Abgesehen von Krieg und Vernichtung – was ist das Schlimmste, das der Menschheit passieren könnte? Das Schlimmste, so schrieb der amerikanische Philosoph Richard Rorty einmal, sei es, wenn die Welt ihre Hoffnungen verlöre und das Wort "Zukunft" seine Faszination. Das Schlimmste ist die Ausweglosigkeit – jener traumlose Zustand, in dem die Macht so unverrückbar ist wie Beton.

Noch bis vor Kurzem hätte man sagen können, Richard Rorty war ein Prophet. Seine Befürchtung ist in vielen Ländern wahr geworden: der Bedeutungsverlust der Vereinten Nationen und der Aufstieg der autoritären Supermacht China ; die neue Selbstherrlichkeit der Autokraten, die wie Ahmadineschad den Aufstand der Jugend einfach niedertreten . Oder die Macht der Taliban , die in dem Maße wächst, wie sie mit dem bewaffneten Universalismus der Menschenrechte in Berührung kommt. Ausweglos das Drama der Unversöhnbaren im Nahen Osten, unendlich stabil die Lage im nordafrikanischen Despotengürtel, während die Zahl der failed states wuchs wie die Zahl der asymmetrischen Kriege. War damit nicht Rortys traumlose Weltgesellschaft Wirklichkeit geworden? Und sind nicht die ewigen Weltverbesserer blamiert, jenes armselige Häuflein theoretischer Spinner, das an den Fortschritt der Freiheit glaubt – an eine globale Ordnung, in der jeder Mensch das Recht hat, Rechte zu haben, und in der keine Regierung im Amt ist, die nicht aus freien und gleichen Wahlen hervorgegangen ist?

Doch nun hat der arabische Umsturz unsere Wahrnehmung revolutioniert und ein pessimistisch verdüstertes Weltbild ins Wanken gebracht. Der Freiheitswillen ist verblüffend, niemand hatte ihn für möglich gehalten, und deshalb fasziniert er die Menschen in aller Welt. In Tunesien jagten freiheitshungrige Bürger ihren Herrscher in die Wüste, in Algerien , in Bahrain und im Jemen gehen die Menschen auf die Straße, und mit stupender Beharrlichkeit haben die Ägypter ihren pharaonischen Herrscher Mubarak niedergerungen . Die arabische Revolte ist kein regionales Vorkommnis , sie ist ein transnationales Ereignis. Wie immer es mit ihr weitergehen wird, selbst wenn sie scheitern sollte – der politische Funken, den sie entzündet hat, gibt den Menschenrechten überall auf der Welt zwischen Teheran, Peking und Havanna die revolutionären Energien zurück. Die arabische Revolte beflügelt die politische Imagination, die Hoffnung auf Freiheit, auf Gerechtigkeit und Würde. "Es vergisst sich nicht mehr" (Immanuel Kant).

Nun gibt es ein Tabu, und dieses Tabu besteht zu Recht: Es ist unzulässig, über den Gang der Geschichte zu mutmaßen, über historische Gesetze und ihre untergründige Logik. Denn "die Geschichte" im Singular gibt es nicht; mit Hegel ist der Weltgeist gestorben und mit Jacob Burckhardt die Universalgeschichte. Und dennoch – es lohnt sich, gegen das wissenschaftliche Tabu zu spekulieren und versuchsweise zu fragen, ob sich in den arabischen Aufständen eine historische Dynamik fortsetzt, deren letztes großes Datum vom Jahr 1989 markiert wird, dem Zusammenbruch des Kommunismus. In dieser Lesart wäre der arabische Umsturz also nicht eine reaktionäre Reprise der iranischen Revolution von 1979, die einer charismatischen Erlöserfigur nachlief und im theokratischen Terror endete. Die Protestbewegungen in Tunis, Algier und Kairo stünden vielmehr in der Linie des Ungarnaufstandes, des Prager Frühlings und des Mauerfalls, das heißt, sie gehörten zum Typ jener nachholenden Revolution, mit der unerschrockene Bürger versuchen, ihr Land auf den Stand der geschichtlich möglichen Freiheit zu bringen. Und diese Freiheit heißt: politische Selbstbestimmung.

Wem die Rede über eine demokratische Dynamik der Geschichte vertraut vorkommt, der erinnert sich richtig. Es war der amerikanische Politikwissenschaftler Francis Fukuyama, ein konservativer Hegelianer, der 1992 mit einem Buch über das Ende der Geschichte über Nacht berühmt wurde. Fukuyamas erschöpfend zitierter Befund lautete, mit dem Untergang des Kommunismus habe "die Geschichte" das liberale amerikanische Gesellschaftsmodell, die glückliche Verbindung aus Demokratie und Kapitalismus, zum Sieger gekürt. Die Ära der Barbarei und Weltbürgerkriege sei vorbei; früher oder später werde die Welt frei und demokratisch sein.

Die Druckerschwärze war noch nicht ganz trocken, als Jugoslawien zerfiel und der Krieg zurückkehrte, mitten im Herzen Europas. Damit war Fukuyamas frohe Botschaft zwar erst einmal erschüttert – widerlegt aber war sie in seinen Augen nicht. Denn zeigte nicht der von der Nato erzwungene Frieden, dass die Tage der Despoten gezählt und der demokratische Trend nicht aufzuhalten war? Der Jugoslawienkrieg, so konnte man Fukuyama lesen, war nur ein Rückfall, eine Abweichung vom Ziel der Weltgeschichte, ein letztes Zaudern des gütigen Weltgeistes auf dem unbeirrbaren Weg seiner Selbstverwirklichung.

Wer trotz Srebrenica doch wieder an eine unumkehrbare Tendenz der Weltgeschichte glauben wollte, der wurde am 11. September 2001 auf brutale Weise aufgeklärt. Der Anschlag islamistischer Killer auf das New Yorker World Trade Center, dem 3000 Menschen zum Opfer fielen, verdunkelte nicht nur die Zukunft, er tauchte auch die Epochenzäsur von 1989 in ein anderes Licht. Während für Fukuyama nach dem Untergang des Kommunismus der "Kampf der Kulturen" zu Ende war, erschien nun eine konträre Deutung viel realistischer. Sie lautete: Mit dem Mauerfall springt der im Kalten Krieg bloß eingefrorene Weltlauf wieder in sein altes Gleis; die Geschichte "normalisiert" sich und zeigt der friedensverwöhnten Welt ihr zeitloses Wesen: den ewigen Antagonismus von Freund und Feind, den Wechsel von Krieg und Frieden und den unbezähmbaren Kampf der Kulturen.