Geschichte der LuftfahrtDer geflügelte Mensch
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Otto Lilienthal folgt Berblingers Idee eines Hängegleiters

Am Michelsberg, einem aufgelassenen Weinberg, auf dem die Ulmer Bürger ihre Gärten haben, unternimmt Berblinger erfolgreiche Flugversuche – es sind die ersten Gleitflüge der Luftfahrtgeschichte. Ein Augenzeuge berichtet, dass Berblinger »wie ein Vogel« von Gartenhäuschen zu Gartenhäuschen gehüpft sei. Dabei erkennt der wagemutige Pionier, dass die Absprunghöhe zur erzielten Flugweite in einem Verhältnis von 1:2 steht. Seines Erfolges gewiss, tritt Berblinger an die Öffentlichkeit. Im Schwäbischen Merkur, einer überregionalen Zeitung, gibt er am 24.April 1811 bekannt, dass es ihm gelungen sei, »nach einer unsäglichen Mühe in der Zeit mehrerer Wochen, mit Aufopferung einer sehr beträchtlichen Geldsumme und mit Anwendung eines rastlosen Studiums der Mechanik [...] eine Flugmaschine zu erfinden«. In wenigen Tagen werde er seinen ersten Versuch unternehmen. Bis zum großen Tag kann der Flugapparat im Saal des Gasthauses zum Goldenen Kreuz besichtigt werden, natürlich gegen einen Obolus.

Just zu dieser Zeit kündigt der neue Landesherr König Friedrich I. – Ulm ist mit dem Vertrag von Compiègne vom April 1810 württembergisch geworden – seinen ersten Besuch an. Die Ulmer Honoratioren wollen dem König ein besonderes Spektakel bieten und bitten Berblinger, seinen Flugversuch in Anwesenheit des Königs zu unternehmen. Froh gestimmt sagt er gleich zu. Man will dem dickleibigen Monarchen nicht zumuten, sich vor die Tore der Stadt zu bequemen, also wird die Adlerbastei als Ort des Geschehens gewählt. Da die Donau bei normalem Wasserstand ungefähr 40 Meter breit ist, lässt Berblinger auf der 13 Meter hohen Bastei ein sieben Meter hohes Holzgerüst errichten, um die nötige Abflughöhe von 20 Metern zu gewinnen.

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Doch am vorgesehenen Tag bricht ein Flügel, Friedrich will nicht warten und verlässt Ulm. Ein schlechtes Omen. Berblinger aber hält an seinem Plan fest. Am 31. Mai ist der große Moment gekommen. Die Menge längs der Donau hält den Atem an. Berblinger läuft los und springt ab. Und tatsächlich, für einen Moment erhebt er sich in die Luft, dann aber kippt er weg und stürzt kopfüber in die Donau.

Hohn und Spott ergießen sich über den kühnen Mechaniker. Spurlos verschwindet er aus der Stadt. Niemand weiß, wo er sich aufhält. Erst etliche Monate später taucht er wieder auf. Im Februar 1812 bewirbt er sich als Regimentsschneider bei einem in Ulm stationierten Chevaulegers-Regiment. Er erhält die Stelle. Erneut verliert sich seine Spur. Möglicherweise nimmt er an den Kriegszügen des Regiments teil.

1816 ist er jedenfalls (wieder) in Ulm. Sein Leben gerät aus den Fugen. Wie ein Ausgestoßener lebt er jetzt, dem niemand mehr ein Handwerk zutraut. Das 1807 erworbene Haus in der Hoheschulgasse muss er zur Schuldentilgung verkaufen. Der Rat droht mit dem Arbeitshaus, wenn er sich weiterhin dem Müßiggang hingebe. Noch einmal versucht Berblinger, seinen Lebensunterhalt als Schneider zu verdienen. Sein Hang zu Trunk und Spiel wird amtlich und er selbst für civiliter mortuus, für bürgerlich tot erklärt; er verliert sein Bürgerrecht.

