BerufsmusikerDas Vorspiel

In Berlin treten junge Kontrabassisten aus der ganzen Welt gegeneinander an: Ein Wochenende lang spielen sie um die einzige freie Stelle des Konzerthausorchesters – und um ihre Zukunft. von Carolin Pirich

Immer wieder derselbe Lauf über zweieinhalb Oktaven – und am Ende entscheidet auch die Tagesform der Jury

Immer wieder derselbe Lauf über zweieinhalb Oktaven – und am Ende entscheidet auch die Tagesform der Jury  |  © Tobias Kruse/Ostkreuz für DIE ZEIT

Letzte Nacht hat Konrad Reber nicht mehr von all den Stücken geträumt, von Dittersdorf, Koussevitzky, Beethoven. Er hat tief geschlafen, jetzt fühlt er sich sicher. Eine Putzfrau saugt noch einmal um ihn herum, dann lässt sie ihn allein. Reber blickt sich um in diesem Raum, den sie ihm zugewiesen haben: eine Solistengarderobe, kahl, eng, aber mit einem Fenster. An der Wand ein großer Spiegel. Über der Tür ein Lautsprecher, über den sie ihn bald rufen werden. Es gibt sogar ein Klavier. Das Modell kennt er noch aus seiner Kindheit in der DDR, Firma Hupfeld, Modell Carmen. Reber öffnet den Deckel, schlägt eine Taste an und verzieht den Mund. Es ist verstimmt.

Draußen steigt die Sonne über die Berliner Dächer. Eine Gruppe dunkel gekleideter Männer zieht über den Gendarmenmarkt, bewehrt mit Kaffeebechern. Alles im Gang und in den Gesten der Menschen draußen scheint Gewissheit auszustrahlen, gleich werden sie sich in den Büros verteilen. Reber kippt das Fenster und klappt den Hocker auf, den er mitgebracht hat, streift das schwarze Hemd über und bindet seine frisch gebürsteten Konzertschuhe. Dann zieht er den Bass zu sich heran. Öffnet den Reißverschluss der Hülle, greift mit der einen Hand das Instrument am Hals und streift mit der anderen die Hülle ab. Nimmt den Bogen aus dem Etui und bestreicht ihn mit bernsteinfarbenem Harz, dem Kolophonium. Alles macht er langsam. Das dämpft die Aufregung. Heute werden ein paar Minuten entscheiden, da muss alles stimmen: sein Gang über die Bühne. Seine Stimme für das »Guten Morgen!«, das er in den Saal schickt. Die Eindeutigkeit von Klang und Rhythmus in seinem Spiel. Und das gewisse Etwas, das Undefinierbare. Wenn er jetzt mit Ruhe beginnt, wird er auch später ruhig sein.

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Reber setzt sich und lässt den Bogen über die Saiten gleiten. Die Töne füllen den Raum. So soll es sein.

Seit knapp einem Jahr sucht das Konzerthausorchester in Berlin einen neuen Kontrabassisten. Bei diesem Probespiel will es einen finden. 94 Kandidaten haben sich beworben, 52 wurden eingeladen. Sie haben Mappen eingeschickt mit Lebensläufen, die von Verzicht und Fleiß, von Drill und Zielstrebigkeit erzählen. Und mit Fotos, die manchmal fast noch Kinder zeigen.

Da ist Je-Jun Kwak aus Südkorea, der mit 15 die Schule verließ und mit seinem Bass nach Deutschland kam, allein.

Da ist Krasen Zagorski aus Bulgarien, 25 Jahre alt, der an der Nationalen Musikschule in Sofia zu den Besten zählte; er kam zum Studium nach Deutschland, weil er von seinem Beruf einmal leben will.

Der chinesische Starpianist Niu Niu ist gerade mal dreizehn Jahre alt

Da ist Christian Poll aus Wiesbaden, 35 Jahre alt, der für sein Instrument so viel ausgab wie andere für einen Mittelklassewagen: 35.000 Euro.

