Revolution in Ägypten Optimismus siegt!
Nicht nur Ägyptens Diktatur wurde gestürzt – auch unser Weltbild gerät ins Wanken.
© Chris Hondros/Getty Images

Junge Ägpyter feiern am 12. Februar auf dem Tahrir-Platz in Kairo den Rücktritt des Präsidenten Hosni Mubarak
Abgesehen von Krieg und Vernichtung – was ist das Schlimmste, das der Menschheit passieren könnte? Das Schlimmste, so schrieb der amerikanische Philosoph Richard Rorty einmal, sei es, wenn die Welt ihre Hoffnungen verlöre und das Wort »Zukunft« seine Faszination. Das Schlimmste ist die Ausweglosigkeit – jener traumlose Zustand, in dem die Macht so unverrückbar ist wie Beton.
Noch bis vor Kurzem hätte man sagen können, Richard Rorty war ein Prophet. Seine Befürchtung ist in vielen Ländern wahr geworden: der Bedeutungsverlust der Vereinten Nationen und der Aufstieg der autoritären Supermacht China; die neue Selbstherrlichkeit der Autokraten, die wie Ahmadineschad den Aufstand der Jugend einfach niedertreten. Oder die Macht der Taliban, die in dem Maße wächst, wie sie mit dem bewaffneten Universalismus der Menschenrechte in Berührung kommt. Ausweglos das Drama der Unversöhnbaren im Nahen Osten, unendlich stabil die Lage im nordafrikanischen Despotengürtel, während die Zahl der failed states wuchs wie die Zahl der asymmetrischen Kriege. War damit nicht Rortys traumlose Weltgesellschaft Wirklichkeit geworden? Und sind nicht die ewigen Weltverbesserer blamiert, jenes armselige Häuflein theoretischer Spinner, das an den Fortschritt der Freiheit glaubt – an eine globale Ordnung, in der jeder Mensch das Recht hat, Rechte zu haben, und in der keine Regierung im Amt ist, die nicht aus freien und gleichen Wahlen hervorgegangen ist?
Doch nun hat der arabische Umsturz unsere Wahrnehmung revolutioniert und ein pessimistisch verdüstertes Weltbild ins Wanken gebracht. Der Freiheitswillen ist verblüffend, niemand hatte ihn für möglich gehalten, und deshalb fasziniert er die Menschen in aller Welt. In Tunesien jagten freiheitshungrige Bürger ihren Herrscher in die Wüste, in Algerien, in Bahrain und im Jemen gehen die Menschen auf die Straße, und mit stupender Beharrlichkeit haben die Ägypter ihren pharaonischen Herrscher Mubarak niedergerungen. Die arabische Revolte ist kein regionales Vorkommnis, sie ist ein transnationales Ereignis. Wie immer es mit ihr weitergehen wird, selbst wenn sie scheitern sollte – der politische Funken, den sie entzündet hat, gibt den Menschenrechten überall auf der Welt zwischen Teheran, Peking und Havanna die revolutionären Energien zurück. Die arabische Revolte beflügelt die politische Imagination, die Hoffnung auf Freiheit, auf Gerechtigkeit und Würde. »Es vergisst sich nicht mehr« (Immanuel Kant).
Nun gibt es ein Tabu, und dieses Tabu besteht zu Recht: Es ist unzulässig, über den Gang der Geschichte zu mutmaßen, über historische Gesetze und ihre untergründige Logik. Denn »die Geschichte« im Singular gibt es nicht; mit Hegel ist der Weltgeist gestorben und mit Jacob Burckhardt die Universalgeschichte. Und dennoch – es lohnt sich, gegen das wissenschaftliche Tabu zu spekulieren und versuchsweise zu fragen, ob sich in den arabischen Aufständen eine historische Dynamik fortsetzt, deren letztes großes Datum vom Jahr 1989 markiert wird, dem Zusammenbruch des Kommunismus. In dieser Lesart wäre der arabische Umsturz also nicht eine reaktionäre Reprise der iranischen Revolution von 1979, die einer charismatischen Erlöserfigur nachlief und im theokratischen Terror endete. Die Protestbewegungen in Tunis, Algier und Kairo stünden vielmehr in der Linie des Ungarnaufstandes, des Prager Frühlings und des Mauerfalls, das heißt, sie gehörten zum Typ jener nachholenden Revolution, mit der unerschrockene Bürger versuchen, ihr Land auf den Stand der geschichtlich möglichen Freiheit zu bringen. Und diese Freiheit heißt: politische Selbstbestimmung.
