Am 7. November 1983 wird der chilenische Dichter und Revolutionär Gaston Salvatore, ein Mann großbürgerlicher Herkunft und allerbester Manieren, aus dem deutschen Kulturleben verbannt. Eine Hassschrift, wie man sie nur selten liest, erscheint an diesem Tag im Spiegel. Sie trägt den Titel Ein Papagallo der Prominenz und hat die rufmörderische Absicht, den aufstrebenden Schriftsteller als Irrtum der deutschen Zeitgeschichte, als Parvenü des Betriebs zu deklarieren. Über 20 Jahre später ist das Projekt vollbracht: Den Jüngeren ist heute der Chilene, einer der schillerndsten Intellektuellen der Achtundsechziger, kein Begriff mehr. Nach Erscheinen des Spiegel- Artikels, der Schmähungen überdrüssig geworden, zog Gaston Salvatore sich ganz nach Venedig, wo er seinen Zweitwohnsitz hatte, zurück.

Verfasst hat den Artikel damals der Redakteur Harald Wieser. Es ist nur ein Beitrag unter zahlreichen, die Gaston Salvatore in ein trübes Licht zu rücken suchten, aber jener, der am deutlichsten den Antrieb zur gesellschaftlichen Vernichtung erkennen lässt. Der mithin alle Klischees bestätigt, die man über die Kleinbürgerlichkeit der alten Bundesrepublik überhaupt nur haben kann. Das Archivmaterial, das man zur Vorbereitung einer Begegnung mit Salvatore liest, zeigt jedenfalls prägnant, welche Eigenarten und Lebensgewohnheiten man auf gar keinen Fall haben durfte, um hierzulande geliebt und bewundert zu werden.

Was man seinerzeit offenbar keinesfalls tun durfte, wenn man etwas werden wollte: Journalisten den »Palazzo« in Venedig zeigen, den man besitzt, die »stilgerechten Möbel«, den »mannshohen Kamin« und den Gästen »erlesenen Wein« servieren. Vorwürfe des Spiegel- Artikels waren: Salvatore habe Geschmack, er sei reich (er sitze auf einem »luxuserprobten Allerwertesten«), er verfüge über die raumgreifenden und zugleich dezenten Gesten eines Gentlemans, er entspringe einer Industriellenfamilie in Chile – offenbar eine Verfehlung. Eine noch schlimmere: Er habe ein »gesellschaftliches Talent«, er betöre mit weltläufiger Eleganz. Nur so ließ sich offenbar erklären, dass der 1964 »unter die Deutschen gekommene Literat« von so vielen von ihm offenbar geblendeten Geistesgrößen geschätzt wurde.

Das Leben des Gaston Salvatore ist derart abenteuerlich, dass es wie ausgedacht klingt. Es beginnt staatsmännisch: Salvador Allende, der später sozialistischer Präsident Chiles werden sollte, ist mit der Familie Salvatore verwandt und eng verbandelt. Man verbringt in den unbeschwerten Nachkriegsjahren regelmäßig Zeit in den benachbarten Ferienhäusern am Pazifik, schwimmt und spielt Polo. Früh politisiert Allende seinen Schützling, den jungen Gaston.

Salvatores Vater ist italienischer Abstammung, Aristokrat und Besitzer einer Papierfabrik, die Mutter ohnehin vermögend. Drei englische nannies ziehen Gaston mit statusbewusstem Ehrgeiz auf. Er besucht die amerikanische Eliteschule St. George’s College, studiert Jura und arbeitet für kurze Zeit als Anwalt.

Ein Stipendium der Freien Universität führt ihn nach Berlin. Bald schon gehört er zur Speerspitze der Studentenproteste, ist engster Freund von Rudi Dutschke . Berühmt gewordene Bilder zeigen den blendend aussehenden Chilenen mit erhobener Faust auf einer Demonstration gegen den Vietnamkrieg und vor dem Springer-Haus. Ikonografisch geschickt war dem verkopften Marxismus-Protestantismus Dutschkes ein südamerikanisch-lebensfroher Partner beigemengt. Salvatore nimmt sich der Organisation der riesigen Vietnam-Konferenz in Berlin an.

