Tunesien Was heißt hier "Flut"?
Erst wenige Tausend Flüchtlinge aus Tunesien haben die italienische Insel Lampedusa erreicht. Aber Europa fühlt sich schon bedroht und überfordert.
Wenn Menschen zwischen Casablanca und Damaskus dieser Tage von »Welle« reden, meinen sie die anhaltende Serie von Massenprotesten Unterdrückung, Korruption und Armut. Wenn Europäer dieser Tage von »Welle« reden, dann meinen sie rund 5000 Flüchtlinge überwiegend tunesischer Herkunft, die in der vergangenen Woche auf der Insel Lampedusa gelandet sind. Lampedusa, gelegen im Mittelmeer zwischen Tunesien und Sizilien, ist mit einer Fläche von 20 Quadratkilometern eher ein Inselchen, weswegen die überraschende Ankunft von mehreren Tausend Menschen schnell den Eindruck einer »Überschwemmung« oder eines »Exodus von biblischem Ausmaß« erzeugen kann, wie es der italienische Innenminister Roberto Maroni formulierte.
Italiens Regierung hat nun die EU um 100 Millionen Euro zur Bekämpfung eines »humanitären Notstands« gebeten, den sie zum Teil durch unwürdige Behandlung der Flüchtlinge zu Abschreckungszwecken selbst herbeigeführt hat. Maronis Forderung, zur Flüchtlingsabwehr Carabinieri nach Tunesien zu schicken, verbat sich die tunesische Regierung. Angela Merkel wiederum verbat sich das Ansinnen, Deutschland könne einige der Tunesier aufnehmen. Anfang der Woche dann, als in Brüssel eine De-facto-Seeblockade tunesischer Häfen durch Schiffe der EU-Grenzschutzagentur Frontex erwogen wurde, »verebbte« die Flüchtlingsflut wieder. Die See war rauer geworden, offenbar hatte auch die tunesische Küstenwache ihre Patrouillen wieder aufgenommen, die im Chaos der Übergangsperiode eingestellt worden waren.
Das »Drama auf Lampedusa« war, um im Bild zu bleiben, Europas zweite Schockwelle innerhalb weniger Wochen. Auf den Schrecken über den schnellen Sturz arabischer Diktatoren folgte nun die Angst, dass mit deren Abgang auch der europäische Grenzschutz zusammenbrechen könnte, den die EU und ihre Mitgliedsländer in den vergangenen Jahren immer weiter nach Süden verlagert haben.
Tunesien und Italien spielten dabei eine Vorreiterrolle: Bereits 1998 unterzeichneten beide Staaten ein Rückübernahmeabkommen, in dem sich das Regime in Tunis verpflichtete, Flüchtlinge und Migranten aus Tunesien, die in Italien keinen Aufenthaltsstatus erhielten, formlos wieder aufzunehmen. Es folgten binationale Operationen zum Grenzschutz. Seit 2003 ermöglicht ein weiteres Abkommen die gemeinsame Kontrolle von Schiffen, auf denen illegale Migranten vermutet wurden. In der Praxis heißt das: Auf dem Mittelmeer werden Flüchtlingsboote abgefangen und deren Passagiere ohne Prüfung eines Asylbegehrens nach Tunesien zurückverfrachtet – eine Vereinbarung, die für politisch Verfolgte des Diktators Sein al-Abidin Ben Ali verheerende Folgen haben konnte. Flüchtlingsorganisationen wie Pro Asyl sehen darin einen klaren Verstoß gegen das Völkerrecht. Ähnliche Abkommen hat Italien auch mit Libyen und Ägypten abgeschlossen. Genauer gesagt, mit deren autoritären Regimen, von denen nun nur noch eines existiert: das libysche. Im Gegenzug erhielten und erhalten die betreffenden Länder Unterstützung bei der Aus- und Aufrüstung ihrer Grenzpolizei sowie Wirtschaftshilfe – wobei man vermuten kann, dass davon einiges auf die privaten Konten der Machthaber geflossen ist.
