Deutsche Unternehmen Die Überlebenskünstler

Es gibt Unternehmen, die überstehen jede Krise. Warum? Eine ZEIT-Serie über Anpassung, Veränderung und die Lehren aus Fehlern.

Zwischen Untergang und Überleben liegt oft nur eine einzige Entscheidung. So wie bei Siemens Ende der neunziger Jahre, auf dem Höhepunkt des New-Economy-Booms. Es kriselte gleich in mehreren Sparten. Bankanalysten, Berater und Aktionärsvertreter, alle Welt empfahl dem Konzernchef Heinrich von Pierer: Setzen Sie alles aufs Geschäft rund um Telefon und Computer! Räumen Sie bei der notleidenden Medizintechnik und beim Kraftwerkbau radikal auf! »Fix, close or sell!«, riefen sie, es ist das Managementmotto von Jack Welsh, dem damaligen Chef des Erzrivalen General Electric. Doch Pierer entschied sich anders. Er wollte das Risiko lieber streuen, so wie es die Telegraphen-Bauanstalt seit ihrer Gründung 1847 gehalten hatte.

Hätte Pierer damals ganz auf die Informationstechnik gesetzt, was wäre heute von Siemens noch übrig? Das Telefongeschäft ist verloren, das Computergeschäft mit Verlusten abgegeben, die IT-Dienstleistungen sind fort. Mit Kraftwerken und Medizintechnik dagegen fährt der Konzern Rekordgewinne ein.

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Siemens hat überlebt – viele andere nicht. Auch in der jüngsten Weltwirtschaftskrise gingen deutsche Traditionsunternehmen reihenweise in die Insolvenz: Märklin, Quelle, Schiesser, Rosenthal, Escada, Karmann. Nicht nur einzelne Firmen, ganze Branchen sind in den vergangenen Jahrzehnten nahezu verschwunden. Die Kleider der Deutschen werden nicht mehr im Westfälischen oder im Schwabenland geschneidert, sondern in Osteuropa und der Türkei, an den Küsten Chinas, Vietnams oder Bangladeschs. Auf den Fernsehgeräten in deutschen Wohnzimmern stehen nicht mehr die Traditionsnamen Telefunken, Saba oder Nordmende, sondern die Schriftzüge von Samsung, LG oder Sony. Gefilmt und fotografiert wird nicht mehr mit Rollei, Agfa oder Voigtländer, sondern mit Canon, Nikon oder Casio. Gründe dafür gibt es viele: Die Deutschen haben Systemsprünge verpasst, wie beim Einzug der Elektronik in die Kameras. Oder die Arbeitskosten waren zu hoch.

Und dennoch sind in ebendiesen Branchen Firmen wie Loewe und Metz (Fernseher), Leica (Kameras) oder die Modefirmen Trigema und Mey immer noch erfolgreich. Sie sind die deutschen Überlebenskünstler. Unternehmen, die Strukturbrüche, Wirtschaftskrisen und Weltkriege überdauert haben.

Wie ist ihnen das gelungen?

Hermut Kormann, der früher dem Maschinenbauer Voith vorstand und heute erforscht, was Unternehmen überlebensfähig macht, gibt darauf eine erstaunlich schlichte Antwort. »Es geht nicht um das Gewinnen, sondern um das Verhindern eines Scheiterns«, sagt er. Was so banal klingt, bedeutet doch eine kleine Revolution im Denken vieler Firmenlenker: die Disziplin, nicht zu schnell zu wachsen und nicht zu viel Geld an die Eigentümer auszuschütten. Hinzu kommt häufig eine nüchterne Kälte gegenüber dem eigenen Geschäftsmodell und, wenn es sein muss, auch gegenüber den hauseigenen Erfindungen. Ebenso eine Offenheit, Veränderungen wahrzunehmen und sich anzupassen. Natürlich, das findet sich in keinem Unternehmen in Reinform und ersetzt auch nicht den Mut, den Ehrgeiz, den Willen nach mehr. Gleichwohl ist bei den Unternehmen ein Muster erkennbar. Diese Überlebenskünstler vermeiden Risiken, welche die Existenz gefährden könnten. Sie fahren, so Kormann, eine »Sicherungsstrategie«.

Und es ist eben ein Risiko, der Managementmode des Moments zu folgen. Als die Großmanager etwa die Fokussierung der Geschäfte predigten, da engagierten sich diverse Überlebenskünstler weiterhin auf vielen Feldern. Und als Outsourcing und die Verlagerung nach Asien gerade schwer angesagt waren, gaben sie ihr Wissen nicht aus der Hand.

