.-19.Jahrhunderts haben sich da lediglich in einen bereits florierenden Wirtschaftszweig eingelinkt.

    Ihnen als ausgewiesenen Kenner dürfte bewusst sein, dass der arabische Sklavenhandel weitestgehend entlang der ostafrikanischen Küste abgespielt hat, der atlantisch-europäische (nicht-katalanische) hingegen im westlichen und südlicheren Afrika. Selbst Gebildeten könnte ein Blick in einen Atlas also nicht schaden.

    Die amerikanischen Sklavenhändler des 16.-19.Jahrhunderts haben sich da lediglich in einen bereits florierenden Wirtschaftszweig eingelinkt.

    Ihnen als ausgewiesenen Kenner dürfte bewusst sein, dass der arabische Sklavenhandel weitestgehend entlang der ostafrikanischen Küste abgespielt hat, der atlantisch-europäische (nicht-katalanische) hingegen im westlichen und südlicheren Afrika. Selbst Gebildeten könnte ein Blick in einen Atlas also nicht schaden.

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