Europas skrupellose Wahl seiner Türsteher ist Folge einer politischen Dynamik, die in den späten achtziger und frühen neunziger Jahren ihren Anfang genommen hat: Mit dem Zusammenbruch des Ostblocks, dem Fall der Mauer und den Kriegen im ehemaligen Jugoslawien begannen kleinere Völkerwanderungen gen Westen und Norden – unter anderem vom Osten Deutschlands in den Westen, aber auch von Sarajevo und Mostar nach Stuttgart, München, Amsterdam oder Paris. Rund 350000 Kriegsflüchtlinge nahm Deutschland damals auf. Was man im Nachhinein als enorme Leistung von Bund, Kommunen und Zivilgesellschaft verbuchen könnte, gilt in den zuständigen Ministerien, vor allem den deutschen, bis heute als politischer und administrativer Alptraum, der sich unter keinen Umständen wiederholen darf.
Das ist das Hauptmotiv hinter der Politik der europäischen Kernländer, Flüchtlingsabwehr immer weiter nach außen zu verlagern in die Grenz- und Anrainerstaaten der EU. Entsprechend vorhersehbar waren denn auch die Reaktionen innerhalb der EU auf die tunesischen Flüchtlingsboote: Italien, direkt betroffen, beschwört ein Desaster von biblischem Ausmaß und fordert entsprechend drastische Maßnahmen. Deutschland, der mächtigste und wohl auch rigideste Verfechter des Status quo beim Umgang mit Flüchtlingen, lehnt stur eine Lastenteilung ab mit Verweis auf bestehende EU-Abkommen. Zuständig ist der Staat, in dem der Flüchtling EU-Boden betritt. Basta. Im Übrigen komme es, so Außenminister Guido Westerwelle, darauf an, den Tunesiern eine ökonomische Perspektive im eigenen Land zu schaffen.
Was weder Westerwelle noch irgendein anderes europäisches Regierungsmitglied auszusprechen wagen: Dazu braucht Europa nicht nur einiges Geld, sondern auch eine neue Migrationspolitik. Also eine Strategie, die sich nicht primär auf Abschottung konzentriert, sondern auf Einwanderung als gezielte Form von Wirtschafts- und Aufbauhilfe, auf Rücküberweisung statt Rücküberführung.
- Datum 17.02.2011 - 15:53 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 17.2.2011 Nr. 08
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Entfernt. Die Redaktion/lv
Darüber ließe sich ja diskutieren (Anforderungen, Kontingente ...).
Insofern ist Ihre pauschale Aussage überzogen. Leider kriegen die politischen Parteien zu diesem Thema bis heute kein sachliche Diskussion hin.
Darüber ließe sich ja diskutieren (Anforderungen, Kontingente ...).
Insofern ist Ihre pauschale Aussage überzogen. Leider kriegen die politischen Parteien zu diesem Thema bis heute kein sachliche Diskussion hin.
Es ist schon bezeichnend, daß Sie Herr Böhm Wanderungsbewegungen von Deutschen innerhalb von Deutschland in einem Atemzug mit anderen Migrationsbewegungen nennen. Ich warte immer noch auf den Kommentar, der konsequent von den Interessen der Europäer her denkt und argumentiert.
Wenn ein Damm bricht, sind die ersten 10 Liter Wasser die sich daraus ergießen ungefährlich. Ja, da gebe ich dem Kommentator schon recht. Aber was ist mit den Fluten die danach kommen? Und sage keiner, dass die professionellen Schleuser Afrikas die offene Flanke aus irgendwelchen Gründen auslassen werden. Im Gegenteil! Sie werden sich darauf einstellen. Stellen wir uns also nicht an, wie der Zauberlehrling. Wer westliche Demokratie predigt und das Wohlstandsversprechen per Scheck nach Nordafrika austeilt, der muss ich nicht wundern, wenn jene, die nichts zu verlieren haben, diese Schecks einlösen wollen. Wir sollten nicht die Augen zu machen, sondern uns auf das einstellen was kommt. Und damit meine ich jetzt nicht das Gegenteil des Kommentars. Ein Wall um die EU wäre ebenso töricht!
