Man stelle sich vor: ein dunkler Brunnen, darin tief versunken die Geheimnisse einer Familie aus dem Westerwald; Geheimnisse, die sich – Verzeihung, dass wir gleich mit der Tür ins Haus fallen – um nichts Geringeres als Inzest ranken. Inzest in allen Variationen: Halbbruder mit Halbschwester, Cousin mit Cousine, Vater mit Tochter – wen wundert’s, dass bei der schönen Prinzessin die rechte Hand fehlt, von Geburt an. Im Brunnen sollen die Geheimnisse ruhen, solange die böse Prinzessinnenmutter das Sagen hat. Und wehe, es kommt ein Prinz des Wegs, um das Verborgene aus dem Brunnen zu ziehen! Der schönen Prinzessin ist er sofort erlegen, kühn arrangiert er sich mit ihrer fehlenden Hand. Das Geheimnis lüftet er dann auch ganz flott, zumindest glaubt er es zu lüften. Doch ist er kein Prinz, sondern bloß ein schnöder Germanist. Und die Prinzessin ist keine Märchenfigur, sondern die Tochter eines bekannten Schriftstellers, in dessen Nachlass der ungebeten herangeflatterte Doktorand Material für seine Arbeit sucht.

Schlechte Gesellschaft nennt Katharina Born, auch sie Tochter eines Schriftstellers, ihr Romandebüt im Hanser Verlag, Untertitel: Eine Familiengeschichte. Das weckt Neugier. Denn die Autorin ist keine Unbekannte mehr, seit sie als mustergültige, persönliche Anmerkungen nicht scheuende Herausgeberin der gesammelten Briefe und Gedichte ihres Vaters Nicolas Born (1937 bis 1979) hervorgetreten ist. Die im Wallstein Verlag erschienenen Bände haben dem viel zu jung gestorbenen Dichter vor einigen Jahren eine erfreuliche kleine Renaissance beschert. Im Nachwort zu den Gedichten (2004) schreibt Katharina Born: »Noch immer fällt es uns allen schwer, die vielen auch handschriftlichen Manuskripte, die Briefe und die kleinen Zettel mit unseren Kinderzeichnungen auf der Rückseite jemand anderem zu überlassen. Für uns sind die bald 25 vergangenen Jahre seit seinem Tod noch immer eine kurze Zeit.« In diesen wenigen Zeilen vernimmt man eine Stimme, keine literarische zwar, aber doch eine menschliche, sympathische Stimme.

Und nun legt die 1973 in Berlin geborene, im Wendland aufgewachsene Autorin einen Roman vor, in dessen Zentrum eine Schriftstellertochter mit einem undurchsichtigen Germanisten aus Duisburg – Borns Geburtsort – anbandelt, gegen den Willen ihrer Mutter, der »schwierigen Witwe«, auf dem Dachboden ebensolche Zettel mit Kinderzeichnungen auf der Rückseite sichtet, mit dem Forscher zwischen herzhaften Küssen auf die gesuchten Briefe stößt und schließlich ein unbekanntes Manuskriptfragment des berühmten Schriftstellervaters findet, sein Name sei Peter Vahlen, über dessen Verwendung – publizieren oder nicht? – ein unlösbarer Streit entbrennt. So weit, so reizvoll.

Doch ist das Ganze umhüllt von der dräuenden Wolke des Inzestverdachts, vom Trash einer Fernsehserie namens Villa Westerwald, verfilmt nach einem Roman jenes Peter Vahlen, und damit nicht genug: Die Familiengeschichte muss, zusätzlich zu den ohnehin schon angehäuften erzählerischen Herausforderungen, noch als schwer belastetes deutsches Geschichtspanorama herhalten. Von der Kaiserzeit und den Schlachtfeldern des Ersten Weltkriegs über das Nazigift, das natürlich auch in diese Familie einsickert, bis zum 68er-Rebellionshedonismus der Elterngeneration mit seinen zahllosen Kopulationsriten – das alles wird dieser Schlechten Gesellschaft aufgebürdet.

