Wanderer im Bieszczady-Nationalpark © Albatros Outdoor

In Tomeks Hütte stehen noch ein paar leere Flaschen. Auf dem Ofen liegen halb verkohlte Scheite, so als habe jemand das Feuer nur kurz gelöscht. Und auch die schmuddelige Decke auf der Ofenbank sieht aus, als habe noch eben ein Körper darunter gelegen. Dabei hat man Tomek seit zwei Jahren nicht mehr gesehen. Die einen sagen, er sei nach Breslau zurückgegangen. Dort hätte er vor 30 Jahren einen Russen erschlagen und sei deshalb geflohen, aber nun sei ja alles verjährt. Die anderen sagen, oijoi, er sei zu schwarz vom Ruß des Ofens gewesen, habe doch nur selbst erlegtes Wildfleisch und Beeren gegessen. So einer könne nicht mehr unter Menschen leben. Nein, der Tomek sei noch tiefer in den Wald gegangen, dort, wo kein Wanderer hinkomme. Wenn sich einer verbergen wolle, sagen sie, dann finde man ihn nie. Nicht in dieser menschenleeren Gegend.

Um Tomeks Hütte sind in letzter Zeit Wölfe gestrichen. Einige der Abdrücke sind frisch, vielleicht vom Morgen. Der Wolf dazu ist über alle Berge, dieser Schuft. Dabei habe ich Närrin tatsächlich geglaubt, hier sage er mir Gute Nacht. Symbolisch gesehen. Für weit über 1000 Kilometer Anfahrt in den hintersten Winkel Polens kann man schließlich ein paar wilde Tiere erwarten. Wenigstens einen der geschätzten 100 Wölfe und 60 Braunbären zu Gesicht bekommen. Als Lohn fürs Geschleiche über Bundesstraßen und Gehoppel von Dorf zu Dorf, in denen keine Lichter in den Fenstern scheinen. Nur die Ortsschilder wechseln, und auch nach der siebenhundertachtundreißigsten Kurve kommt immer noch eine und noch eine. So endlos, man wähnt sich längst am Hindukusch, dabei sind es die Waldkarpaten, die unsichtbar und schweigend in der Dunkelheit liegen. Im nächtlichen Schneegeflocke sieht man endlich einen Fuchs durch den Scheinwerferkegel laufen, da ist man getröstet und übt die letzten Kilometer sich in Geduld und den zungenbrecherischen Klang dieser Gegend: Bieszczady.

Um es gleich vorwegzunehmen: Der Fuchs blieb das einzige ungezähmte Getier, dessen wir ansichtig wurden, sieht man von ein paar Wisenten ab, die in mindestens einem Kilometer Entfernung tatenlos herumstanden. Und ohnehin künstlich ausgewildert wurden. In diesem äußersten südöstlichen Teil Polens, dem man werbende Titel gibt wie: der letzte Urwald Europas oder die letzte Wildnis. In den sich weltenmüde Menschen zurückziehen, Schurken verstecken können oder man, wie wir, einfach Schneeschuhwandern geht: im Bieszczady-Nationalpark. Das ist anfangs anstrengend, aber bei dieser Witterung das beste Fortbewegungsmittel.

Man hätte fliegen können, dann wäre man bis Krakau gekommen oder bis Warschau und hätte nicht so recht weitergewusst. Man hätte den Nachtzug nehmen können und dann per Anhalter weiter bis nach Smolnik, Ziel und Ausgangsort für Schneeschuhtouren auf verschneiten Wegen und Höhen. In jedem Falle hätte man länger gebraucht als mit dem Flugzeug von München nach Maputo. Die Erwartung, mit dem Auto schneller zu sein, erwies sich ebenfalls als trügerisch. Dabei ist Bieszczady rein geografisch, gemeinsam mit der angrenzenden Slowakei, der letzte Vorposten der Europäischen Union. Einen ziemlich kräftigen Steinwurf entfernt beginnt die Ukraine.