Leser-Kommentare
  1. Die Dinge die in diesem Bericht angesprochen werden und als Erfolgsmodel dargestellt werden, sollten eigentlich selbstverständlich sein. ein Unternehmen zu führen und zu erhalten sollte das vorrangiste Bestreben sein und "nicht" Gewinnmaximierung auf Teufel komm raus. Ich erinnere das eine Zeit lang Analysten in Börsennotierten Unternehmen mehr zu sagen hatten, als das Management. Wo das hingeführt hat, konnten wir in den letzten Jahren beobachten, in den Ruin!!! Die meisten Firmen die nach alter Väter Sitte den Hauptaugenmerk auf die Erhaltung des Unternehmens und ihrer Belegschaft, gelegt haben, stehe auch heute noch sehr gut da, wie die genannten Firmen. Davon gibt es zum Glück noch viele mehr. Auch das Schützen des know how, ist von elementaler Bedeutung. Siehe was alles nach Fernost abgezogen wurde und das nicht immer auf reguläre Weise!!!

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    • gquell
    • 19.02.2011 um 14:15 Uhr

    Die oberste Priorität sollte die Sicherung der Liquidität haben. Was überigens im Artikel nicht angesprochen wurde, ist die Fähigkeit dieser Firmen, ohne große Kredite auszukommen. Trigema beispielsweise ist stolz darauf, daß sie keine Kredite haben. Das IT-Unternehmen, für das ich arbeite, hat auch keine Kredite. Dadurch ist das Wachstum zwar langsamer, aber auch sicherer. Wer ohne "großzügige" Kredite auskommt, der überlegt jede Investition mehrfach. Und oft sind große Investitionen in Wirklichkeit nur Egotripps weniger Personen. Das ist die wahre Stärke der Hidden-Champions und auch vieler anderer, sehr erfolgreicher Firmen - das Management ist bescheiden.
    Ich würde es heute mal so ausdrücken, wer sich als Unternehmen mit Banken auf große Kreditverpflichtungen einläßt, der sollte sich immer bewußt sein, daß sein Unternehmen in tödlicher Gefahr schwebt!

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    Wer sich aus eigener Kraft finanzieren kann, hat noch einen weiteren, wichtigen Vorteil:

    Er muss sich nicht von inkompetenten Bankern, die Geld geliehen haben, in`s Geschäft reden lassen.

    Wer sich aus eigener Kraft finanzieren kann, hat noch einen weiteren, wichtigen Vorteil:

    Er muss sich nicht von inkompetenten Bankern, die Geld geliehen haben, in`s Geschäft reden lassen.

    • Bikila
    • 19.02.2011 um 14:30 Uhr

    Dieter Zetsche hat Chrysler kaputt saniert. Seine Modellpolitik grenzte an Schwachsinn. Nur Autos mit großen Motoren wo Mercedes grade kleine baute. Das dann die Krise kam war klar.

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  2. "Doch soviel sich bei den Überlebenskünstlern auch wandelt, der Geist des Unternehmens bleibt bestehen. Die Mitarbeiter identifizieren sich mit der Firma, selbst wenn längst an völlig neuen Produkten und in weit entfernten Regionen gearbeitet wird. »Langlebige Unternehmen haben eine hohe Bindekraft, mit einem starken Sinn für Identität«, fand Arie de Geus heraus. Die Voith AG etwa, weltweit führend bei Maschinen zur Papierverarbeitung, ist im 144. Jahr im Familienbesitz. Beim Pharmakonzern Merck aus Darmstadt, auf dessen Flüssigkristalle die Flachbildhersteller weltweit angewiesen sind, hat die zwölfte Generation das Sagen. Beide können in der Krise harte Entscheidungen fällen, weil die Wertebasis stimmt."

    Bingo. Treffer. Versenkt.

    Und wo sind wir da? Bei der Sozialen Marktwirtschaft nach der Definition von Walter Eucken, Müller-Armack und L. Erhard und genau NICHT bei der Neuen Sozialen Marktwirtschaft der Kundusbunzlerin Dr. Angela Merkel und ihrem Finanzrasputin Ackermann und dessen Finanzspekulations- und -anlagenbetrugswirtschaft des Kannibalkapitalismus, der sich in den heuten Zuständen unserer Erwerbsarbeitsmärkte und der Ausplünderungspolitik der Krankenfabriken- und Ärztemonopolwirtschaft.

    Aber, solche Gedanken sind vielleicht zu defätistisch.

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    die soziale marktwirtschaft nach eucken ist eine sehr radikale form dessen was wir heute haben. eucken geht es NUR um den markt und den preis als indikator von knappheit, damit dieser sein volle allokationswirkung entfalten kann hat er seine prinzipien formuliert. dies hat nichts mit nachhaltigem unternehmertum zu tun außer, außer dass eines der prinzipien die persönliche haftung von entscheidern fordert.
    der reine shareholder ansatz ist nach den 90ern überholt. man geht schon seit einigen jahren von vielen interessensgruppen aus, welche das unternehmen in seine entscheidungen mit einzubeziehen hat (stakeholder-ansatz, corporate governance).
    auch ist man schon einige zeit auf den trichter gekommen, dass eben genau das nicht greifabre kapital wie prozesse und methoden, unternhemenskultur, beziehungen zu kunden und lieferanten, das in form von mitarbeitern eingebrachte knowhow, aber auch deren motivation und fähigkeiten eine tragenden, nein DIE tragenden rolle des unternehmenswerfolgs sind.

