Das richtige Maß zu finden ist eine zentrale menschliche und gesellschaftliche Überlebensfähigkeit. Hätten die Ureinwohner der Osterinsel nicht maßlos ihre Palmenhaine dem Bau von immer monumentaleren Statuen geopfert, hätten sie sich am Ende vielleicht nicht gegenseitig auffressen müssen. Mit dem Verschwinden der Landvögel, wegen erodierender Böden und mangels seetüchtiger Kanus war ihnen die Nahrung ausgegangen.

Um das richtige Maß geht es auch in der Wirtschaft. Ein Unternehmer misst seinen Erfolg nicht am Umsatz, sondern am Mehrwert, den er geschaffen hat, an seiner Produktivität. Einem klugen Unternehmer geht es dabei nicht um den kurzfristigen Profit, und ein Familienunternehmer misst seinen Erfolg an der Beständigkeit seiner Unternehmung über Generationen.

Unsere Gesellschaft dagegen misst ihr gedeihliches Fortbestehen weiterhin vor allem am Bruttoinlandsprodukt, genauer an dessen Steigerungsraten über einen kurzen Zeitraum hinweg. Das Bruttoinlandsprodukt entspricht dem Gesamtwert aller in einer Periode produzierten Waren und Dienstleistungen abzüglich der Vorleistungen. Die reale, sprich inflationsbereinigte Steigerung des Bruttoinlandsproduktes, danach streben alle Nationen. Das erklärte Ziel ist Wirtschaftswachstum.

Es ist der zentrale Ansatzpunkt zur Schaffung neuer Arbeitsplätze und um die überbordende Staatsverschuldung endlich in den Griff zu bekommen. »Wachstum zu schaffen, das ist das Ziel unserer Regierung«, meinte Angela Merkel in ihrer Antrittsrede als Bundeskanzlerin im 17. Deutschen Bundestag. Und der DGB-Vorsitzende Michael Sommer forderte anlässlich des Gipfels in Toronto im Juni 2010 die Regierungschefs der G-20-Staaten auf, »auch weiterhin Anreize für Wachstum und Beschäftigung zu geben«. Der Generationenvertrag der Bundesrepublik baut auf die staatliche Gewährleistung eines vielleicht schwankenden, aber kontinuierlich steigenden Bruttoinlandsproduktes.

Im vergangenen Herbst sah es kurzfristig so aus, als nähme die Debatte eine andere Wendung. Als gewönnen andere Kriterien an Bedeutung. Doch nun sind nur wieder die alten Stimmen zu hören, die das Wachstum feiern.

Unmittelbar leuchtet das ein, mittelbar ist es aber verzwickter. Die vom französischen Staatspräsidenten Nicolas Sarkozy eingesetzte Commission on the Measurement of Economic Performance and Social Progress unter der Ägide der Wirtschaftsnobelpreisträger von 2001, Joseph Stiglitz, und von 1998, Amartya Sen, verdeutlicht es an einem simplen Beispiel: Ein Verkehrsstau steigert das Bruttoinlandsprodukt, weil deswegen mehr Sprit verbraucht und daher verkauft wird. Aber die im Stau Stehenden werden das kaum als Wohlfahrtsgewinn empfinden, die Auspuffabgase schädigen zudem unseren Lebensraum, und ein endlicher Rohstoff wird nutzlos verbraucht.

Das Bruttoinlandsprodukt bildet insofern nicht das natürliche menschliche Daseinsprinzip ab, das Leben so zu gestalten, dass man den eigenen Nachkommen nicht die Überlebenschancen nimmt. Mehr ist nicht unbedingt besser. In der Subprime-Krise und den darauf folgenden weltweiten Eruptionen hat sich diese Volksweisheit erst wieder bestätigt. Die Kennzahlen hatten global besten Fortschritt signalisiert (5,2 Prozent Weltwirtschaftswachstum 2007) und die bevorstehende Krise nicht einmal angedeutet.

 Die entscheidenden Fragen: Warum leben wir? Was wollen wir erreichen?

Was aber ist besser als mehr? Nun, man braucht es nur wörtlich zu nehmen: Besser ist, wenn mehr Gutes dabei herauskommt. Und wenn weiterhin gilt, wie Ludwig Erhard die soziale Marktwirtschaft verstanden hat: »Maßstab und Richter über Gut und Böse der Wirtschaftspolitik sind nicht Dogmen oder Gruppenstandpunkte, sondern ist ausschließlich der Mensch.« Wachstum in diesem Sinne bedeutet mehr gutes Leben der Bürger.

Aber was macht ein gutes Leben aus? Die Stiglitz-Sen-Kommission nennt acht Dimensionen: materiellen Lebensstandard, Gesundheit, Bildung, Zufriedenheit mit der eigenen Beschäftigung, politische Mitbestimmung, Wahrung der Bürgerrechte, der Beziehungen und des sozialen Umfelds, gegebene und künftige Umweltbedingungen sowie wirtschaftliche und physische Sicherheit.

Es finden sich noch mehr Facetten, die den dringenden Reformbedarf der Messung von Wachstum und gesellschaftlichem Fortschritt anzeigen. Zum Beispiel die nachlassende Aussagekraft eines statistischen Mittels bei zunehmender Ungleichheit in der Verteilung von Einkommen und Vermögen oder die Bedeutung von Freizeit – es macht ja einen Unterschied, ob ich für denselben Lebensstandard 1500 oder 2000 Stunden im Jahr arbeiten muss. Der entscheidende Paradigmenwechsel steckt aber in der Betrachtung von Nachhaltigkeit statt Wachstum und von Wohlergehen statt Wirtschaft. Nettovolksbefinden statt Bruttoinlandsprodukt.

Tatsächlich geht es um die Urfragen des Daseins. Warum leben wir? Was wollen wir erreichen, beziehungsweise was ist unsere Bestimmung? Es sind die großen Themen schon der Philosophie. Aristoteles sah den Menschen als Glücksstreber. Und trotz der offenbaren Banalität des Begriffes »Glück« liegt wohl genau dort der entscheidende Punkt. Was wollte man denn anderes als glücklich sein und diejenigen, die einem am Herzen liegen, glücklich sehen? Für Aristoteles gehört zum Glück eine tätige Seele, die Ausbildung von Tugenden, aber auch, und nicht zuletzt, das materielle Sein und Auskommen – jedoch alles in Maßen.

Allein die Bedeutung von Glück lässt sich nicht einfach in Worte fassen, geschweige denn in Messwerte und Kennzahlen. Die Aufgabe ist nicht trivial. Einen zukunftsträchtigen Ersatz für das Bruttoinlandsprodukt als Leitindikator werden wir aber nur finden, wenn wir anfangen, uns gesellschaftlich und politisch damit auseinanderzusetzen.

Laut einer repräsentativen Umfrage im Auftrag der Bertelsmann-Stiftung vom Juli 2010 meinen 88 Prozent der Deutschen, dass wir eine neue Wirtschaftsordnung brauchen, bei der der Schutz der Umwelt, der sorgsame Umgang mit Ressourcen und der soziale Ausgleich in der Gesellschaft stärker berücksichtigt werden. 61 Prozent glauben nicht, dass sie durch Wirtschaftswachstum künftig noch mehr Lebensqualität erlangen werden. Die Menschen sind also bereit, den Weg einer Reform des Wachstumsverständnisses mitzugehen.