Wem die Rede über eine demokratische Dynamik der Geschichte vertraut vorkommt, der erinnert sich richtig. Es war der amerikanische Politikwissenschaftler Francis Fukuyama, ein konservativer Hegelianer, der 1992 mit einem Buch über das Ende der Geschichte über Nacht berühmt wurde. Fukuyamas erschöpfend zitierter Befund lautete, mit dem Untergang des Kommunismus habe »die Geschichte« das liberale amerikanische Gesellschaftsmodell, die glückliche Verbindung aus Demokratie und Kapitalismus, zum Sieger gekürt. Die Ära der Barbarei und Weltbürgerkriege sei vorbei; früher oder später werde die Welt frei und demokratisch sein.
Die Druckerschwärze war noch nicht ganz trocken, als Jugoslawien zerfiel und der Krieg zurückkehrte, mitten im Herzen Europas. Damit war Fukuyamas frohe Botschaft zwar erst einmal erschüttert – widerlegt aber war sie in seinen Augen nicht. Denn zeigte nicht der von der Nato erzwungene Frieden, dass die Tage der Despoten gezählt und der demokratische Trend nicht aufzuhalten war? Der Jugoslawienkrieg, so konnte man Fukuyama lesen, war nur ein Rückfall, eine Abweichung vom Ziel der Weltgeschichte, ein letztes Zaudern des gütigen Weltgeistes auf dem unbeirrbaren Weg seiner Selbstverwirklichung.
Wer trotz Srebrenica doch wieder an eine unumkehrbare Tendenz der Weltgeschichte glauben wollte, der wurde am 11. September 2001 auf brutale Weise aufgeklärt. Der Anschlag islamistischer Killer auf das New Yorker World Trade Center, dem 3000 Menschen zum Opfer fielen, verdunkelte nicht nur die Zukunft, er tauchte auch die Epochenzäsur von 1989 in ein anderes Licht. Während für Fukuyama nach dem Untergang des Kommunismus der »Kampf der Kulturen« zu Ende war, erschien nun eine konträre Deutung viel realistischer. Sie lautete: Mit dem Mauerfall springt der im Kalten Krieg bloß eingefrorene Weltlauf wieder in sein altes Gleis; die Geschichte »normalisiert« sich und zeigt der friedensverwöhnten Welt ihr zeitloses Wesen: den ewigen Antagonismus von Freund und Feind, den Wechsel von Krieg und Frieden und den unbezähmbaren Kampf der Kulturen.
- Datum 22.02.2011 - 19:44 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 17.2.2011 Nr. 08
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Danke für die excellente Deutungsanalyse unter Berücksichtigung der philsophisch-politischen Retrospeektive! Ich wage doch eine Zukunftsprognose: Für mich sind die Geschehnisse in Nordafrika - der Beginn eines arabischen Frühlings, der mal als solcher in die Geschichte eingehen wird - mit historisch bedeutsamen Auswirkungen auf die gesamte 'westliche Welt'.
Wer hätte das gedacht, der Ruf nach Freiheit und Würde, Selbstbestimmung und Partizipation aus muslimisch geprägten Gesellschaften, das wollten viele (Huntington inbegriffen)nicht für möglich halten und das wird unser Denken auf Generationen verändern - diese ethnozentrische Sicht sieht sich nun mit einem Paradigmenwechsel konfrontiert.
...stehe ich da Gefühlsmäßig.
Ich halte eigentlich weder von dem "Ende Der Geschichte" noch von dem "Clash Of Cultures" viel.
Es wird im Artikel ja auch darauf hingewiesen: Die wässrigen Tomaten haben in der 3. Welt dank dem Westen oft noch mehr Rechte als die Menschen.
Wir dürfen nicht nur bewundernd daneben stehen, wir müssen jetzt auch endlich mal eine ehrliche Reflexion unseres Konsum-, Wirtschafts- und Gesellschaftssystem betreiben, das viel zu dem Elend in der Welt beiträgt.
Mich dünkt diese Analyse zeigt viele Optionen auf ohne sich ganz festlegen zu wollen. Ich vertraue auf den Optimismus in den Varianten. Sollte es eine "eine moralische Anlage im Menschengeschlecht zur Ursache haben" kann es nur die optimistische Variante sein!