Und das ist offenkundig zu viel des Guten, zumal ja bereits die autobiografische Folie der Autorin einiges an poetischer Verfremdung abverlangt. Um es milde zu sagen, sie hat sich überhoben. Weniges greift, vieles verläppert sich. Das gilt selbst für die zentrale Figur der Judith, der Tochter von Peter Vahlen mit der fehlenden Hand, die gegenüber Andreas Wieland, dem Doktoranden aus Duisburg, beteuert, sie habe ihren Vater »sehr gemocht«. Ferner erfahren wir, dass sie mit ihrer Mutter nie über ihre Missbildung gesprochen habe; dass sie ihrerseits eine Tochter hat, die sich, das liest man so nebenbei, mit dem Taschenmesser am Arm herumritzt, während wiederum im absichtlich Unklaren bleibt, wer ihr Vater ist – Gellmann etwa, über den Wieland seine Doktorarbeit schreibt, weshalb er dessen Briefe an Vahlen so dringend benötigt? Rätselhaft auch, warum Judith sich mit diesem Herrn Wieland so schnell im Bett tummelt. So schnell wie hinein springt sie allerdings auch wieder heraus aus dieser »Affäre«; nämlich in dem Moment, als Wieland sie konfrontiert mit seiner vermeintlichen Erkenntnis, Judith sei die Frucht einer Blutschande.

Dank der auktorialen Erzählinstanz wissen wir es besser. Und trotzdem verliert man gelegentlich den Überblick, wer wen zeugt und mit wem, wer von wem vergewaltigt wird in welchem Krieg und was daraus folgt, wer sich an wem rächt und warum, welche der Witwen wen liebt und wen nicht in dieser Dorffamilie namens Vahlen. Viel zu viel Personal bevölkert diesen Roman, kaum ein Charakter prägt sich ein, mit zwei Ausnahmen: den Großeltern Judiths, den einzigen Figuren, die einander wirklich lieben.

Das eigentliche Desaster dieses Romans ist jedoch seine Sprache, also das, worauf es ankommt. Schon das Inhaltsverzeichnis mit den die Handlung penetrant anzeigenden Jahreszahlen liest sich wie ein Stützkorsett, als habe die Autorin kein Vertrauen in die Eigendynamik des Erzählten. Und tatsächlich: Die Dialoge atmen die Sterilität von Amtsstuben. In reinstem Beamtendeutsch tritt die Wissenschaft auf: »Hans Ulrich Kittel«, das ist Wielands Doktorvater, »war kein namhafter Germanist. Er hatte in Frankfurt studiert, nach einer wenig beachteten Monografie einige Aufsätze zur klassischen Dramentheorie veröffentlicht und sich seit der Übernahme des Postens in Duisburg ausschließlich um seine Vorlesungen gekümmert.« Als gewissenloser Stimmungsmacher darf sich dann Gellmann aufspielen, der Dramatiker und Exfreund von Vahlen, der Wieland anstiftet, die im Nachlass gefundenen Manuskripte skrupellos zu ergänzen: »Junge, hier geht es um moderne Literatur und nicht um antike Alexandriner. Das musst du nicht so ernst nehmen. Da kannst du Punkt und Komma setzen, wie du lustig bist. Mit einem Fragment ist den Vahlen-Frauen nicht geholfen. Was die brauchen, ist ein weiteres Drehbuch. Bei der Serie klingelt, soweit ich gehört habe, doch ordentlich die Kasse.« Damit haben wir auch gleich Einblick gewonnen in das hier waltende Niveau poetischer und ökonomischer Reflexion. Über das Adoptivkind der Vahlens heißt es (Chicago, Mai 1945) aus der Sicht einer gewissen Amy: »Dass er Jude war, schien ihr unzweifelhaft bei seiner langen Nase und den dunklen Augen.«