Alzheimer Material Vater

Der Schriftsteller Arno Geiger schreibt einen Bestseller über den demenzkranken August Geiger, dessen Sohn er ist.

Grün sei die Farbe der Hoffnung. Der Umschlag des neuen Buches von Arno Geiger schwelgt in Grün, zeigt ein Gewimmel von Blättern und sich verzweigenden Ästen, darin steht unten klein ein Mann. Das muss Der alte König in seinem Exil sein, wenn wir den pathetischen Titel beim Wort nehmen: August Geiger, Vater des Autors, jenseits der achtzig, schlohweißes, gelichtetes Haar, grobkariertes Hemd unter Hosenträgern. Ein einfacher Mann, der viel gearbeitet hat in seinem Leben, nun erscheint er gebeugt, dabei durchaus heiter, in einer Art Wald.

Aber das Bild ist eine Montage. Man hat den Vater ins Grüne versetzt, um die Anmutung zu verbessern. Wer ein Buch über Alzheimer verkaufen will, muss es lecker gestalten. Pflegeheimfotos lösen keinen Kaufimpuls aus. Und die Sache läuft: Schon stürmt das Werk die Bestsellerliste hinauf, interessanterweise unter Belletristik.

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Eine Gattungsbezeichnung fehlt. Sollten wir es einsortieren, wäre es ein Sachbuch, denn es erzählt von den Vorzeichen, dem Ausbruch und dem Verlauf einer Demenz am Fall eines konkret existierenden, noch lebenden Menschen, von dem wir sehr viel erfahren, Name, Wohnort, Ehegeschichten und Peinlichkeiten, die er, wäre er noch bei Verstand, wohl lieber für sich behielte.

Warum also Belletristik? Weil hier ein Schriftsteller schreibt? Wo geschieht die Dichtung? Im Grünen? In der Verheißung, Alzheimer sei gar nicht so schlimm?

Der Österreicher Arno Geiger, Jahrgang 1968, hat in den vergangenen Jahren mit seinen unterhaltsam geschriebenen Gesellschaftsromanen etliche Preise eingeheimst und im deutschsprachigen Raum ein wachsendes Publikum gefunden. Parallel zu seinem Aufstieg ging es mit dem Vater daheim im ländlichen Wolfurt bergab. Geiger junior erinnert sich an einen Tag im Herbst 1997, an dem ihn, den jungen Autor, ein Redakteur des Schweizer Radios im Elternhaus besuchte:

»Ich sollte ein Kapitel des Buches auf Band lesen und bat den Vater, am Nachmittag keinen Lärm zu machen. Kaum hatte die Aufnahme begonnen, setzte in der Werkstatt ein beständiges Hämmern ein, das andauerte, solange das Mikrophon des Redakteurs offen war. Noch während ich las, empfand ich einen tiefen Zorn auf den Vater, ja geradezu Hass wegen seiner Rücksichtslosigkeit. In den Tagen darauf ging ich ihm aus dem Weg, ich redete tagelang kein Wort mit ihm. Die Parole lautete: Sabotage. «

Das Verhältnis zwischen Vater und Sohn war schon seit Jahren von einer gewissen Entfremdung gezeichnet gewesen, sollte es sich nun, da die Karriere endlich Fahrt aufnahm, noch verschlechtern?

Leser-Kommentare
  1. habe das buch zugegeben sehr gerne gelesen. über die literarische qualität, von der ich überzeugt bin, ließe sich diskutieren. auch ließe sich diskutieren über die frage der prinzipiellen problematik einer ausbeutung des eigenen vaters. dieser artikel stellt eine solche frage allerdings erst gar nicht seriös, sondern reiht tendentiös unterstellungen und verurteilungen aneinander, um sein fehlurteil im titel "material vater" zu untermauern. man darf fragen welches persönliche problem des journalisten dahintersteckt, ich nehme an es handelt sich nicht primär um einen artikel über arno geigers buch, sondern implizit um eine reaktion auf die dem autor allzupositive rezeption seitens seiner meisten kollegen und des lesepublikums. dieses buch ist überaus respektvoll geschrieben, darin besteht sein höchster wert. was man von dieser respektlos richtenden journalitischen pseudoanalyse leider nicht behaupten kann.

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    Da schreibt ein absolut ehrenwerter und seriöser Journalist einen Text über ein Buch, dessen Meinung sich nicht mit der anderer Rezensenten deckt - und schon werden ihm Motive unterstellt, die außerhalb des Literarischen liegen. Die Süddeutsche Zeitung hat das Buch mit ähnlichen Argumenten, aberweit heftiger verrissen. Also, lieber Herr Taminski, wäre es nicht etwa möglich, dass das Buch nicht gut ist, obwohl es IHNEN gut gefällt? Oder wäre es nicht zumindest möglich, dass es eine begründeten Einwand gegen das Buch gibt, auch wenn Sie selbst ihn nicht haben?

    Da schreibt ein absolut ehrenwerter und seriöser Journalist einen Text über ein Buch, dessen Meinung sich nicht mit der anderer Rezensenten deckt - und schon werden ihm Motive unterstellt, die außerhalb des Literarischen liegen. Die Süddeutsche Zeitung hat das Buch mit ähnlichen Argumenten, aberweit heftiger verrissen. Also, lieber Herr Taminski, wäre es nicht etwa möglich, dass das Buch nicht gut ist, obwohl es IHNEN gut gefällt? Oder wäre es nicht zumindest möglich, dass es eine begründeten Einwand gegen das Buch gibt, auch wenn Sie selbst ihn nicht haben?

