Es war lange Zeit etwas Verschmocktes, Ungelüftetes um Rudolf Steiner. Seine Anhänger hängten sich sein Porträt mit den durchdringenden dunklen Augen, der verwegen ins Gesicht wallenden Stirnlocke und der bohèmehaften Samtschleife übers Bett. Und die restliche Welt witterte in ihm einen Spinner, einen Profiteur des Zeitgeistes der vorvorigen Jahrhundertwende, dessen antimoderne Auffassungen wie unentsorgter Sperrmüll auf den Straßen der modernen Lebenswelt liegen geblieben waren und ein paar rückwärtsgewandte Liebhaber fanden. Ohne seinen großen Erfolgsartikel, die inzwischen weltweit agierende Waldorfschule, hätte man Rudolf Steiner schon lange in die Ecke zu den zahlreichen anderen inzwischen halbwegs vergessenen Propheten der Lebensreformbewegung gestellt. Er wäre einer von vielen schwarzberockten Idealisten mit Zylinder und Kneifer, die sich in der ersten großen deutschen Alternativbewegung am Beginn der Industrialisierung vergeblich vor den Schnellzug der Geschichte warfen.

Er ist die große Ausnahme. Von den anderen lebensreformerisch gesinnten Herren mag es hier und da noch ein nach ihnen benanntes Müsli, irgendeine Wasser- oder Semmelkur geben. Rudolf Steiner ist der letzte und nach dem Niedergang des Marxismus auch der einzige Sohn des deutschen Idealismus, der den Praxistest überlebt hat. Seine Werke liegen in 400 Bänden vor. Zum Waldorfschulbund gehören über 1000 Schulen. Über 3000 Bauernhöfe praktizieren die von Steiner begründete biodynamische Landwirtschaft. Seine soziale Dreigliederungsidee, die unter anderem ein arbeitsunabhängiges Einkommen und die Vergemeinschaftung des Kapitals fordert, ist noch immer aktuell. In dem von ihm entworfenen avantgardistischen Kultbau in Dornach gibt es bis heute einen regen Festspiel- und Seminarbetrieb. Die von ihm ins Leben gerufene moderne Tanzform, die Eurythmie, wird noch immer an seinen Schulen unterrichtet. Die von ihm und seiner letzten Gefährtin Ita Wegmann begründete ganzheitliche anthroposophische Medizin erfreut sich großer Anerkennung. Die von ihm initiierte Christengemeinschaft wächst unaufhörlich. Steiners Nachlass ist nichts Geringeres als ein Gesamtentwurf der spirituellen Überlebenstechniken in der materialistischen Eiszeit, ein von seinen Gegnern viel belächeltes ganzheitliches Paralleluniversum im wissenschaftlich-analytischen Zeitalter.

Diese ungeheuere Erfolgsgeschichte wurde beflügelt von der Wiederauflage der Alternativkultur am Ende des vorigen Jahrhunderts. Mit der zunehmenden Verbürgerlichung dieser Bewegung, die nicht zuletzt mit dem Älterwerden und dem sozialen Aufstieg ihrer Anhänger zusammenhängt, wuchs nicht nur die Waldorfschule, sondern auch das Ansehen ihres Gründers. Gleich drei umfangreiche Biografien, die in diesen Tagen zum 150. Geburtstag in großen Verlagshäusern erscheinen, machen wett, dass man sich außerhalb des anthroposophischen Ghettos mit dieser bis heute nachwirkungsmächtigsten Figur der Kulturgeschichte des 20. Jahrhunderts kaum beschäftigt hat. Steiner scheint in der Mitte der neuen Nachhaltigkeitskultur angekommen zu sein.

