Im Lübecker Flughafen sind die Ryanair-Flyer das bunteste Element. »Günstige Flüge ab Lübeck« bewirbt der Billigflieger seine Ziele Stockholm und London, natürlich im knalligen Gelb-Blau, den Unternehmensfarben. Ansonsten dominiert hier das Grau der Abfertigungshalle weite Teile des Check-in-Bereichs. Im fast menschenleeren Shoppingschlauch wird der Flug in die Metropolen Europas für nur 18,99 Euro inklusive Steuern und Gebühren angepriesen. Ab Lübeck in der Tat ein Schnäppchen und für Passagiere kaum teurer als das Taxi vom Flugplatz zum Holstentor.

Doch die Angebote haben ihren Preis. Während der irische Billigflieger im vergangenen Geschäftsjahr 300 Millionen Euro verdiente, wird zunehmend klar, wer den tatsächlich zahlt. Selbst wenn sie noch Kofferzuschläge oder Buchungsgebühren addieren, sind es nicht die Passagiere. Es sind Kommunen und Bundesländer, die am Ende mit Millionen dafür aufkommen, wenn regionale Flughäfen Verluste machen. Sie haben die irische Fluggesellschaft mit Ausbauinvestitionen und niedrigen Abfertigungsgebühren angelockt. So sollte auch der lokale Tourismus und die Wirtschaft vom Boom der Billigflieger profitieren. Nun aber zeigt sich, dass nur die wenigsten Konzepte auch eine Zukunft haben. Auch die Stadt Lübeck muss dies gerade erfahren, zumal sie auch noch Klagen von Ryanairs Konkurrent Air Berlin abwehren muss.

Erst vergangene Woche sorgte der Bundesgerichtshof dafür, dass ein Prozess der zweitgrößten deutschen Fluglinie gegen die Stadt Lübeck neu aufgerollt wird. Um Ryanair zu ködern, sei die Stadt dem Billigflieger mit unrechtmäßigen Rabatten entgegengekommen, so der Vorwurf von Air Berlin. Bekäme die deutsche Fluggesellschaft im neuen Anlauf Recht, würde der Rabatt als illegale Beihilfe eingestuft und Ryanair damit von der Brüsseler EU-Kommission bestraft. Seit Jahren sieht sich auch die Ryanair-Basis Frankfurt-Hahn mit ähnlichen Vorwürfen – in diesem Fall von der Lufthansa – konfrontiert. Ryanair bestreitet die Vorwürfe. Die Wettbewerbsbehörde in Brüssel zählt indes sechs Vorfälle, in denen Ryanair ein Beihilfeverfahren gegen Mitgliedsstaaten ausgelöst hat. Andernorts gewährte die Lokalpolitik enorme Anschubfinanzierungen, damit Fluggesellschaften überhaupt Starts und Landungen erwägen.

Alle glauben daran, dass ausgerechnet ihr Flughafen eine große Zukunft hat

In Erfurt handelte sich das Land wiederholt Rügen des Landesrechnungshofs ein, das Management hält unverdrossen am »Tor für Thüringen« fest. In Rostock-Laage sprach die CDU-Fraktion der Bürgerschaft bereits 2009 ganz offen von Subventionen in Höhe von 50 Millionen Euro. Und im bayerischen Memmingen soll der Freistaat Bayern weitere Millionen in den Ausbau des Flughafens stecken, damit Ryanair der Stadt erhalten bleibt. Eines eint diese Lokal- und Landespolitiker: ein unbeirrbarer Glaube daran, dass ausgerechnet ihr Flughafen vor einer glänzenden Zukunft steht.

Im Jahr 2000 begann dieser Traum in Lübeck. Damals startete Ryanair mit einem Linienflug nach London-Stansted, später kamen Ziele wie Stockholm und Palma de Mallorca dazu. Und während sich im Ratskeller hanseatische Töne mit italienischen und spanischen mischten, wuchs die Abhängigkeit mit jedem Jahr mehr. Derzeit fliegt neben Ryanair nur noch der ungarische Billigflieger Wizz Air viermal die Woche nach Danzig und dreimal nach Kiew.

Lutz Lange ist heute Aufsichtsratsvorsitzender des Flughafens und zieht ein nüchternes Fazit: »Bei den aktuellen Passagierprognosen sieht die Zukunft des Flughafens düster aus. Vorwürfe wegen einer Verschwendung von Steuergeld werden immer lauter.« Lange hat kein Kerosin im Blut, wie so viele in der Branche gern von sich behaupten. Doch der Diplom-Kaufmann kennt sich gut mit Zahlen aus. Und die sind eindeutig. Seit 2005 habe der Flughafen rund 30 Millionen Euro Verluste eingefahren, zulasten der Stadt. Allein die Zinslast betrage inzwischen etwa 1,5 Millionen Euro im Jahr. »Ein normales Unternehmen wäre längst insolvent«, sagt Lange und fügt hinzu: »Bei rund zwei Euro Kosten für jeden Euro Umsatz kein Wunder.« Bereits im vergangenen Frühjahr schloss ein Gutachten des städtischen Rechnungsprüfungsamtes mit der Bemerkung, die Hansestadt Lübeck solle in Erwägung ziehen, den Flughafen abzuwickeln.