  2. Da schreibt ein absolut ehrenwerter und seriöser Journalist einen Text über ein Buch, dessen Meinung sich nicht mit der anderer Rezensenten deckt - und schon werden ihm Motive unterstellt, die außerhalb des Literarischen liegen. Die Süddeutsche Zeitung hat das Buch mit ähnlichen Argumenten, aberweit heftiger verrissen. Also, lieber Herr Taminski, wäre es nicht etwa möglich, dass das Buch nicht gut ist, obwohl es IHNEN gut gefällt? Oder wäre es nicht zumindest möglich, dass es eine begründeten Einwand gegen das Buch gibt, auch wenn Sie selbst ihn nicht haben?

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    lieber suedhesse: ob das buch mir gefällt oder nicht ist unwesentlich, die literarische qualität sei dahingestellt - das hatte ich geschrieben. arno geigers buch jedenfalls ist respektvoll geschrieben, mit dem ausbeutungszusammenhang wird sehr sensibel und dennoch direkt und persönlich umgegegangen. der artikel darüber ist bloß ein seichter, sehr tendentiöser und hinargumentierter verriss, wie man ihn von manchen zu kurz gekommenen des täglichen bewertungsgeschäftes kennt ("ehrenwert und seriös?"). meines erachtens eines renommierten feuilletons nicht besonders würdig.

    lieber suedhesse: ob das buch mir gefällt oder nicht ist unwesentlich, die literarische qualität sei dahingestellt - das hatte ich geschrieben. arno geigers buch jedenfalls ist respektvoll geschrieben, mit dem ausbeutungszusammenhang wird sehr sensibel und dennoch direkt und persönlich umgegegangen. der artikel darüber ist bloß ein seichter, sehr tendentiöser und hinargumentierter verriss, wie man ihn von manchen zu kurz gekommenen des täglichen bewertungsgeschäftes kennt ("ehrenwert und seriös?"). meines erachtens eines renommierten feuilletons nicht besonders würdig.

  3. lieber suedhesse: ob das buch mir gefällt oder nicht ist unwesentlich, die literarische qualität sei dahingestellt - das hatte ich geschrieben. arno geigers buch jedenfalls ist respektvoll geschrieben, mit dem ausbeutungszusammenhang wird sehr sensibel und dennoch direkt und persönlich umgegegangen. der artikel darüber ist bloß ein seichter, sehr tendentiöser und hinargumentierter verriss, wie man ihn von manchen zu kurz gekommenen des täglichen bewertungsgeschäftes kennt ("ehrenwert und seriös?"). meines erachtens eines renommierten feuilletons nicht besonders würdig.

    Eine Leser-Empfehlung
  4. ich war ehrlich gesagt sehr überrascht über den artikel und das sehr harte urteil. mein vater ist auch an demenz erkrankt und dieses buch berührt mich sehr tief und eröffnet mir neue wege im umgang mit meinem vater, dafür bin ich arno geiger sehr dankbar. über den literarischen stil oder die qualität lässt sich immer streiten, aber die überkritische beurteilung kann ich einfach nicht nachvollziehen. ich kann das buch nur allen empfehlen, die mit dieser krankheit konfrontiert sind.

  5. In der Tat überrascht die harsche, teils bewußt polemische Kritik dieser Rezension. (Viktor Taminski ist hier nur wenig hinzuzufügen.)
    Sollte der Anspruch des Artikels gewesen sein, sich dem Buch oder gar dem Thema auf andere Weise zu nähern als dies in den bisher erschienenen Rezensionen geschehen ist,
    so bleibt dieser Versuch unbefriedigend.
    Es wird nichts hinterfragt, beleuchtet oder analysiert.
    Wo dies in Ansätzen geschieht(bei der Beschreibung des sehr treffend gewählten Covers etwa),ist das Ergebnis zumeist eher zweifelhaft schieflagig.
    Schon im Tonfall des Autoren schwingt ein Missmut mit, der sich bei unbefangener Lektüre (die meinige ist einige Wochen her) bei mir nicht im Entferntesten einstellte.
    Hier scheint die Lektüre schon mit Vorsatz auf ein bestimmtes Ergebnis hin begonnen worden zu sein.
    Es drängt sich der Eindruck auf, dass nun, da das Buch tatsächlich erfolgreich ist und positive Reaktionen erfährt,man mit der Kritik bei der ZEIT aber leider etwas hinterherhinkt, das Buch gar nicht mehr gut gefunden werden darf.
    Man darf nur hoffen, dass sich kein interessierter Leser von dieser Kritik abhalten lässt, dieses lakonische, nie voyeuristische, sondern spürbar aus einem Bedürfnis, dem Vater gerecht zu werden heraus erzählte Buch zu lesen.

    Ob dies Literatur ist oder "Erfahrungsbericht" wäre zu diskutieren.Auch mich verwunderte, dass der Titel unter Belletristik gelistet wurde.
    Ein kritischer Beitrag zu diesem führbaren Diskurs ist der Artikel leider nicht.

  6. Mir hat das Buch auch ausgesprochen gut gefallen und ich fand, aus Herrn Geigers Art, über seinen Vater zu schreiben, sprach keineswegs Respektlosigkeit, sondern ganz im Gegenteil ehrliche Zuneigung und ein Bemühen, die Würde dieses Menschen zu wahren.
    Die Bezeichnung des Buches als Pamphlet finde sehr unpassend, in nichts ähnelt es einer Streitschrift - Es schafft im Gegenteil Raum für ein offenes und herzliches Herangehen an Menschen, die an der Alzheimer-Erkrankung leiden und an die gesamte Problematik an sich.
    Gerade dass der Text nicht exakt als Roman, Sachbuch, Ratgeber oder Sonstiges einzustufen ist, finde ich nicht nur als Leser reizvoll, sondern auch für den eben genannten Zweck vorteilhaft.

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