Es war die schlimmste Erfahrung seines Berufslebens. »Zwei Tage lang war unsere Firma komplett lahmgelegt«, sagt Bernhard Bahners, Gründer und Prokurist des Internet-Start-ups Radio.de . »Sie können sich gar nicht vorstellen, was hier los war!« Los war Folgendes: Niemand in der ganzen Firma konnte mehr auf irgendein internes Dokument zugreifen; Kunden wunderten sich, dass ihre E-Mails unbeantwortet blieben; 48 Stunden lang war die Firma ohne Daten und Büro-Software. Dabei war an den beiden Standorten von Radio.de in Hamburg und Innsbruck technisch alles in Ordnung, die Computer liefen, die Datenleitungen funktionierten. Der Grund für den Totalausfall im vergangenen Dezember: ein Fehler im Bezahlsystem von Google.

Weil ein Rechnungsbetrag von wenigen Hundert Euro nicht abgebucht werden konnte, hatte der kalifornische Gigant der deutschen Firma kurzerhand den Zugang zu ihrer Büro-Software und den zugehörigen Unterlagen gesperrt. Ohne Vorwarnung. »Am liebsten hätte ich das Geld in einen Umschlag gepackt und persönlich hingetragen«, sagt Bahners. Aber er habe nicht einmal gewusst, wohin. Für mittelständische europäische Kunden ist die Google-Niederlassung in Dublin zuständig, telefonisch erreichbar ist sie jedoch nicht. Und jene Hilferufe, die der entsetzte Bahners per EMail schickte und ins Formular auf der Google-Website eintrug, blieben zunächst unerhört.

Zugang gesperrt – das ist der Super-GAU beim sogenannten Cloud-Computing, dem »Rechnen in der Wolke«. Das ist das große Modethema der IT-Branche, es steht auch im Zentrum der diesjährigen Computermesse Cebit , die am 1. März in Hannover beginnt. Entwickler und Wissenschaftler wissen: Die Technik schreitet rasant fort, Sicherheitsfragen hinken noch hinterher.

Im Privatbereich haben wir uns längst daran gewöhnt, dass unsere E-Mails, unsere Urlaubsfotos und unser persönliches Profil bei Facebook nicht mehr auf dem eigenen PC bearbeitet und gespeichert werden. Parallel dazu wandern zunehmend Geschäftsvorgänge in die Rechnerwolke ab. Und manchmal verschwinden sie eben, wie im Fall von Radio.de, vorübergehend im Nirwana.

Schon die Metapher ist beredt: the cloud, die Datenwolke, die nichts Greifbares ist. Keine lokale Festplatte, kein bestimmter Server, kein konkreter Ort. Cloud-Computing verlockt den Nutzer, das Wie und Wo der Datenverarbeitung auszublenden. Hauptsache, sie funktioniert. Und die Vorteile liegen ja auch auf der Hand: Verbraucher nutzen kostenlose, leicht zu bedienende Angebote wie Dropbox (Speicherplatz) oder Google Text & Tabellen (Büro-Software). Und Unternehmen mieten, statt selbst ein aufwendiges eigenes Rechenzentrum zu betreiben, je nach Bedarf Rechenkapazität, Software und Speicherplatz bei einem Cloud-Computing-Anbieter. Dabei kann es sich um ein nur regional aktives Spezialunternehmen handeln – in Deutschland gibt es bereits über 700 davon – oder um Google, IBM, Microsoft oder Amazon. Bekannt sind diese globalen Giganten als Suchmaschinenbetreiber, Software-Häuser oder Internethändler, doch längst bieten sie ihre bestens vernetzten, riesigen Rechenzentren (»Serverparks«) zur Untermiete feil. Denn richtig ausgelastet sind diese Server nur selten – bei Amazon zum Beispiel nur während des Weihnachtsgeschäfts. Mit den überschüssigen Kapazitäten lässt sich ein gutes Geschäft machen: 1,9 Milliarden Euro wurden so allein in Deutschland 2010 umgesetzt, bis 2015 soll die Summe sich mehr als vervierfachen, schätzt der IT-Branchenverband Bitkom.

Wie sieht die Zukunft aus, in der diese Technik allgegenwärtig wird? Wie lassen sich Albträume wie der von Bernhard Bahners verhindern? Wo bleibt die Datensicherheit? Dies sind Fragen, mit denen sich Informatiker angesichts des Cloud-Trends intensiv beschäftigen.

Das größte deutsche Forschungsprojekt zu Cloud-Computing , genannt Logistics Mall, läuft derzeit am Dortmunder Fraunhofer-Institut für Software- und Systemtechnik . Die Wissenschaftler haben selbst einen neuartigen Cloud-Dienst entwickelt und ersten Kunden zugänglich gemacht – um daran beispielhaft offene Fragen zu klären. Der Projektleiter, Ulrich Springer, verdeutlicht die Funktionalität am Beispiel eines westfälischen Schweinehofs: Pfötchen, Schnauzen und Ohren, die nach der Schlachtung übrig bleiben, werden in Deutschland weggeworfen. In China gelten sie dagegen als Delikatesse und erzielen einen entsprechend hohen Preis. »Doch normalerweise hat der Bauer keine Chance, seine Schweineohren gesetzeskonform nach Peking zu schaffen.« Zollabwicklung, Veterinärvorschriften, Lagerung, Transport und Einhaltung der Kühlkette müssen von Experten geplant und von Spediteuren praktisch umgesetzt werden. Wollte ein Schlachter aus Westfalen all diese Dienste aus einer Hand kaufen, wären sie so teuer, dass sich der Export nicht mehr lohnte.