Mode und Gender : Geschlechtergrenzen überwinden

Wann ist ein Mann ein Mann? Die Mode verteilt die Rollen neu
Samtiges Blau: Kleid mit Gürtel von Miu Miu © Jürgen Teller

Als zum großen Finale von Jean Paul Gaultiers Schau im Januar in Paris das Brautkleid auf dem Laufsteg erschien, war das mehr als der übliche Abschluss einer Haute-Couture-Show – es war eine Sensation. Denn erstmals steckte in einem solchen Brautkleid ein Mann: das Model Andrej Pejic.

Spätestens seit diesem spektakulären Auftritt ist Pejic, ein in Bosnien geborener Australier, das model of the moment. Mehr als jeder oder jede andere vor ihm verkörpert er einen Trend, der über den Wechsel von Farben, Stoffen und Silhouetten hinausgeht: die Auflösung der Grenze zwischen den Geschlechtern. Frauen schlüpfen in die Rollen von Männern, Männer werden zu Frauen. Mitunter ist nicht einmal mehr auszumachen, wer Frau ist und wer Mann. Und es interessiert auch nicht. Die Mode steht vor der nächsten sexuellen Revolution: Nach den androgynen Looks der neunziger Jahre wird sie jetzt vollends geschlechtslos.

Juergen Teller wählte Andrej Pejic als Model, um für das ZEITmagazin die Looks des Frühjahrs zu inszenieren. Bei dem Fotoshooting in einem kleinen thailändischen Massagesalon im Londoner Stadtteil Notting Hill war schnell zu erkennen, was Pejic als Model außergewöhnlich macht: Er verstellt sich nicht. Er imitiert nicht, wie Dragqueens, die männliche Vorstellung vom weiblichen Körper – er trägt Herren- und Damenmode auf die gleiche Art. In der Kartei seiner Agentur wird er als Männermodel geführt und konkurriert gleichzeitig mit den schönsten Frauen.

Menschen, die sich zwischen den Geschlechtern bewegen, sind die neuen Stars der Mode. Zurzeit ist Andrej Pejic zusammen mit Karolina Kurkova (die für uns in dieser Ausgabe träumt) küssend in der neuen Anzeigenkampagne von Gaultier zu sehen. Auch Givenchy spielt mit den Geschlechterollen: In der aktuellen Kampagne rekelt sich das Trans-Gender-Model Lea T. zwischen Männern. Lea hieß einmal Leo und war Assistent von Givenchy-Designer Riccardo Tisci, bevor er sich entschloss, zur Frau zu werden. Die aktuelle Ausgabe des Modemagazins Love zeigt auf dem Titel Lea T. und Kate Moss, ebenfalls küssend vereint.

Schon länger bewegt dieses Spiel mit Frauen- und Männerbildern die Mode, doch bisher waren es eher die Frauen, die sich männliche Attribute zulegten: Designer haben sich in burschikose Figuren wie die Britinnen Stella Tennant und Agyness Deyn verliebt. Und Tilda Swinton zählt zu den viel beachteten Schauspielerinnen unserer Zeit. Auch Männer verehren sie, obgleich sie nicht im klassischen Sinne weiblich ist. Ihre Haare trägt Swinton kurz, gerne tritt sie im Anzug auf. Jetzt ziehen die Männer nach.

Andrej Pejic ist eine Ikone, wie Twiggy und Uschi Obermaier Ikonen waren. Alle drei stehen für Strömungen ihrer Zeit – denn Mode schafft nichts aus sich selbst heraus, sondern spiegelt die Gesellschaft wider. Wenn Rollen sich verändern, wenn über die Gleichstellung von Mann und Frau, über Quoten und Väter in Elternzeit diskutiert wird, wenn Elton John und sein Lebensgefährte mithilfe einer Leihmutter ein Kind bekommen – dann entstehen neue Vorbilder.

Auf unseren Fotos trägt Andrej Pejic Kleidung, die weiblich wirkt. Doch schon seit einiger Zeit deutet sich die Aufhebung der Geschlechtergrenzen in der Designermode an. Kastige Military-Jacken und Oberteile mit betont breiten Schultern weisen auf das Maskuline in der Frauenmode hin. Und auch die Herrenmode wird ein wenig weiblicher. Auf den Schauen in Mailand Ende Januar führten die Männer auf dem Laufsteg mit Gürteln taillierte Mäntel vor. Miuccia Prada steckte sie in kurze Hosen, deren Beine so weit waren, dass sie wie Röcke aussahen. Raf Simons zog seinen Models in Paris kleiderlange Pullis in Fuchsia an. Bei vielen Stücken kann man nicht mehr zwischen Männer- oder Frauenmode unterscheiden. Sie sind Unisex.

Kommentare

18 Kommentare Seite 1 von 4 Kommentieren

Manche der schönsten Frauen sind eben Männer.

"Manche der schönsten Frauen sind eben Männer." Das denken die Täter von Hassverbrechen, die transsexuelle Frauen weltweit alle 3 Tage um die Ecke bringen auch. "Ihh ein Penis, das ist ja ein Mann... ich bin doch nicht schwul... der hat mich betrogen...". Über 130 Mordopfer transphober und homophober Gewaltverbrechen jedes Jahr bedanken sich dafür. Merkt der Autor dieses Artikels eigentlich welche Geschlechtersterotype er im Kopf hat?

Lea T

Zitat aus dem Artikel

"In der aktuellen Kampagne rekelt sich das Trans-Gender-Model Lea T. zwischen Männern. Lea hieß einmal Leo und war Assistent von Givenchy-Designer Riccardo Tisci, bevor er sich entschloss, zur Frau zu werden."

Warum muß man so aufreißerisch schreiben?

Erstens mal ist es nicht besonders, dass eine Frau sich zwischen Männern befindet. "Rekelt" sie sich auf unbewegten Bildern? Rekeln ist lt. Duden "ungezwungen, mit Behagen seinen Körper recken und dehnen" - Sie ist halt, wie tausend andere weiblcihe Models auch abgebildet.

Zweitens ist sie kein Trans-Gender-Model (Transgender wird außerdem zusammen geschrieben), sondern eine transsexuelle Frau. Als solche war hatte sie immer eine weiblcihe Geschlechtsidentität, und demnach hat sie sich nicht entschließen müssen, zur Frau zu "werden", sondern (endlich, als der innere Druck zu groß wurde) als solche zu leben.

Kann der Verfasser sich nicht bemühen, dem aktuellem Wissensstand entsprechend zu referieren, die richtigen Begriffe zu verwenden, und ohne die sensationsheischenden Versatzstücke?

Trans-Gender-Model

Hier handelt es sich um einen Neologismus, das ist kein Tippfehler. Geht doch klar aus dem Kontext hervor:
trans = gegen
Gender = Geschlechtsrollen
Es handelt sich um ein Model, das gegen die althergebrachten Rollen der (bisher) zwei Geschlechter ankämpft.
Das hat Herr Erk gut ausgedrückt, finde ich.

Hut ab übrigens für den Leo, der für seine Karriere dazu entschlossen hat, zur Frau zu werden und jetzt als "Lea" modelt.

"Manche der schönsten Frauen sind eben Männer."

Kim_S,

Sie schreiben "Das denken die Täter von Hassverbrechen, die transsexuelle Frauen weltweit alle 3 Tage um die Ecke bringen auch." Können Sie das in irgendeiner Weise belegen? Erscheint Ihnen das tatsächlich einleuchtend? Oder ist es nicht eher so, dass diese Mörder in althergebrachten Mustern von Männern und Frauen denken?

Viele Grüße!
Daniel Erk