Und da ist Konrad Reber, 25 Jahre alt, aus einem Dorf zwischen Leipzig und Dresden. Er hatte schon einen Vertrag in einem Orchester mit großem Namen. Aber der Vertrag war auf ein Jahr befristet, weshalb er sich jetzt wieder eine Stelle suchen muss.

Der jüngste Kandidat ist 22 Jahre alt, der älteste 36. Sie kommen aus Chile und China, Australien und Amerika, Israel und Südkorea.

Sie alle haben an Musikhochschulen studiert, Meisterkurse besucht, Wettbewerbe gewonnen. Ihre Lebensläufe sind lückenlos. Trotzdem ist dieses Probespiel für viele schon eine der letzten Chancen, als Orchestermusiker von ihrem Beruf zu leben. Deshalb haben fast alle Musiker in dieser Geschichte in Wahrheit andere Namen. Ihre Welt ist klein. Manche könnten Schwierigkeiten bekommen, weil sie sich woanders beworben haben. Und viele fürchten, ihnen könnte am Ende dieses Tages der Makel des Verlierers anhaften.

Leserkommentare
    • Babinho
    • 21. Februar 2011 22:59 Uhr

    Auch mir hat der Artikel sehr gut gefallen. Nur bin ich mir nicht ganz sicher, ob für solche Musiker nicht eine Lösung außerhalb eines Orchesters geben kann. Man sollte hier vielleicht an die "Drei Chinesen mit dem Kontrabass" denken.
    Auch hier sind uns die Chinesen einen Schritt voraus und das ganz ohne Werksspionage...

    Antwort auf "gut beobachtet"
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    • Lassek
    • 19. Oktober 2012 1:50 Uhr

    Nachdem ich den Kommentar stark schmunzelnd gelesen habe, glaube ich fast, der Autor hat sich absichtlich ein Kontrabass-Probespiel als Beispiel ausgesucht!! ;-D

  1. "Nicht selten einigen Orchester sich am Ende auf solides Mittelmaß. Da sind persönliche Interessen, Lobbyarbeit und manchmal die Angst vor der Konkurrenz, die man sich mit einem jüngeren Kollegen in die eigenen Reihen holen würde – auch wenn sein Klang gut zum Orchester passt."

    Hier trifft die Autorin den Nagel auf den Kopf!

    Und so ist es auch bei vielen Berufungsverfahren für Hochschlprofessoren und wahrscheinlich in anderen Bereichen des Konkurrenzkampfes auch. Man propagiert verbal Elite und wählt real Mittelmaß, das angeblich niemandem weh tut.

  2. Die genausete und einfühlsamste Schilderung des Probespiels und der Orchesterkultur die ich kenne.

    Zeige ich meinen Kollegen und meinen Kindern!

    • mrtes
    • 22. Februar 2011 15:24 Uhr

    Diese extreme Zuspitzung im Vorspiel, bei dem über die Existenz entschieden wird, muss enorm belastend sein ...
    und dann muss man wohl wirklich häufig außerdem noch gegen die unkalkulierbaren Interessen der Musikerkollegen anspielen ...

  3. Hier zeigt sich mal wieder, in welche Sackgasse sich die sog. klassische Musik manövriert hat. Es wird immer dasselbe Repertoire gespielt und da bleibt als einzige Möglichkeit, noch irgendetwas an Entwicklung zu haben, das Niveau immer weiter hochzuschrauben. Allerdings weiß auch kaum einer mehr, was das bedeutet, wenn man sich ansieht, was die Juroren notieren: »Ruhig«, »weich«, »anbiedernd«, »voll«, »musikalisch«. Das ist unklare Nebel-Lyrik, die verschleiern soll, dass man auch nicht so recht weiß, um was es geht.
    Die Lösung ist ganz einfach: wie bei allen anderen Musiker auch, ran an´s Notenpapier, komponieren was Zeug hält, auftreten wo es möglich ist. Das Publikum wird´s freuen

    • Lassek
    • 19. Oktober 2012 1:50 Uhr

    Nachdem ich den Kommentar stark schmunzelnd gelesen habe, glaube ich fast, der Autor hat sich absichtlich ein Kontrabass-Probespiel als Beispiel ausgesucht!! ;-D

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