1969 werden Dutschke und Salvatore wegen ihrer Protestaktionen des schweren Landfriedensbruchs angeklagt. Dutschkes Verfahren wird wegen des auf ihn verübten Attentats ausgesetzt, Salvatore flieht für eine Weile nach Italien und lernt dort den Filmregisseur Michelangelo Antonioni kennen, berät ihn bei der Fertigstellung von Zabriskie Point – der wohl bekanntesten filmischen Hommage an die 68er.

 

Salvatore, der die deutsche Sprache erst in Berlin erlernt hat, schreibt ein Stück über Georg Büchner, Büchners Tod, das 1972 zur Eröffnung des Hessischen Staatstheaters in Darmstadt mit Resonanz gegeben wird. Er arbeitet mit Peter Zadek zusammen an einem Film. Er gründet mit Hans Magnus Enzensberger , mit dem er bis heute aufs Engste befreundet ist, die Monatsschrift TransAtlantik . Er schreibt im stern aufsehenerregende, da einfühlsame Porträts über Industrielle. Er erhält für seine Prosa und seine Dramen den Gerhart-Hauptmann- und den Kleist-Preis.

Den biografischen Eckdaten zufolge haben wir also einen berühmten wie berüchtigten Mann vor uns. Doch selbst im 68er -Jubiläumsjahr 2008 wurde seine Rolle weitgehend ausgeblendet.

Gaston Salvatore ist für jeden, der einem honnête homme zu begegnen noch nie die Gelegenheit hatte, tatsächlich eine etwas wunderliche Erscheinung; also für beinahe jeden, der aus Deutschland kommt. Salvatore, von stattlicher Figur, begrüßt den Gast mit einem durchdringenden, überaus stolzen Blick und einer angedeuteten Verbeugung. Es irritiert das ausgesprochen kraftvolle, gewellte, strahlend weiße Haar, das er recht lang trägt. Salvatore, sobald man das Wohnzimmer betreten hat, reicht ein Glas Champagner, lässt sodann von seiner Haushälterin ein Dreigängemenü (Gemüse, Pasta, Fleisch) zubereiten und ist über das laute Erstaunen, den Ausblick betreffend, den man von der breiten Fensterfront auf das funkelnde Wasser des Canale della Giudecca und die Insel San Giorgio Maggiore hat, offenkundig beleidigt, da er nichts erwidert. Natürlich, es gehört sich nicht, Selbstverständliches sonderlich hervorzuheben, den verwunschenen Gang hinaus auf eine stille, wie aus der Zeit gefallene Terrasse, die wertvollen Stiche an den Wänden, die mit der vornehmen Kargheit geschmackvollerer Jahrzehnte eingerichteten Gäste- und Badezimmer, die verzierten Kamine und Türen, die antiken Möbel, die prachtvolle Bibliothek, die sich über die zweite Ebene erstreckt.

Den Weißwein, der zu den Speisen gereicht wird, dürfe man loben, der komme aus Chile, sei besser als jede Flasche, die in Venedig erhältlich sei, erklärt der Gastgeber und trinkt ihn mit allergrößtem Einsatz, Wohlgefallen und bewundernswerter Ausdauer. Wir gehen während dieses Gesprächs über sein Leben, sein Werk, seine Wirkung sogleich gewissermaßen ans Eingemachte, sprechen das wundersame Faktum an, dass der Ruhm sich nicht einstellte für ihn in Deutschland trotz heißen Bemühens und trotz aller dokumentierten Leistungen. Ja, sagt Gaston, während er sich energisch eine Zigarette anzündet, er wolle nicht klagen, aber was hätte er schon werden können in einem Land, das, etwas grob betrachtet, nur eine einzige Klasse herausgebildet habe: das Kleinbürgertum. In einem solchen Land, das habe er zu spät realisiert, sei für ihn nur eine Rolle vorgesehen gewesen: die des Harlekins. Deutsche, die ihn hier aufsuchten, stellten immer Fragen, die für Bewohner zivilisierterer Länder schlechterdings undenkbar seien: ob die Kamine auch wirklich funktionierten. Ob er zur Miete wohne oder dies hier sein Eigentum sei. Wie er das alles nur habe bezahlen können. Zudem auch: indiskrete Fragen nach sexuellen Vorlieben. Diese ganze Indiskretion. Es sei entsetzlich.

