Anna dello Russo Die Sammlerin
Für die Stilikone Anna dello Russo sind Kleider Kunst.

Anna Dello Russo trägt Rock mit weoßem Top von Jil Sander, Kopfschmuck Alan Journo, Kette von Carlo Zini
Bari, ein Hochsommer irgendwann in den siebziger Jahren, geregnet hat es schon monatelang nicht mehr. Ein kleines, dünnes Mädchen schlendert die Strandpromenade entlang. Die Leute schauen sich nach ihm um. Stolz hält es einen Regenschirm von Fendi in der Hand, benutzt ihn als Spazierstock. Es hat lange gedauert, den Vater vom Kauf des teuren, in Süditalien ziemlich nutzlosen Luxusschirmchens zu überzeugen, doch wenn es um Mode ging, legte Anna dello Russo schon damals einen gewissen Fanatismus an den Tag.
Vierzig Jahre später reißt sie in ihrem Mailänder Apartment eine Schublade nach der anderen auf. »Hier – Handtaschen, Gürtel, Strumpfhosen, Schals und Badeanzüge!«, ruft sie, eine schmale Frau mit leuchtend grünen Augen, blassen Lippen und Fältchen im Gesicht. Dann schiebt Anna dello Russo eine deckenhohe Schranktür zur Seite und streichelt zärtlich über Abendroben. »Hier schwarze lange Kleider und hier...«, die nächste Schranktür gleitet zur Seite, »...meine Anzüge«. Doch die Schränke ihres im Leopardenlook gehaltenen Schlafzimmers reichen schon lange nicht mehr aus, um all ihre Trophäen zu fassen. Das Nachbarapartment musste dazugemietet werden. Eine Stahlplatte sichert die Eingangstür gegen Einbruch, denn die Stücke sind viele Hunderttausend Euro wert.
»Mein Spielzimmer« nennt dello Russo diese Extrawohnung, in der sie über 800 Paar Schuhe, jede Menge Designerkleidung und Vitrinen voller Modeschmuck aufbewahrt, die sie über viele Jahre hinweg zusammengekauft hat. Zurzeit nutzt sie das alles noch für ihre Arbeit als Stylistin, doch irgendwann will sie eine Stiftung gründen, um die Stücke öffentlich zugänglich zu machen. Dello Russo sammelt Designerkleidung mit Leidenschaft, Sachverstand und Akribie wie andere Menschen Kunst. Über die Fülle ihrer Sammlung kann sie so begeistert staunen, als sähe sie das alles zum ersten Mal.
Sie steht in einem Raum, der mit einem vergrößerten Standbild aus Viscontis Film Der Leopard tapeziert ist – es zeigt einen historischen Salon aus dem sizilianischen Palazzo Gangi. Davor stehen Barockstühle, antike Kerzenleuchter und Kommoden auf dunklem Parkettboden. Aus einer Bodenvase quillt eine Federboa. Vorsichtig rückt dello Russo eine Lieblingsbrosche in der Glasvitrine zurecht und freut sich über eine Filzhandtasche in Form eines Lebkuchenhauses, die sie in Peru gekauft hat. Dann bleibt sie vor einem Bücherregal stehen, in dem Bildbände, Modefotos, Madonnenfiguren, Barbiepuppenzubehör und alle möglichen Miniaturen ausgestellt sind, und greift nach einem goldenen Parfumflakon, der die Form eines altmodischen Schuhs hat. Das Parfum hat dello Russo kürzlich auf den Markt gebracht, den Flakon hat sie – in Anspielung auf das Märchen vom Aschenputtel – selbst gestaltet. Sie sagt: »Wie bei Aschenputtel hat es auch bei mir lange gedauert, bis ich endlich meinen großen Auftritt hatte.«
Anna dello Russo ist 48 Jahre alt und hat lange Zeit als Vogue- Redakteurin gearbeitet, ohne dass ein größeres Publikum auf sie aufmerksam geworden wäre. Doch seit Mode-Blogger in aller Welt sich für die individuellen Outfits von Stylisten interessieren und diese in Schnappschüssen auf ihren Seiten dokumentieren, seit namentlich Über-Blogger Scott Schuman für seine Website The Sartorialist Modeleute auf der Straße ablichtet, ist dello Russo eine globale Stil-Ikone geworden.
Auf den Modenschauen in Paris oder Mailand drängeln sich Blogger vor den Eingangstüren, um mit Handy oder Digitalkamera ein Bild der Italienerin zu ergattern, die bekannt dafür ist, bereits am Vormittag prächtige Abendroben zu tragen und durch kühne Accessoires, kräftige Farben und spektakuläre Formen auf sich aufmerksam zu machen.
Dello Russo ist eine der letzten großen Exzentrikerinnen der Modebranche. Dabei präsentiert sie auch das schrillste Outfit so selbstbewusst und nonchalant, als sei es völlig alltäglich. Sie produziert sich nicht als geltungssüchtiges Ego, sondern präsentiert die Kleidung mit dem Eifer der Sammlerin. Zudem verwendet sie kaum Make-up und widmet ihren Haaren wenig Aufmerksamkeit. »Mein Gesicht ist nicht besonders sehenswert«, sagt sie. »Die Leute sollen lieber auf meine Kleider achten.«
So viel ungeschminkte Ehrlichkeit ist selten in der Modebranche und verstärkt dello Russos Popularität im Netz. Mode-Blogs sind als Gegenreaktion auf Hochglanzmagazine entstanden und zeugen vom Überdruss an einer extrem künstlichen Welt, die durch Retusche und Bildbearbeitung immer unnahbarer geworden ist. In all ihrer Exzentrik täuscht dello Russo nichts vor – sie macht vielmehr die Künstlichkeit ihrer ständigen Verwandlungen nachvollziehbar und bleibt als Persönlichkeit erkennbar. »Ich verstelle mich beim Bloggen nicht und nehme mich selbst nicht so ernst, vielleicht habe ich deshalb Erfolg«, sagt sie.
Als im Netz immer mehr Bilder von ihr in Umlauf kamen, begann dello Russo aus ihrer Popularität Kapital zu schlagen und ihren Namen zur Marke auszubauen. Erst gründete sie eine Website, später lancierte sie eine T-Shirt-Serie und ihr Parfum. Auf ihrer Seite meldet sie sich seit fast einem Jahr vier- bis fünfmal pro Woche zu Wort. Sie zeigt Fotos von aktuellen Modenschauen oder von Gegenständen aus ihrer Privatsammlung, und sie verfasst Listen, auf denen sie nicht immer ernst gemeinte Tipps gibt, etwa für Modenschauen (»Zieh ein Outfit nur ein einziges Mal an!«) oder für Empfänge (»Trink oder iss nichts, das sieht unvorteilhaft aus!«). Gelegentlich tauscht sie die Gesichter auf Laufstegfotos auch gegen ihr eigenes aus, was ihr den Anschein einer Anziehpuppe verleiht. Ein bisschen wirkt dello Russo auf ihrer Website wie ein großes Kind, das Verkleiden spielt, und zugleich so nah und zugänglich wie eine gute Freundin, mit der man herumalbern und sich über einen besonders schönen Fund freuen kann. Jedem ihrer Einträge merkt man an, dass sie selbst den größten Spaß an der Sache hat.
- Datum 17.02.2011 - 16:30 Uhr
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- Quelle ZEITmagazin, 17.2.2011 Nr. 08
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