Auch der Modernekritiker lebte im Takt des Maschinenzeitalters

Wer war dieser letzte Prophet an der Schwelle zur modernen Zeit? Als k.u.k.-Eisenbahnersohn wird er am 27. Februar 1861 im Bahnwärterhaus des heute kroatischen Örtchens Kraljevec geboren. Sein Leben verläuft im Takt des Maschinenzeitalters, als dessen größter Widersacher er gelten darf. In seinem Hauptberuf als rasender Vortragskünstler – als Steiner am 30. März 1925 in Dornach im Alter von 64 Jahren stirbt, liegen circa 6000 Vorträge und Millionen von Bahnkilometern hinter ihm – ist er dem Produktions- und Beschleunigungstaumel seiner Zeit nie entkommen. Als Pendler fährt er jahrelang täglich mit der Eisenbahn vom Elternhaus in die habsburgische Metropole, um die Grundlagenfächer des technischen Fortschritts, Mathematik, Physik und Naturgeschichte, zu studieren. Doch die akademische Karriere scheitert. Die unbeweglichen Apparate der Kaiserzeit bleiben den aufstrebenden Söhnen der prosperierenden Mittelschicht in den Vorkriegsjahren noch verschlossen – ein durch einen anderen Habsburger Ehrgeizling, dem der Aufstieg als Kunstmaler in der Wiener Kulturwelt missglückte, traurig bekannt gewordenes biografisches Muster.

Doch die aufblühende Metropolenkultur hält neuartige Aufgaben bereit. Steiner erfindet sich den Beruf des ambulanten Universalintellektuellen. In dieser Rolle verfasst er in Wien und später in Berlin und München Theater- und Literaturkritiken, schreibt und inszeniert Dramen, gibt in der Arbeiterbildungsschule Unterricht in Geschichte, Naturwissenschaften und Redekunst, verdingt sich für beinahe ein Jahrzehnt im Bergwerk der deutschen Klassikerpflege als Herausgeber der naturwissenschaftlichen Schriften Goethes, übernimmt ein Literaturmagazin, hält Vorträge in Literatenzirkeln. Seine Einkünfte sind schwankend, er heiratet seine Zimmerwirtin, eine vermögende ältere Witwe mit fünf Kindern. Nach seiner Vorstellung vom Glück gefragt, antwortet er 1892: »Minnen und Sinnen.«

Wäre es dabei geblieben, hätte man ihn längst vergessen wie unzählige andere Bauchladen-künstler, die der Kulturbetrieb der Kaiserzeit verschluckt hat. Erst seine Promotion zum Propheten im Jahr 1902, die sich ihrerseits ergab aus seiner neuen Rolle als Vorsitzender der deutschen Theosophischen Gesellschaft – nach der Abspaltung im Jahr 1913 Anthroposophische Gesellschaft genannt –, bewirkte einen Statuswechsel. An dieser Bruchstelle seines Lebens scheiden sich die Geister und reiben sich die Biografen. Denn die Indienstnahme durch die Theosophische Gesellschaft – eine 1875 von der Russin Helena Petrovna Blavatsky in New York gegründete internationale Vereinigung mit Sitz in Indien, die sich buddhistischem und hinduistischem Glauben und Denken zugewandt hatte und in Deutschland aus adligen und bildungsbürgerlichen Kreisen regen Zulauf verzeichnete – war nicht mehr eine kulturbetriebliche Tätigkeit neben anderen. Sie verwandelte den Freidenker und Goetheaner Steiner in kürzester Zeit in einen »Eingeweihten«.

Kopfschüttelnd beugen sich die Ungläubigen seither über diese Konversion vom Zeitgeist-Intellektuellen zum Siegelbewahrer eines höheren, nur durch Meditations- und Selbstkultivierungstechniken zugänglichen übernatürlichen Geheimwissens. Dabei irritiert zum einen die ungeheuere Geschwindigkeit, mit der sich der in prekären Verhältnissen beschäftigte geistige Gelegenheitsarbeiter in einen in den allerhöchsten Kreisen nachgefragten Meister verwandelte. Zum anderen der rasche Abschied des umtriebigen Intellektuellen von den wissenschaftlichen Parametern seiner Zeit.