Ist mehr Konsum gleich besseres Leben? Ein Arbeiter auf einer Kaufhausbaustelle in Berlin © Sean Gallup/Getty Images

Das richtige Maß zu finden ist eine zentrale menschliche und gesellschaftliche Überlebensfähigkeit. Hätten die Ureinwohner der Osterinsel nicht maßlos ihre Palmenhaine dem Bau von immer monumentaleren Statuen geopfert, hätten sie sich am Ende vielleicht nicht gegenseitig auffressen müssen. Mit dem Verschwinden der Landvögel, wegen erodierender Böden und mangels seetüchtiger Kanus war ihnen die Nahrung ausgegangen.

Um das richtige Maß geht es auch in der Wirtschaft. Ein Unternehmer misst seinen Erfolg nicht am Umsatz, sondern am Mehrwert, den er geschaffen hat, an seiner Produktivität. Einem klugen Unternehmer geht es dabei nicht um den kurzfristigen Profit, und ein Familienunternehmer misst seinen Erfolg an der Beständigkeit seiner Unternehmung über Generationen.

Unsere Gesellschaft dagegen misst ihr gedeihliches Fortbestehen weiterhin vor allem am Bruttoinlandsprodukt, genauer an dessen Steigerungsraten über einen kurzen Zeitraum hinweg. Das Bruttoinlandsprodukt entspricht dem Gesamtwert aller in einer Periode produzierten Waren und Dienstleistungen abzüglich der Vorleistungen. Die reale, sprich inflationsbereinigte Steigerung des Bruttoinlandsproduktes, danach streben alle Nationen. Das erklärte Ziel ist Wirtschaftswachstum.

Es ist der zentrale Ansatzpunkt zur Schaffung neuer Arbeitsplätze und um die überbordende Staatsverschuldung endlich in den Griff zu bekommen. »Wachstum zu schaffen, das ist das Ziel unserer Regierung«, meinte Angela Merkel in ihrer Antrittsrede als Bundeskanzlerin im 17. Deutschen Bundestag. Und der DGB-Vorsitzende Michael Sommer forderte anlässlich des Gipfels in Toronto im Juni 2010 die Regierungschefs der G-20-Staaten auf, »auch weiterhin Anreize für Wachstum und Beschäftigung zu geben«. Der Generationenvertrag der Bundesrepublik baut auf die staatliche Gewährleistung eines vielleicht schwankenden, aber kontinuierlich steigenden Bruttoinlandsproduktes.

Im vergangenen Herbst sah es kurzfristig so aus, als nähme die Debatte eine andere Wendung. Als gewönnen andere Kriterien an Bedeutung. Doch nun sind nur wieder die alten Stimmen zu hören, die das Wachstum feiern.

Unmittelbar leuchtet das ein, mittelbar ist es aber verzwickter. Die vom französischen Staatspräsidenten Nicolas Sarkozy eingesetzte Commission on the Measurement of Economic Performance and Social Progress unter der Ägide der Wirtschaftsnobelpreisträger von 2001, Joseph Stiglitz, und von 1998, Amartya Sen, verdeutlicht es an einem simplen Beispiel: Ein Verkehrsstau steigert das Bruttoinlandsprodukt, weil deswegen mehr Sprit verbraucht und daher verkauft wird. Aber die im Stau Stehenden werden das kaum als Wohlfahrtsgewinn empfinden, die Auspuffabgase schädigen zudem unseren Lebensraum, und ein endlicher Rohstoff wird nutzlos verbraucht.

Das Bruttoinlandsprodukt bildet insofern nicht das natürliche menschliche Daseinsprinzip ab, das Leben so zu gestalten, dass man den eigenen Nachkommen nicht die Überlebenschancen nimmt. Mehr ist nicht unbedingt besser. In der Subprime-Krise und den darauf folgenden weltweiten Eruptionen hat sich diese Volksweisheit erst wieder bestätigt. Die Kennzahlen hatten global besten Fortschritt signalisiert (5,2 Prozent Weltwirtschaftswachstum 2007) und die bevorstehende Krise nicht einmal angedeutet.