Bereit für eine Präsentation: ein Laptop mit angeschlossenem Beamer © Andreas Rentz/Getty Images

Das beste Schlafmittel dieser Erde ist nicht apothekenpflichtig. Man muss es schlucken, sobald man eine Kongresshalle betritt, sich an einen Konferenztisch setzt oder nicht schnell genug flieht, wenn ein Vertriebler zu einem Vortrag ausholt. Dieses Schlafmittel lässt Gedanken erstarren, verwandelt Säle in Schlafsäle und macht lebendige Gesichter zu Masken. Sein Name ist – PowerPoint.

In der Computer-Steinzeit mag diese Präsentationstechnik die Zuhörer überrascht haben wie die Eingeborenen ein großer Vogel namens Flugzeug. Doch heute fällt PowerPoint unter das Betäubungsmittelgesetz, zumindest in der Form, wie es die meisten verabreichen.

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PowerPoint ist zur Krücke für Redner geworden, die sich ihren Text nicht merken können. Satz für Satz hangeln sie sich an ihren Folien entlang und bleiben dabei so blass, dass ihre bunten Präsentationen zunächst interessant wirken – aber nur für 30 Sekunden, bis die ersten Zuhörer schnarchen.

Was tut ein guter Redner? Er überrascht sein Publikum. Was tut ein Mr. PowerPoint?

Er hält, im wahrsten Sinne, einen erschöpfenden Vortrag. Weil er zu viel gewinnen will, würde Jean de La Fontaine sagen, verliert er alles. Er hat mehr Folien als Verstand und serviert genau das, was das Publikum befürchtet hat: einen trockenen Faktensalat. Statt seine Zuhörer mitzureißen, statt sie mit Emotionen zu packen, tritt er als Vorleser seiner Folien auf.

Solche Folien-Folter grenzt an Körperverletzung. Auf diese Weise will man nicht informiert werden, erst recht lässt sich so niemand für eine Sache gewinnen. Der Magnet, an dem neues Wissen hängen bleibt, ist das Interesse der Zuhörer. Und das will geweckt sein, nicht eingeschläfert.

Versuchen Sie mal wieder einen folienfreien Vortrag. Stellen Sie sich selbst in den Mittelpunkt, nicht die Technik. Gestikulieren Sie, provozieren Sie, flüstern Sie, knurren Sie, tanzen Sie, jonglieren Sie einen Gegenstand, suchen Sie den Dialog mit Ihren Zuhörern. Seien Sie ein Mensch unter Menschen, ein lebendiges Wesen.

Wer Emotionen wecken will, muss Emotionen zeigen. Wer Ansehen gewinnen will, muss selbst von vielen Augen angesehen werden (statt nur seine Folien). Auf diese Weise können Sie Ihr Publikum überraschen, mitreißen und wach halten. Power ja – aber bitte vom Redner!