Der Bahnhof von Schmalkalden sieht genauso aus, wie man ihn sich vorgestellt hat. Leider. Die Fenster verriegelt, nirgends eine Menschenseele. Nur an der Schranke steht ein Mann, um sie zu bedienen. Doch wo gehts hier zu Uwe Steimle?

Die Wilhelmsburg in Schmalkalden ist keine Burg, sondern eine ehemals stolze und mittlerweile ziemlich heruntergekommene, weil seit Jahren geschlossene Gaststätte. Hier wird Sushi in Suhl gedreht. Der Film erzählt die Geschichte von Rolf Anschütz, einem Suhler Koch und Wirt, der 1966 das erste und wohl einzige japanische Restaurant der DDR eröffnet hat. Der Laden hieß passenderweise Zur Waffenschmiede. Auf einen freien Tisch wartete man, so geht die Mär, mitunter zwei Jahre lang.

Das Leben dieses Rolf Anschütz, der schließlich auf Einladung der japanischen Regierung sogar bis nach Nippon reisen durfte, soll im nächsten Jahr in die Kinos kommen. Und Uwe Steimle gibt den Rolf Anschütz. »Endlich mal wieder ein Film über die arbeitende Bevölkerung«, sagt der 47-Jährige, der selbst Sohn eines Arbeiters ist, zwischen zwei Kameraeinstellungen. Für ihn ist es die erste Kino-Hauptrolle überhaupt.

Steimle, der Dresdner Schauspieler und Kabarettist, gilt vielen als eigenartiger Mensch. Er macht gern den Mund auf und sagt Sätze, die andere lieber nicht oder nicht so sagen würden. Steimle polarisiert. Er selbst meint, er wisse nicht, warum. »Ich bin vor allem ein großer Zweifler. Ich zweifle sogar an mir selbst«, sagt er – ohne ironischen Unterton. Nachdem der NDR Steimles Rolle als Schweriner Polizeiruf- Kommissar nach mehr als 15 Jahren hatte enden lassen, machte der Schauspieler seinem Sender öffentlich schwere Vorwürfe. Man sei, unterstellte er, mit seiner Unterstützung der Kandidatur Peter Sodanns für das Amt des Bundespräsidenten nicht einverstanden gewesen. Der Hallenser Sodann war damals für die Linke angetreten.

Von den einen wird Steimle für seine Einlassungen bewundert, andere hingegen finden ihn ziemlich bescheuert. »Die Bundesrepublik war 1989 genauso am Ende wie die DDR, nur auf einem höheren Niveau« – das ist so ein typischer Steimle-Satz. Oder auch: »Die Einheit Deutschlands ist vollendet, wenn der letzte Ostdeutsche aus dem Grundbuch gelöscht ist.« Selbst Gregor Gysi würde bei solchen Sprüchen wahrscheinlich das Gesicht verziehen.

Eines muss man Uwe Steimle lassen: Neben Wolfgang Stumph und Katarina Witt zählt er zu den bekanntesten lebenden Sachsen. In vielen Talkshows gibt er den gelernten DDR-Bürger, der weiß, wie Leute ticken, die ihr Geld noch mit ihrer Hände Arbeit verdienen. Er selbst bezeichnet sich als »Seismograf des Volkes«, der die Sprache der einfachen Leute spreche. Naturgemäß wird dort nicht unbedingt mit dem Florett gefochten. Im Gegenteil: Ein Arbeiter sagt, was er denkt. Und so redet auch Steimle, Erfinder des Wortes »Ostalgie«, nicht gern ums Wesentliche herum.

Steimle vergleicht das Leben in der DDR konsequent mit dem in der Bundesrepublik. Ein Arbeiterkind darf das vielleicht. »Die Systeme ändern sich, die Menschen bleiben die gleichen«, lautet seine Maxime. Diese Grundannahme erlaubt es ihm, Diktatur und Demokratie auf einer Ebene zu verhandeln, sozusagen auf Augenhöhe. Damit begeht Steimle immer wieder einen inzwischen wahrscheinlich wohlkalkulierten Tabubruch. »Ich lasse mir nicht einreden, dass es hier besser ist«, sagt er. Obwohl bereits der Umstand, dass er heute seine Kritik öffentlich äußern darf, einen großen Unterschied zu den Verhältnissen vor dem Mauerfall darstellt.