Der Personalberater winkt schnell ab: »Never ever.« Seit Jahrzehnten vermittelt er Manager in Topjobs, er kennt die Chefetagen vieler deutscher Konzerne, in seiner Datenbank finden sich die Handynummern und Lebensläufe zahlloser Vorstände – aber nein, ein Waldorfschüler »ist mir noch nie begegnet«. Waldorf und Wirtschaft, das klingt nach zwei Sphären, die wenig gemein haben. Eurythmie und Effizienz, Gartenbau und Gewinnmaximierung, Häkeln und Hauptversammlung: Wie soll das zusammenpassen? Gerade in börsennotierten Konzernen zählen Leistung, Wettbewerb und Unternehmertum. Zwar preisen viele Konzerne in bunten Broschüren ihr soziales Engagement, ihr nachhaltiges Wirtschaften oder ihre offene Firmenkultur. Vom Menschenbild und Geist der Anthroposophie sind sie aber weit entfernt. Und doch gibt es sie – Firmen, die den Gedanken Rudolf Steiners nahestehen, Unternehmer, die von der Anthroposophie inspiriert sind, und Manager, die eine Waldorfschule besucht haben. Es sind eher Einzelfälle, Daten über ihre Verbreitung gibt es nicht.

Da ist der Heilmittelhersteller Wala, vielen bekannt über seine Kosmetikmarke Dr. Hauschka: Die Lehren Steiners bilden unübersehbar die Wurzeln des 700 Mitarbeiter großen Unternehmens. Götz Rehn, der Gründer der Biomarktkette Alnatura , die binnen weniger Jahre auf 400 Millionen Euro Umsatz und 1500 Mitarbeiter gewachsen ist, besuchte als Kind Waldorfschulen und nennt zwei Werke Steiners »bis heute meine geistigen Wegbegleiter«. Auch Rehns Vertriebspartner dm ist von den Lehren des Anthroposophen inspiriert. Bei der Drogeriekette, die heute Milliarden umsetzt und 36000 Menschen beschäftigt, heißen Lehrlinge »Lernlinge«, Mitarbeiter können Kurse in Bildhauerei oder Malen belegen und Theaterstücke aufführen. Wie dm betonen viele von Steiner inspirierte Unternehmen die Förderung der Mitarbeiter, den Respekt vor dem Einzelnen und der Natur. »Geld ist für die Menschen da«, lautet der Slogan der von Anthroposophen gegründeten GLS-Bank; von der »heilsamen« Verwendung von Vermögen spricht Peter Schnell, der einer der Gründer der Software AG ist und seine Anteile am Unternehmen in eine Stiftung überführt hat.

Doch auch in der Industrie gibt es Spuren Steiners. So besuchten einige Nachkommen des legendären Sportwagenbauers Ferry Porsche eine Waldorfschule, unter ihnen Wolfgang Porsche. Peter Daniell Porsche ist selbst Waldorfpädagoge und hat vor Jahren in Österreich eine Schule für »Seelenpflege-bedürftige Kinder« aufgebaut. Auch bei den Voiths, der Familie hinter dem gleichnamigen Maschinenbauer mit 40000 Mitarbeitern und fünf Milliarden Euro Umsatz, gibt es eine gewisse Tradition. Da verwundert es dann auch nicht mehr, dass Michael Rogowski, der die Firma Voith viele Jahre lang führte und zeitweise Präsident des Bundesverbandes der Deutschen Industrie (BDI) war, Waldorfschüler ist. »Wie die Pest« habe er zwar das Stricken, Häkeln und Nähen gehasst, bekannte er später. Auch habe es an dem »Tritt in den Hintern« gefehlt, den ein Schüler, wie er einer gewesen sei, vielleicht manchmal nötig gehabt hätte. Auf der anderen Seite stärke die Waldorfschule die Persönlichkeit, so Rogowski, »es wird mehr Rücksicht auf Individuen genommen, man presst nicht alles in ein Schema«. Ihn habe sie »zu einem kritischen, selbstverantwortlichen Bürger gemacht«.