ZEITmagazin: Herr Mueller-Stahl, Sie wirken so souverän und gelassen. Woher kommt das?

Armin Mueller-Stahl: Gelassenheit hängt davon ab, womit man sich beschäftigt, was einen ausfüllt und einem die größte Freiheit gibt. Bei mir ist es die Malerei. Obwohl ich in über 100 Filmen gespielt habe, bin ich vor allem ein Maler, der auch schauspielert.

ZEITmagazin: Was gibt Ihnen die Malerei?

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Mueller-Stahl: Ich empfinde sie als eine Rettung vor der Unfreiheit und eine Rettung in der Freiheit, der inneren Freiheit. Da bin ich Regisseur, Kameramann, ich bin alles in einer Person, und ich bin unabhängig. Die Zeit ist aus meinem Körper, wenn ich male. Das sind die Momente, in denen Sie wirklich fliegen können. Die Malerei fällt mir viel leichter als die Schauspielerei, da müssen Sie all die blöden Texte auswendig lernen. Der Akt des Zeichnens hingegen macht mir Freude, stimmt mich heiter und bringt mich von Problemen weg.

ZEITmagazin: Und wenn Sie vor der Kamera stehen, sind Sie auch so gelassen?

Mueller-Stahl: Es gibt Tage, an denen ich sehr nervös bin. Sie kriegen eine Fülle an Informationen und müssen spielen und so tun, als würden Sie dieses Leben der Lüge – Film ist immer Lüge – in dem Augenblick so leben, als wäre es das pralle Leben. Der Zuschauer hört ja nicht die Regieanweisung und sieht nicht das Kreuz auf dem Boden, wo ich zu stehen habe.

ZEITmagazin: Das Kino ist für Sie eine Lüge?

Mueller-Stahl: Ja, das ist doch eine alte Weisheit. Die Frage ist, wie man lügt. Sie müssen doch das Publikum überzeugen, dass das, was Sie erzählen, die Wahrheit ist.

ZEITmagazin: Um die Menschen besser zu machen?

Mueller-Stahl: Ja, auch, doch vor allem klüger. Sie erfahren etwas über sich. Jeder Mensch lügt mal, jeder hat einen Rucksack voller Dinge, die er nicht gerne zeigt.

ZEITmagazin: Da fällt mir Ihr Gedicht ein: »Ein Mensch ist gemein / ein Mensch ist nicht fein, ein Mensch ist nicht rein / ein Mensch will so sein / nur beim Menschenmachen kann man manchmal lachen.« Wie gemein ist der Mensch?

Mueller-Stahl: Das Wort »manchmal« ist mir an dieser Stelle wichtig. Im Großen und Ganzen gibt es diese gemeine Seite wohl in jedem Menschen. Früher waren wir Deutschen die schlimmsten Menschen auf der Welt, und heute sehen wir all die Gemeinheiten der anderen in den Nachrichten. In jedem Jahr sterben Millionen an Krieg, Aids, Hunger und aufgrund von Naturkatastrophen – die sind sozusagen eine Zugabe vom lieben Gott, der sorgt dann dafür, dass nicht zu viel Gutes auf der Welt geschieht.