Schmelzen die Gletscher, halten wir das für das Ende des Wintersports; nadeln die Kiefern, sprechen wir von Waldsterben. Diesen Gefahren begegnen wir, indem wir vermehrt in die Skigebiete fahren, was den Gletschern so wenig bekommt wie den Kiefern. Ähnlich konsequent sind wir bei der Umsetzung all der gut gemeinten Ratschläge, die Kochbücher uns so gern geben.

Seit einiger Zeit werden wir Fressfreunde von Kochbüchern regelrecht überschwemmt. Ich spreche gar nicht von den Prachtbänden der Küchenstars, welche Jahr für Jahr aufwendiger ausgestattet, opulenter fotografiert und unhandlicher konstruiert werden. Ohnehin sind sie nicht zur Benutzung in der Küche gedacht, sondern als Ausstellungsstücke auf dem Couchtisch. Die meistens hoch besternten Köche betrachten die Wälzer als ihre Visitenkarte, mit der sie die Konkurrenz beeindrucken. Welche Rolle die Bücher der Fernsehköche spielen, bleibt dagegen rätselhaft. Sie imponieren keinem Hobbykoch, werden von niemandem gelesen und dienen allein dem Zweck, das Konterfei eines Quotensklaven in weißer Jacke abzubilden.

Nein, wirklich beeindruckend ist der Haufen von gebundenen Ratschlägen wie Schlank ohne Diät, Nie wieder XXL, Stressfood, Das Kloster-Kochbuch, Omas Bio-Küche, Scheidungskinder verraten ihre Lieblingsrezepte und Ähnlichem, hinter denen man nicht zu Unrecht Ahnungslosigkeit, Obskurantismus und mangelndes Sprachtalent vermuten darf, und zwar ungetrennt, im Gegensatz zum Haushaltsmüll. Ein paar Wochen lang liegt dieser Schrott gestapelt in den Bücher-Supermärkten, doch bevor wir dreimal blinzeln, verschwinden die bunten Billigtitel für immer.

War es eine Halluzination? Haben wir einer gefährdeten Art beim Aussterben zugesehen? Nichts von alledem. Wir waren nur Zeuge einer regelmäßigen Naturerscheinung in unserer Kulinar-Szene nach dem El-Niño-Prinzip. Hat aber keine Bedeutung.

Im Gegensatz zu einem Buch, das ich kürzlich beim Antiquar fand: Die Zukunftsküche. Letzter Rettungsanker zur Verhütung völliger Entartung der Menschheit. Das Buch zielt auf nicht mehr und nicht weniger als unsere falsche Ernährungsweise. Es erschien 1900 und enthält Rezepte zur schlanken Linie und besseren Verdauung, zum Beispiel für einen Braten aus Hülsenfrüchten. Daraus kann man schließen, dass die Probleme in der Küche dieselben sind wie die vor über hundert Jahren. Auch heute noch empfehlen unsere Freunde, die Müslis, als Rettungsanker den Fleischverzicht.

Ganz anders sahen die Dinge jedoch im 19. Jahrhundert aus. Da war nicht die Rede davon, die Menschheit durch Karottensaft zu retten und die Tiere durch Veganismus. Die Konsumenten stillten ihren Hunger zum großen Teil zwangsläufig mit Rüben und Kartoffeln. Ihr Retter trug einen Bart. Er saß in London und schrieb an seinen Rezepten zur Rettung der Menschheit. Eines lautete: »Vegetarier aller Länder, vereinigt euch!«