EU und die USA haben in ihrer Politik Fehler über Fehler gemacht.Einer der großen Fehler ist wohl,das sie bis heute nicht begreifen können,dass das Anbandeln mit Gadafhi,Mubarak und Konsorten nie im Sinne der Bevölkerung dieser Länder war,sondern nur den Sinn hatte,die Menschen innerhalb der Grenzen der jeweiligen Diktaturen zu belassen.Dafür bekamen die Herrscher viel Geld.Wie es den Menschen in den Ländern ging das hat niemanden interessiert.
Jetzt brechen die Menschen aus ihren nationalen Gefängnissen aus.Sie wollen an dem teilhaben was uns allen selbstverständlich ist.Und was machen unsere Politiker:sie blocken ab,führen schlaue Reden ohne Sinn und schieben den schwarzen Peter dem Nachbarn zu.Irgendwie,denke ich,hat sich das christliche in der Politik schon längst erledigt.
Beachten Sie doch bitte den Kommentar von R.C. .
Oder mit Thorsten Hinz von heute:
"Der ausgesprochen maskuline, kampfbereite Jugendüberschuß der islamischen Welt triftt auf einen demographisch ausgezehrten, von Sinnkrisen und Schuldkomplexen geschüttelten Kontinent..."
Die Diskussionen in den letzten zwei Tagen hier lieferten da reichlich Anschauungsmaterial.
Beachten Sie doch bitte den Kommentar von R.C. .
Oder mit Thorsten Hinz von heute:
"Der ausgesprochen maskuline, kampfbereite Jugendüberschuß der islamischen Welt triftt auf einen demographisch ausgezehrten, von Sinnkrisen und Schuldkomplexen geschüttelten Kontinent..."
Die Diskussionen in den letzten zwei Tagen hier lieferten da reichlich Anschauungsmaterial.
Darüber ließe sich ja diskutieren (Anforderungen, Kontingente ...).
Insofern ist Ihre pauschale Aussage überzogen. Leider kriegen die politischen Parteien zu diesem Thema bis heute kein sachliche Diskussion hin.
Beachten Sie doch bitte den Kommentar von R.C. .
Oder mit Thorsten Hinz von heute:
"Der ausgesprochen maskuline, kampfbereite Jugendüberschuß der islamischen Welt triftt auf einen demographisch ausgezehrten, von Sinnkrisen und Schuldkomplexen geschüttelten Kontinent..."
Die Diskussionen in den letzten zwei Tagen hier lieferten da reichlich Anschauungsmaterial.
dass in der Debatte zwei Fragen besonders wichtig sind:
1. Ist das Bestreben, in ein anderes Land zu fliehen, gerechtfertigt? Ich meine, momentan ist gerade die einmalige Chance, Veränderungen in autoritären Regimen herbeizuführen. Wer soll das bitte letztendlich anstellen außer dem Volk selbst, einschließlich derer, die fliehen wollen. Durch deren Ausreise werden die Probleme im Land nicht gelöst, auch nicht für die Flüchtlinge selber (es sei denn, es wird bewusst einkalkuliert, dass sie im Bestimmungsland bleiben).
2. Funktioniert der bisherige Umgang mit Flüchtlingen in Deutschland und Resteuropa? Diese Frage sollte beantwortet werden, bevor man sich darüber Gedanken macht, neue aufzunehmen. Gelingt es, dass man sie hierzulande in menschenwürdigen Bedingungen leben lässt und gleichzeitig dafür sorgt, dass für die einheimische Bevölkerung keine unnötigen Belastungen entstehen? Das (wenn auch extreme) Beispiel des libanesisch-kurdischen Miri-Clans ind Bremen sollte ins Bewusstsein rufen, dass ein Problem auf jeden Fall vorhanden ist.
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