Überhaupt sei alles ganz entsetzlich schiefgelaufen in seinem Leben, da er ausgerechnet unter die Deutschen geraten sei. Schon in den ersten Monaten in Berlin hätte er es besser wissen müssen. Erinnerlich seien ihm Kommilitonen, die ihm 10 Pfennig reichten, wenn sie ihn um eine Zigarette baten. Irritation sei der Dank gewesen dafür, dass er die Bezahlung abgelehnt habe.

Unvermittelt fragt Gaston Salvatore, ob es denn auch schmecke. Großartig, versichert man. Das Hähnchenfleisch besonders, ganz großartig. Ob man auch nicht lüge, fragt Salvatore etwas misstrauisch. Natürlich nicht. »Warum nicht? Lernen Sie zu lügen!«

Die Studentenunruhen seien eine prachtvolle Zeit gewesen, fährt Salvatore nach einer kurzen Pause fort. Dutschke habe eine Reihe von Südamerikanern, unter denen er sich befunden habe, gefragt, ob jemand bereit sei, ihm bei der Übersetzung von Che Guevaras Kampfschrift Schaffen wir zwei, drei, viele Vietnam zu helfen. Übersetzt habe er sie mit Dutschke dann in einer schlaflosen Nacht. Die Wohnung Dutschkes und seiner Frau Gretchen sei unsäglich chaotisch und vermüllt gewesen. Daran erinnere er sich noch ganz genau. Er habe, ohne zu zögern, zunächst einmal den Abwasch gemacht. Als er zum ersten Mal die Kommune I aufgesucht habe, sei er wiederum erschrocken über die klinische Aufgeräumtheit der Wohnung gewesen, die so gar nicht zum antibürgerlichen Pathos ihrer Bewohner passte. Die Strenge, die Dutschke in seinen Schriften und Auftritten pflegte, habe als Kehrseite die häusliche Verwahrlosung gekannt. Die Inszenierung sexueller Befreiung sei aber mit der allerspießigsten Hygiene einhergegangen, Bleistifte und Leitz-Ordner seien fein säuberlich geordnet gewesen: »So peinlich, so unfrei, so deutsch!«

 

Rückblickend betrachtet, sei ihm, Salvatore, eine Verkettung der allergrößten Missverständnisse im Umgang mit Deutschen widerfahren. Lasse er den besten Wein ausschenken, langten die Deutschen immer mit ungeheurem Durst zu. Einen Tag später aber klagten sie über seine, Salvatores, Protzerei. Schön sei das nicht. Ein Skandal überhaupt: dass seine Rolle in der Bewegung nicht anerkannt werde, immer werde er nur als Chauffeur von Dutschke erwähnt, gewiss, er habe Dutschke tatsächlich herumgefahren, Dutschke habe halt nicht Auto fahren können. Ein noch größerer Skandal: dass sein Werk nicht beachtet worden sei, weder sei es kritisiert noch gelobt worden in der Regel, einfach nur nicht beachtet. Er empfinde sich als Gutsbesitzer ohne Land.

Man muss sich Gaston Salvatore als ausnehmend impulsiven Gesprächspartner vorstellen. Er erzählt mit Lust an theatralischer Übertreibung, mit großer Angriffsfreude und aufbrausender Larmoyanz, in der Ernst und Spiel im Wettstreit liegen, mit lebhafter Suche nach einer feinen Pointe; kurzum: mit einer Eitelkeit, die einen, sobald man sich auf sie einlässt, bannt.

Dass das Maskenspiel im Sozialen im provinzfixierten Deutschland seit je einen schweren Stand hat, wurde mit allen daraus resultierenden Abgründen bereits in den zwanziger Jahren von Helmuth Plessner herausgestellt. Erst spät entwickelten sich im »deutschen Sonderweg« halbwegs kosmopolitische Metropolen, die höfische Kultur wiederum hatte kein machtvolles Zentrum. Verfeinerte Sitten waren, anders als in Frankreich, grundsätzlich verdächtig.

