Eine Mutter arbeitet in einem Eltern-Kind-Arbeitszimmer beim Energieversorger MVV in Mannheim© picture alliance / dpa

In der Bundesrepublik Deutschland gab es in der Gründerzeit einen breiten familienpolitischen Konsens. Von 1945 an, nach dem Fall der nationalsozialistischen Diktatur, war sich die riesige Mehrheit einig: Die Familie und sonst keine soziale Institution ist die Keimzelle der Gesellschaft, und sie verdient den absoluten Schutz vor Eingriffen von außen. Die ideale Familie, auch das war unstrittig, besteht aus einem verheirateten Paar mit ein oder zwei, maximal auch drei Kindern.

Um die Autonomie der Familie zu sichern, wurde eine klare Arbeitsteilung zwischen den Ehepartnern angestrebt. Der Ehemann und Vater ist der erwerbstätige Geldverdiener, in der Regel außer Haus, die Ehefrau und Mutter ist die Haushälterin und Kindererzieherin, natürlich im Haus. Eine klassische Rollenzuweisung, die den meisten Westdeutschen als geradezu naturgegeben erschien.

Die Sicherung der Autonomie der Familie, und zwar des Ideals von Familie, war im Westen Deutschlands oberste Priorität. Diese historische Orientierung hat auch die Berufswelt beeinflusst. An den Arbeitsplätzen wurden alle Weichen gestellt, um eine volle Berufstätigkeit von Männern zu ermöglichen. Ihnen wurden alle Chancen eingeräumt, um sich beruflich zu entfalten und zugleich familiär, inklusive Haushalt und Kindererziehung, total zu entlasten. Das galt in den Betrieben wie in der Politik als Selbstverständlichkeit. Die Berufstätigkeit von Frauen war die absolute Ausnahme.

Bedenkt man diese historische Ausgangssituation, dann lässt ein Ergebnis der im vergangenen Jahr vorgelegten Kinderstudie 2010 aufhorchen. Sie wurde nach dem Vorbild der Shell Jugendstudien vom Kinderhilfswerk World Vision Deutschland in Auftrag gegeben und baut auf einer genauen repräsentativen Befragung von 2500 sechs- bis elfjährigen Kindern und ihren Eltern auf. Die Studie zeigt: Immer mehr Eltern sind berufstätig, darunter immer mehr Mütter, unabhängig fast vom Alter ihrer Kinder. Zum ersten Mal in einer repräsentativen Untersuchung dokumentiert diese Studie, dass die alte traditionelle Familienwelt in Deutschland der Vergangenheit angehört. Zum ersten Mal nämlich stellt sich heraus: Seit 2010 lebt die Mehrheit der Kinder in Deutschland mit Müttern und Vätern oder auch nur einem Elternteil zusammen, die einer Berufstätigkeit nachgehen. Die als Familienideal geförderte Ehepaarfamilie, in der der Vater erwerbstätig ist, die Mutter aber nicht, ist zu einem Minderheitsmodell geworden.

Das ist eine veritable familienpolitische Sensation für die inzwischen vereinte Bundesrepublik Deutschland. Gewiss, die Familien im Osten haben kräftig zu dieser Wende beigetragen, aber ausschlaggebend sind die Veränderungen im scheinbar konservativen Westen. Noch vor wenigen Jahren wurden hier Frauen als »Rabenmütter« gebrandmarkt, die nicht komplett auf eine Erwerbstätigkeit verzichteten, solange ihre Kinder sich mittags nicht selbst das warme Essen auf den Tisch stellen konnten. Bei der Mehrzahl der Familienverbände und der Mehrzahl der Familienforscher männlichen und weiblichen Geschlechts galt die Berufstätigkeit der Mütter als ein ernst zu nehmender Risikofaktor für alle Formen von Entwicklungs- und Leistungsstörungen der Kinder.

Und nun das Ergebnis der Kinderstudie 2010. Heute arbeiten in 51 Prozent aller Haushalte mit 6- bis 11-jährigen Kindern entweder beide Eltern oder – falls es sich um Alleinerziehende handelt – der eine verantwortliche Elternteil. Und ganz offensichtlich sind alle Beteiligten damit zufrieden! Die Kinderstudie 2010 jedenfalls macht deutlich, die Kinder selbst finden es völlig in Ordnung, wenn Mutter und Vater arbeiten gehen. Sie sind mit der zeitlich eingeschränkten Zuwendung ihrer Eltern unter der Bedingung zufrieden, dass diese zuverlässig und sicher ist. Am wichtigsten ist ihnen, Eltern zu haben, die sich in ihrer Rolle wohl fühlen und die gleichzeitig auch außerhalb der Familie etwas zu sagen haben. Auch wissen die Kinder genau, wie wichtig die Berufstätigkeit für die finanzielle Lage des Haushaltes ist, und sie fürchten nichts mehr als Arbeitslosigkeit und damit verbundene Armut.

In den Augen der Kinder spiegeln sich damit die wichtigsten Motive, die wohl auch ihre Eltern antreiben, um das traditionelle deutsche Familienmuster des erwerbstätigen Vaters und der haushaltenden Mutter zu überwinden. Erstens das Motiv der gesellschaftlichen Teilhabe beider Eltern, verbunden mit einer Überwindung normierter Geschlechtsrollen, also »Emanzipation«. Zweitens die Stabilisierung der familiären Finanzen, also »ökonomische Sicherung«. Diese beiden Motive sind seit Jahrzehnten die beharrlichen Triebkräfte, die Deutschlands Familien in die Neuzeit schieben.