Wenn nicht alles täuscht, dann bildet der Streit um den Islam die wichtigste Kontroverse der Gegenwart. Autoren wie Necla Kelek, Henryk Broder, Thilo Sarrazin oder Ralph Giordano warnen vor der Unterwanderung der Gesellschaft durch einen gut getarnten, nach Vorherrschaft strebenden Islam. Diese Religion sei so kriegerisch, dass ihre Gefährlichkeit in der Öffentlichkeit systematisch verkannt werde. Diese radikale Islamkritik hat prononcierten Widerspruch erfahren, zum Beispiel durch Patrick Bahners, den Feuilletonchef der »FAZ«. »Die Panikmacher. Die deutsche Angst vor dem Islam« heißt sein Buch, das am 19. Februar im Münchner C.H. Beck Verlag erscheint (300 Seiten, 19,95 Euro).

DIE ZEIT: Herr Bahners, nichts ruft so starke Affekte hervor wie die Frage nach dem Islam. Warum?

Patrick Bahners : Das ist für mich ein Rätsel. Ich bin überrascht darüber, dass alte nationalistische Stereotype zurückgekommen sind und von Politikern aufgenommen werden. Es gab nach der Wiedervereinigung eine große Alarmstimmung, als manche Intellektuelle davor warnten, dass mit dem deutschen Nationalstaat auch ein deutscher Nationalismus zurückkommen müsse. Mir schien das damals unplausibel. Heute sehe ich das anders. Es gibt tatsächlich seriöse Anschlussmöglichkeiten für einen nationalistischen Diskurs.

ZEIT: Nun sind Islamkritik und Nationalismus nicht dasselbe.

Bahners : Das stimmt. Aber was man in den neunziger Jahren »Extremismus der Mitte« nannte, das beschreibt die bürgerliche Begeisterung für Sarrazin sehr genau. Zwar gab es damals Ausländerfeindlichkeit – mit vielen Todesopfern –, aber es fehlte die intellektuelle Anschlussfähigkeit. Das ist heute anders. Es gibt wieder ein starkes Interesse an »Wir-hier-die-da-Unterscheidungen«. Wir Deutschen hier, die Fremden da.

ZEIT : Der intellektuelle Rechtsradikalismus hatte damals drei Leitmotive. Erstens: Unsere moralische Rücksichtnahme auf Fremde ist übertrieben, ist pervertiertes Christentum. Zweitens: Wir werden von einem Meinungskartell unterdrückt. Drittens: Die Schuld- und Scham-Moral nach 1945 verbietet es uns, die Wahrheit über Ausländer zu sagen.

Bahners : Alle drei Leitmotive sind in der Islamkritik zurückgekehrt. Vor allem die Öffentlichkeits- und Moralismuskritik sind Hauptmotive des Sarrazin-Buches. Aber dass auch Politiker seine Diagnosen aufgreifen, ist neu. Guido Westerwelle etwa suggeriert, nun müsste das Medienkartell aufgesprengt werden.

ZEIT : Unter der Flagge der Islamkritik versammeln sich auch linke Stimmen. Alice Schwarzer ist zuverlässig mit dabei.

Bahners : Es gibt auch einen linken Nationalismus. Und die Religionskritik, die jetzt im bürgerlichen Publikum wieder so populär ist, war in der Vergangenheit häufig mit Fremdenfeindlichkeit, Abgrenzung und vor allem mit dem Hochmut der Gebildeten und Aufgeklärten verbunden. Der Antikatholizismus des 19. Jahrhunderts hatte starke liberale und linke Elemente. Schon dort finden Sie Motive für die Verachtung des Fremden, für die Verachtung des etwas trotzigen Willens, auf einem Leben nach den eigenen Regeln zu beharren.

ZEIT : Sie beschreiben die Islamkritik als kollektiven Wahn. Aber die westliche Welt wird doch tatsächlich vom radikalen Islam wie von nichts anderem herausgefordert.

Bahners : Das ist richtig, und das Recht dieser Islamkritik bestreite ich nicht. Das Thema meines Buches ist jene Islamkritik, die meint, dass die Hilfstruppen von Ahmadineschad und al-Qaida einen verdeckten Krieg in unserem Alltag führen. Ralph Giordano oder Necla Kelek behaupten, dass derjenige, der ein frommes muslimisches Leben führen will und die Heilsbotschaft des Koran akzeptiert, früher oder später zum heiligen Krieger werden muss, weil es innerhalb der islamischen Tradition keine Möglichkeit gibt, den Islam zu entschärfen. Wahnhaft erscheint mir, dass man nun vor jedem türkischen Gemüsehändler und vor jeder Kopftuchträgerin Angst haben muss.

ZEIT: Islamkritiker behaupten, die Medien würden Zwangsehe und Ehrenmord verharmlosen.

Bahners : Das stimmt nicht einmal im allerwörtlichsten Sinne: Es gibt jede Menge Bücher zu diesen Themen. Necla Keleks Die fremde Braut hat eine große Öffentlichkeit erreicht, und die verschärfte Einwanderungsgesetzgebung hat reagiert.

ZEIT : Warum werden die Medien so hartnäckig als ein Kartell wahrgenommen?

Bahners : Ich zögere immer, gesellschaftliche Entwicklungen aus Veränderungen im Mediensystem abzuleiten. Aber es gibt heute eine derart homogenisierte nationale Öffentlichkeit wie noch nie zuvor in der deutschen Geschichte. Im Kaiserreich und natürlich erst recht in der Weimarer Republik war die gesamte politische Öffentlichkeit versäult: Die Leute hatten für ihre Auffassungen auch ihre eigenen Zeitungen. Auffassungen, die unter Beschuss gerieten oder historisch unplausibel wurden wie der Monarchismus, konnten in dieser Nischenpresse bewahrt bleiben. Ob jemand in eine Talkshow eingeladen wird oder nicht, hat heute eine größere Bedeutung als früher. Es ist diese Gate-Keeper-Funktion der Medien, die Ressentiments entstehen lässt. Ein rechtskonservatives Blatt wie die Junge Freiheit ist heute ein reines Blatt für Fans und Freaks, kein großes Abonnementblatt, das von den Wählern einer großen Hugenberg-Partei bezogen wird.