Frühere Wegbegleiter von Salvatore heben stets hervor, dass er aufgrund seines Charmes und seiner Eleganz bereits in der Studentenbewegung nicht gut angekommen sei. Peter Schneider, Schriftsteller und einst einer der feurigsten Kämpfer gegen den Axel-Springer-Konzern, erinnert sich an den Neid, der Gaston Salvatore stets entgegenschlug. Einerseits, da er unbestritten »der schönste Mann der Bewegung« gewesen sei und ein lebhafter Verführer. Andererseits habe niemand verstanden, warum Dutschke so eng mit ihm befreundet gewesen war, mit so einem elitären Südamerikaner. Salvatores Elitarismus aber habe der Bewegung genutzt. Vor allem im Ausland. Die französischen Aktivisten hätten mit Dutschkes humorloser Geradlinigkeit nichts anfangen können, mit der verspielten Weltläufigkeit Salvatores umso mehr. Als Theoretiker sei Salvatore allerdings nie recht in Erscheinung getreten.

Schneider erzählt, wie er und Salvatore vor Kurzem arg aneinandergeraten seien. Nach einer öffentlichen Diskussion über die italienischen 68er in Rom hätten sie sich beim anschließenden Abendessen in einem sardischen Restaurant über ihre jeweilige Bedeutung innerhalb der Bewegung gestritten. Der Alkohol habe sie derart befeuert, dass sie schließlich aufgestanden seien, um die Angelegenheit vor der Tür auszutragen. Die italienischen Gastgeber der Gedenkveranstaltung hätten unter erheblichem Körpereinsatz das Duell noch verhindern können.

Hans Magnus Enzensberger schildert Salvatore als Anreger seiner Werke, dieser sei stets einer der ersten Leser seiner Manuskripte. Er, Enzensberger, wiederum habe Salvatore einst dazu ermuntert, in deutscher Sprache zu schreiben. Ihn empöre, dass Salvatores großartiges Werk keine Anerkennung finde. Salvatore habe mit seiner Persönlichkeit eben immer angeeckt. Links zu sein und Stil zu haben – diese Kombination sei hierzulande immer ein Kuriosum gewesen. Als Salvatore einst vom Spiegel so vernichtend angegangen worden sei, habe er, Enzensberger, ihn in der ZEIT verteidigt. Der damalige Ressortleiter des Feuilletons Fritz J. Raddatz, wie Salvatore dem feinen Leben nicht abgeneigt, habe dem Artikel sogleich zugestimmt.

Christian Semler, einer der maßgeblichen Theoretiker der 68er, heute Autor der taz, preist Salvatore schließlich als beachtlichen politischen Autor. Er habe noch einmal die Rede von Salvatore auf dem Vietnam-Kongress gelesen, eine Ermahnung, sich besser zu organisieren im Guerilla-Kampf. Blinder Widerstand sei dumm. Revolutionäre müssten Institutionen von innen erobern, man müsse überhaupt den Kampf in modernen Metropolen und den in der unterentwickelten Provinz aufeinander abstimmen. Gedanken, so Semler, die zu diesem Zeitpunkt, im Februar 1968, originell ausgeführt gewesen seien.

Eine zweite Begegnung mit Gaston Salvatore findet auf der Terrasse des Hotels Monaco statt. Der Canal Grande öffnet sich hier zum Meer. Es ist ganz unbestritten der schönste Ort auf der Welt. Die Kellner begrüßen Gaston Salvatore mit offensivster Herzlichkeit, er isst hier regelmäßig. Heute einen Salat mit Scampi und gebratenem Lachs. Wir sprechen über sein weitgehend unbekanntes Werk, über das Drama Stalin, das George Tabori aufgeführt hat und das auch in zahlreiche Sprachen übersetzt wurde, Salvatores bislang größter Erfolg. Über die kleine, anekdotensatte Anleitung zum Umgang mit schönen Frauen. Über sein letztes, bislang unaufgeführtes Stück Monsieur Joseph. Über zahlreiche andere kluge, ernste, heitere Werke, die man in den Buchhandlungen vergeblich sucht. Es gebe, sagt Gaston Salvatore, eine Erklärung für seinen himmelschreienden Misserfolg: Sein Werk sei nur mittelmäßig. Dann aber denke er: Wenn es, mal angenommen, mittelmäßig sei, warum nur hätten all die anderen mittelmäßigen Schriftsteller Erfolg? Er habe jedenfalls die Absicht, bald einen Roman zu schreiben. Diesmal nicht auf Deutsch. Sondern auf Spanisch. Der Arbeitstitel laute: »Der Lügner«.

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