Ich bin voll und ganz "Clash of Cultures" pessimist, wie heißt es so schön bei Guy Deutscher. Jede Sprache motiviert zu anderem; und Sprache, vorallem der Dialekt ist meiner Meinung nach voll und ganz der Rahmen für Kultur. Wenn man sich die ganzen fundamentalistischen Demokratien in Europa anschaut mit ihren vielen Propheten und kleinkarierten ausdünstungen kann man gut drauf spekulieren das sich noch viel verrücken wird.
Der US-Amerikanische Sender PBS, welcher hierzulande mit der ARD zu vergleiche ist (was der Berichterstattung, jedoch nicht der Bekanntheit anbelangt) hat eine neue, wie ich finde sehr interessante, Dokumentation veröffentlicht in der einer der Gruppen der Revolution vorgestellt wird. Diese nennt sich "April 6 Youth Movement" und ist laut Bericht seit 2008 aktiv, wenn auch zu Beginn mit anderen Themen. Hierzu ein Link:
http://www.pbs.org/wgbh/p...
PS: unter dem Video auf "Excerpt" klicken, da leider die Preview als Standard eingestellt ist.
War es nicht George W. Bush, der immer an die Demokratisierung der islamischen Welt glaubte?
Das kann man natürlich nicht öffentlich sagen, schließlich gehört das George Bush- und Amerika-Bashing in Deutschland in bestimmten Kreisen zum guten Ton.
Solche Artikel bekommt nur die Zeit hin, danke dafür!
Freiheit macht süchtig, Marktwirtschaft, Demokratie und Meinungsfreiheit gehen Hand in Hand; die Einführung des einen bewirkt das Verlangen der Bevölkerung nach den anderen beiden; nicht sofort aber mit der Zeit. Wichtig ist dabei, dass eine freie Gesellschaft sehr viel erfordert, die Mehrheit der Bevölkerung muss freiheitsfähig und willig sein, ansonsten ist ein totalitäres Regime die bessere Wahl. Dieser wichtige Punkt ist den US amerikanischen Think Tanks entgangen; Demokratie ist selbstverständlich besser, fortschrittlicher als diktatorische Staatsformen, aber nicht jede Gesellschaft ist hinreichend entwickelt. Nähern sich Gesellschaft aber dem "demokratischen Siedepunkt" passiert etwas faszinierendes; es kommt zum Aufstand. Dabei ist kurz-bis mittelfristig völlig offen (Bifurkationspunkt), ob das Lager der offenen Gesellschaft obsiegt oder die Fraktion der geschlossenen Gesellschaft sich an die Macht klammern kann; ggf. verkörpert duch eine andere Bagage des Totalitarismus, z.B. die der Islamisten. Kommt das Lager der Freiheit aber von außerhalb und fährt mit Panzern vor, bombt und foltert, dann hat die geschlossene Gesellschaft leichtes Spiel (US Außenpolitik).
Jetzt heißt es Daumen drücken und alles erdenkliche tun um dem Lager der offenen Gesellschaft zum Sieg zu verhelfen!
P.S.: China wird es eines Tages ganz genauso ergehen.
Revolutionen in den arabischen Staaten waren lange Zeit für die westlichen Medien nahezu undenkbar; zu dominant die Bilder und Geschichten deren, die den Umsturz der Weltordnung mit Gewalt erzwingen wollen und dazu auf Werte setzen, die dem westlichen Selbstverständnis diametral entgegengesetzt sind. All die Darstellungen Saddam Husseins, Bin Ladens und radikalisierter Kämpfer, die vor keinem gewaltsamen Mittel zurückschrecken, um einer neuen weltordnung Gestalt zu verleihen, haben uns nahezu blind genacht für all jene im arabischen Raum, die dort leben, aber durch diese Bilder und diese Ideologien nie repräsentiert wurden. Und so werden nun diejenigen, denen die konventionellen Bilder, die die Darstellungen des arabischen Raum – einer ganzen Region und mehrerer Millionen Menschen – so wahr und allumfassend erschienen nun nahezu überrascht davon, dass in den arabischen Ländern Menschen leben, die gelitten haben und immer noch leiden und nun den unfassbaren Mut finden, Veränderung zu versuchen. Und so scheint es, als ob auch dem Beobachter im Westen nichts besseres hätte passieren können, als Revolutionen in den arabischen Ländern, die Anlass dazu geben können, in welchen Rahmen wir Menschen und deren Schicksale erkennen und wie eben gerade diese Rahmen die Wahrnehmung verengen und entscheindes ausblenden.
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