Nahe dem Bab al-Jemen, dem Tor zur Altstadt von Sanaa , recken die Menschen die Fäuste, verdammen ihren Herrscher und halten Schilder hoch : »Solidarität mit den Revolutionären in Kairo und Tunis!« Ali Salih , der den Jemen seit 32 Jahren regiert, soll gehen. Es sind viel weniger Demonstranten als in Ägypten , aber sie eifern dem großen Vorbild nach. Auf ihre Weise. Die Ägypter setzten sich in den Pausen des Protests auf dem Bürgersteig vor eine Schüssel kalter Nudeln mit Reis. Die Jemeniten hocken sich hin, öffnen mitgebrachte Plastikbeutel und nehmen Kat-Blätter heraus. Sie beginnen zu kauen, stundenlang, bis ihre Wangen tennisballgroß geworden sind. Jeden Abend ist Sanaa eine Stadt der geschwollenen Backen.

Kat – die Droge, die euphorisch und gesellig zugleich macht – ist überall in Sanaa zu kaufen, wie ein Grundnahrungsmittel. Gekaut wird auf Bürgersteigen, im Basar, auf Dächern, sitzend am Lenkrad, liegend im Kofferraum. Zungenakrobaten verstehen es, an den in der Wange gehamsterten Kat-Blättern vorbei zu essen, zu trinken, zu rauchen, zu rufen. Wer Lebensart hat, genießt Kat mit einer Wasserpfeife auf den Diwanen im obersten Stockwerk eines alten jemenitischen Hauses – mit einem schönen Blick über die Stadt. Wer den Präsidenten in die Wüste schicken will, mahlt die Blätter während der Demonstration im Mund. Die Droge hat mit den Protesten nichts zu tun. Sie gehört einfach zu jeder Handlung der Jemeniten dazu. Siebzig Prozent aller Männer und ein Drittel der Frauen kauen sie täglich.

Die Droge hat Nebenwirkungen – zum Beispiel gesundheitliche wie Appetitlosigkeit, Schleimhautentzündungen, Schlafstörungen. Dazu kommen gesellschaftlich-soziale Folgen. Kat kostet Geld und ruiniert ganze Familien. Der Anbau von Kat verbraucht sehr viel Wasser. Der Grundwasserpegel ist in manchen Gegenden des Jemen dramatisch gesunken, schon sitzen ganze Städte und Dörfer auf dem Trockenen. Die Hauptstadt Sanaa muss heute bereits durch zahllose Tanklastwagen aus der Umgebung beliefert werden. Internationale Organisationen schlagen Alarm wegen des wachsenden Wasserproblems. Wird bald der ganze Jemen – ein Land von 23 Millionen Menschen – an Dürre und Durst leiden?

Bis zu sechs Mal im Jahr ist eine ergiebige Ernte möglich

Kaum hat der Geländewagen die reich dekorierten Lehm- und Steinhäuser von Sanaa hinter sich gelassen, beginnen die grünen Plantagen. Katfelder, so weit das Auge reicht. Die teilweise baumhohen Sträucher gedeihen in der Hochebene auf über 2000 Metern prächtig. Auf breiten Feldern in den Tälern und auf schmalen Terrassen am Berghang. Alles, was Kat braucht, sind Erde und Wasser. »Die Pflanze ist fantastisch«, schwärmt Walid, ein Kat-Bauer. Wenn man sie nicht wässert, bleibt sie im Ruhezustand, ohne dass sie verdorrt. Gießt man sie reichlich, trägt sie innerhalb von zwei Wochen. Mit viel Dünger und bei einem milden Winter ohne Frost »kann ich bis zu sechs Mal im Jahr ernten«, sagt Walid.

Die Kat-Plantagen im Hochland von Sanaa sehen nicht nur malerisch aus. Die leichten Blätter des Strauchs bringen den Bauern viel höhere Verkaufspreise als ungleich schwerere Mangos oder Bananen – Früchte, die meist in den tieferen Lagen des Jemen wachsen. Natürlich wird auch Getreide angebaut. »Aber das verkaufen die Bauern häufig gar nicht«, sagt Gerhard Lichtenthäler von der Deutschen Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ). »Sie bauen es für den Eigenverbrauch an, der Verkauf lohnt sich kaum.« Lichtenthäler arbeitet seit vielen Jahren im Jemen und wirbt für nachhaltige und wassersparende Methoden in der Landwirtschaft. Dabei ist er realistisch geworden: Auf dem Markt sei Kat einfach die »Anbausorte mit dem höchsten Gewinn«. Ein Beutel, in etwa eine Tagesration, kostet 1000 Rial, das sind umgerechnet rund acht Euro. Mit der Droge machen viele ein gutes Geschäft: die Bauern, die Pflücker, die Transporteure, die Händler, die Beamten, die zwischendurch die Hand aufhalten. Am Ende kauen auch alle selbst. Ohne diesen Kreislauf würden viele ihre Arbeit und ihr Einkommen verlieren.

Walid, der Kat-Bauer, verdient an den euphorisierenden Blättern und am Wasser zugleich. Auf seiner Plantage hat er einen Brunnen, das ist im Jemen eine sprudelnde Quelle des Reichtums. An der Straße steht eine Art Tankstelle, an der im Halbstundentakt Tanklastwagen vorfahren. Ein zehnjähriger Junge springt auf den Stahltank des Lkw, öffnet die Klappe, zieht einen Schlauch heran. In einem dicken Strahl fließt das Wasser aus dem Brunnen in den Tank hinein. Das Wasser, das nicht für den Kat-Anbau gebraucht wird, verkauft Walid weiter. Der Lastwagenfahrer bringt es in die Stadt und beliefert private Haushalte – für das Vierfache des Preises auf dem Land. Etwa 13.000 solcher Brunnen gibt es rund um Sanaa.

Kat-Plantagen sind eine schwindelerregende Erfolgsstory der jemenitischen Wirtschaft. Doch je mehr die Anbauflächen wachsen, desto näher rückt der Moment des Zusammenbruchs. Denn die Ressource Wasser ist endlich. Allein in einem Beutel Kat stecken rund 500 Liter davon. Der Grundwasserspiegel in der Hochebene von Sanaa sinkt um vier bis sechs Meter im Jahr, warnt Gerhard Lichtenthäler von der GIZ. Früher habe man Zisternen gebaut und den Regen gesammelt, der im Jemen zu den kurzen Regenzeiten reichlich fällt. Mit der Moderne kamen Wasserleitungen und Dieselpumpen – die Zisternen verfielen. Die Folge: Wo man früher nur wenige Meter tief graben musste, um auf Wasser zu stoßen, da bohren heute Maschinen auf dem Land schon 400 Meter tief. »Neubohrungen in der Stadt gehen teilweise bis zu 1000 Meter in die Erde«, sagt Lichtenthäler. »Da braucht man schon Bohrer wie in der Ölproduktion.« Und die können sich nur die Reichen leisten.