1820 stirbt seine Frau 54-jährig an »Abzehrung«. Er heiratet im Mai 1822 ein zweites Mal, lebt nun in ständiger Geldnot und ist froh, wenn er Gelegenheitsarbeiten erhält. Seine Bitte, eine Freischule für Schneiderjungen einrichten zu dürfen, lehnt die Obrigkeit wegen der Überbesetzung des Schneiderhandwerks und Berblingers schlechtem Leumund ab: Weder die handwerkliche noch die sittliche Bildung könne er den Waisen vermitteln. Am 28. Januar 1829 stirbt Albrecht Ludwig Berblinger im Ulmer Spital und wird in einem Armengrab beerdigt. Nicht einmal ein Porträt von ihm hat sich erhalten.

Er ist endgültg zur Spottfigur geworden. Wenige Tage nach seinem Sturz in die Donau war bereits ein erstes Hohngedicht erschienen: Ikarus der Zweite. Es denunziert Berblinger als eitlen und trinkfreudigen Betrüger und empfiehlt, ihn ins Ludwigsburger Narrenhaus zu stecken. Selbstredend endet das Gedicht mit biedermeierlich erhobenem Zeigefinger: »Der Schneider bleibe bei der Nadel / Der Schuster bleib den Leisten treu. / So lebt ein jeder ohne Tadel / Und bleibt von Schimpf und Vorwurf frei.« Etliche weitere Verse und Geschichten, Karikaturen, später auf Postkarten weitverbreitet, und sogar eine komische Oper festigen das Bild bis in unsere Tage, ein Bild, hinter dem sich die erstaunliche Geschichte des genialen Mechanikers Albrecht Berblinger völlig verlor.

Und doch: Nicht einmal ein Jahrhundert vergeht, bis sich sein Traum erfüllt. Otto Lilienthal aus Anklam in Vorpommern wird zu seinem Nachfolger. Er bleibt in der Spur des Ulmers und entwickelt einen ständig verbesserten Hängegleiter, mit dem ihm Flüge bis zu 250 Meter gelingen.

Nach der Jahrhundertwende erfasst Deutschland ein neues Luftfahrtfieber. Die mächtigen Luftschiffe des Grafen Zeppelin, dessen Großvater Berblingers Flugversuch mit eigenen Augen gesehen hat, erobern den Himmel. Überall, wo Flugzeuge auftauchen, lösen sie Faszination und Begeisterung aus, die Piloten werden zu nationalen Stars.

Es braucht aber noch etliche Jahre, bis sich Ulm endlich Berblingers Erbe annimmt und man auch hier begreift, dass er tatsächlich kein Hanswurst, sondern der erste moderne Flugpionier war. 1986 findet ein erster Flugwettbewerb unter dem Motto »Der Traum vom Fliegen« statt. Zehn weitgehend historisch korrekte Flugmodelle gehen an den Start. Eines schafft den Flug vom historischen Ort, der Adlerbastei, an das Neu-Ulmer Ufer. Zehn Jahre später starten in Berblingers Geist vier Solarflugzeuge auf dem Flugplatz in Laupheim. Sieger wird die Icare 2, die am Institut für Flugzeugbau der Universität Stuttgart entwickelt wurde. Für das Jubiläumsjahr 2011 nun schreibt die Stadt einen dritten Wettbewerb aus – für ein mindestens zweisitziges Flugzeug mit höchsten Ansprüchen an Umweltverträglichkeit, Wirtschaftlichkeit, Sicherheit und Bauweise. So schließt sich der Kreis: vom Hängegleiter zum Solarflugzeug. Albrecht Berblinger sei Dank.

Der Autor ist Historiker und lebt in Ulm. Mit zahlreichen Veranstaltungen erinnert die Stadt in diesem Jahr an ihren großen Sohn. Informationen unter www.berblinger.ulm.de

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Leserkommentare
    • FahadA
    • 19. Februar 2011 15:14 Uhr

    Tausend Jahre vor dem Schneiderlein, in Andalucia.

    http://www.uh.edu/engines...

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    • Parvis
    • 20. Februar 2011 17:33 Uhr

    gibt es dafür keine Beweise bzw. zeitgenössische Berichte.

    • Parvis
    • 20. Februar 2011 17:33 Uhr
    2. Leider

    gibt es dafür keine Beweise bzw. zeitgenössische Berichte.

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