Geschichte der LuftfahrtDer geflügelte Mensch

Vor 200 Jahren wagt Albrecht Berblinger erstmals den Gleitflug. Das Experiment misslingt, der "Schneider von Ulm" wird zur Witzfigur. Heute feiert man ihn zu Recht als Deutschlands ersten Flugpionier. von Uwe Schmidt

Endlich ist es so weit. Den ganzen Winter über hat er an der Konstruktion gearbeitet, hat getüftelt und probiert. Jetzt, am 31. Mai 1811, steht Albrecht Ludwig Berblinger bereit, mit seinem Flugapparat über die Donau zu fliegen – wie ein Vogel! Wird es dieses Mal gelingen? Am Tag zuvor hat der Ulmer Schneidermeister aufgeben müssen, weil ein Flügel versagte. Noch einmal wartet eine tausendköpfige Menschenmenge gespannt auf das Spektakel. Nur einer fehlt: König Friedrich I. von Württemberg. Er ist am Morgen nach Stuttgart zurückgereist, hat aber Berblinger eine Gratifikation von 20 Louisdor gewährt, unabhängig vom Ausgang des Unternehmens.

Berblinger ist aufgeregt und nervös. Er vermisst den tragenden Aufwind, den er von seinen früheren Flugversuchen am Ulmer Michelsberg gewohnt ist. Eine Dreiviertelstunde lang tänzelt er unentschlossen auf dem Gerüst über der Donau. Weiß wie ein Backsteinkäs sei er geworden, erzählt man später. Es soll der Triumph seines Lebens sein – doch es wird die große Katastrophe.

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Begonnen hat dieses Leben am 24. Juni 1770 in Ulm. Es ist keine gute Zeit. Just in Berblingers Geburtsjahr fällt die Ernte wegen Schnee- und Regenfällen im Frühjahr kümmerlich aus. Im folgenden Jahr vernichtet sie erneut der Regen. Die Getreidepreise steigen ins Unermessliche; viele Menschen ernähren sich bloß von Kräutern und Wurzeln. Als Jahre später, 1789, wieder Brot und Brennholz knapp und teuer werden, kommt in Ulm Unruhe auf.

Die im späten Mittelalter blühende freie Reichsstadt dämmert dahin. Ulm ist hoch verschuldet und steht vor dem Bankrott. 1773 ordnet der Kaiser einen Schuldentilgungsplan an, der die Stadt zum Verkauf städtischer Rechte, Güter und Gebietsteile zwingt – freilich ohne nennenswerten Erfolg. Ulm wird missregiert von einigen wenigen Patrizierfamilien, deren Mitglieder im Rat sitzen und sich auch die Ämter im aufgeblähten Verwaltungsapparat teilen. Die Bürgerschaft besitzt dagegen wenig Einfluss.

Das Wirtschaftsleben erstarrt zunehmend. Trotzdem hält man fest an den Zunftordnungen und tradierten Vorrechten. Ewige Kompetenz- und Konkurrenzstreitigkeiten ersticken jeden Reformansatz und beschleunigen den Niedergang in Handel und Gewerbe. Die 17 Zünfte der Stadt unterliegen nach Vermögen und Einfluss einer strengen Hierarchie. Zwar können manche Handwerker noch ein auskömmliches Leben führen, die meisten aber leiden unter Arbeitsmangel oder Arbeitslosigkeit. Zu ihnen gehören die Schuhmacher und die Schneider.

Albrecht Berblinger wächst in bescheidenen Verhältnissen auf. Sein Vater ist Amtsknecht im städtischen Zeughaus, und das weitläufige Areal mit seiner Waffen- und Modellsammlung und seinen Geräten bietet dem Kind vielfältige Anregungen und weckt sein Interesse für alles Mechanische. Als der Vater 1783 stirbt, muss die Mutter die drei jüngsten Kinder, darunter Albrecht, ins Waisenhaus geben. Mit 14 Jahren wird er wieder entlassen und beginnt, auf Anordnung seines Waisenvaters, eine Schneiderlehre, die gewiss nicht seiner Neigung entspricht. Er habe, schreibt er später dem bayerischen König, schon in früher Jugend die Liebe zur Mechanik erkannt.

Dennoch absolviert er klaglos Lehre und Gesellenzeit und wird schon nach vier Jahren – vier Jahre früher als üblich – Schneidermeister. 1792 heiratet er Anna Scheiffelin, die aus einer alten Donauschifferfamilie stammt. Sie bekommen sechs Kinder.

Albrecht Berblinger geht erfolgreich (zeitweise beschäftigt er bis zu vier Gesellen) seinem Handwerk nach, trotz der großen Konkurrenz. Schon zwei Jahre nach der Hochzeit erwirbt er ein Häuschen im heute bei Touristen so beliebten Fischerviertel.

Während er sich sein Leben einrichtet, wächst unter seinen Mitbürgern die Unzufriedenheit mit dem Ratsregiment. Die Ideen der Französischen Revolution finden auch in Ulm begeisterte Anhänger. Am Morgen des 9. August 1794 entlädt sich der allgemeine Unmut im sogenannten Kanonenarrest: Eine aufgebrachte Menschenmenge, darunter Berblinger, verhindert den Abtransport städtischer Kanonen an den Rhein, wo die kaiserliche Armee gegen die Truppen des neuen Frankreich kämpft.

In den folgenden Wochen herrscht Aufbruchstimmung in der Stadt. Säcklermeister Caspar Fesslen verfasst die Schrift Freimütige Gedanken über die höchst notwendige Staatsverbesserung der freien Republik Ulm, der er den ersten Artikel der französischen Menschen- und Bürgerrechtserklärung voranstellt: »Alle Menschen werden frei geboren und bleiben einander an Rechten gleich.« Ein Bürgerausschuss wird gegründet, in den die Zünfte ihre Deputierten schicken. Er vertritt vor den Ratsherren die Forderungen nach einer Reform des Finanzwesens und mehr Mitsprache der Bürgerschaft. Doch der Rat wehrt, auch mithilfe des kaiserlichen Reichshofrats in Wien, alle Angriffe auf seine Vorherrschaft ab.

Leserkommentare
    • FahadA
    • 19. Februar 2011 15:14 Uhr

    Tausend Jahre vor dem Schneiderlein, in Andalucia.

    http://www.uh.edu/engines...

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    • Parvis
    • 20. Februar 2011 17:33 Uhr

    gibt es dafür keine Beweise bzw. zeitgenössische Berichte.

    • Parvis
    • 20. Februar 2011 17:33 Uhr
    2. Leider

    gibt es dafür keine Beweise bzw. zeitgenössische Berichte.

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  • Schlagworte Donau | Ulm | Rhein | Vorpommern | Wien
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