    die soziale marktwirtschaft nach eucken ist eine sehr radikale form dessen was wir heute haben. eucken geht es NUR um den markt und den preis als indikator von knappheit, damit dieser sein volle allokationswirkung entfalten kann hat er seine prinzipien formuliert. dies hat nichts mit nachhaltigem unternehmertum zu tun außer, außer dass eines der prinzipien die persönliche haftung von entscheidern fordert.
    der reine shareholder ansatz ist nach den 90ern überholt. man geht schon seit einigen jahren von vielen interessensgruppen aus, welche das unternehmen in seine entscheidungen mit einzubeziehen hat (stakeholder-ansatz, corporate governance).
    auch ist man schon einige zeit auf den trichter gekommen, dass eben genau das nicht greifabre kapital wie prozesse und methoden, unternhemenskultur, beziehungen zu kunden und lieferanten, das in form von mitarbeitern eingebrachte knowhow, aber auch deren motivation und fähigkeiten eine tragenden, nein DIE tragenden rolle des unternehmenswerfolgs sind.

  3. Die LEICA CAMERA AG wäre Anfang des Jahrtausends auch beinahe an ihrem AG-Dasein zerbrochen. Derzeit ist sie einigermaßen stabil aufgestellt, da Dr. Andreas Kaufmann eine gute Hand bewiesen hat und so die Mitarbeiter halten konnte. Man könnte beinahe sagen, dass wir bei LEICA wieder die Verhältnisse eines personengeführten Unternehmens haben. Es freut mich für LEICA wieder in einem positiven Fahrwasser zu sein. Die Mitarbeiter bei LEICA sind Spitzenklasse. Das weiß ich aus eigener Erfahrung. Das ist ein herausragender Wert in einem Unternehmen! Da würde ich einmal darüber nachdenken, wenn ich an das Thema Leiharbeiter denke. Viele Manager vermuten, dass Mitarbeiter einfach so austauschbar sind. Doch da täuschen sich manche gewalltig!

    • pab1
    • 19.02.2011 um 22:45 Uhr

    ....ansonsten ist der Artikel - hmmhm - minderklassik.

    Wie so oft hier "retten" die Kommentare noch einiges.

    • matbhm
    • 19.02.2011 um 23:08 Uhr

    Schaeffler ist schon Mal ein schlechtes Beispiel. Die Idee der Schaefflerin war ausgezeichnet. Konzepte waren ja auch mit Banken abgesprochen. Was dazwischen kam, war allein die Finanzkrise, sonst wäre die Sache unproblematisch durchgelaufen! Märklin ist vorrangig nicht an einem Größenwahn und einer Verschwendungssucht der Firmeninhaber gescheitert, sondern daran, dass sie penetrant an der Handwerkerei festgehalten haben mit der Folge, dass eine kleine H0-Lok eben Mal 300,- € kostet. Wer verschenkt so etwas an Kinder? Tatsächlich war Märklin nur noch für die großen Kinder da, diejenigen, die als Kleine mit der Spielzeugeisenbahn groß geworden sind und diese Kindheitserinnerung oder Kindheitsträume in ihr Rentnerdasein hinübergerettet haben. Wenn ich aber die Kinder aus den Augen verliere, dann habe ich nachher auch keine großen Kinder mehr, die die Sachen kaufen. Eine Menge deutscher Firmen sind am Mittelständischen gescheitert. Dass Canon & Co. den Kameramarkt übernehmen konnten, lag daran, dass es riesige Technologiekonzerne sind, die in allen Bereichen tätig sind und daher ihr Produkte unter Ausnutzungs von Synergieeffekten entwickeln können. An den Lohnpreisen lag es nicht, denn als die deutsche Kameraindustrie ihren Niedergang erlebte, waren die Löhne in Japan nicht niedriger als in Deutschland. Die hauseigenen Entwicklungsabteilungen von Rollei & Co. waren einfach von den technischen Entwicklungen abgeschnitten!

    • matbhm
    • 19.02.2011 um 23:21 Uhr

    Und die Geschichte von Leica ist nicht zu Ende geschrieben. Genau genommen gilt für Leica immer noch: Technik von gestern zu völlig überteuerten Preisen. Dass Leica überlebt, dürfte vor allem daran liegen, dass es einfach Leute gibt, die fanatische Markenanhänger sind. Die Kameras sind in keinem Punkt führend, außer vielleicht im Gewicht. Leica-Kameras wiegen das x-fache dessen, was heute üblich ist. Die wenigen Kameras, die halbwegs zeitgemäß sind, sind Panasonic-Derivate. Aber es gibt eben die "Gläubigen", die meinen, ein Objektiv taugt nur etwas, wenn es im Metallgehäuse steckt und die Optik aus Glas ist. Leica hat sich faktisch aus dem Geschäft mit SLR-Kameras verabschiedet, wenn man nicht 18.000,- € für das S-System ausgeben will (das ist natürlich nur der Preis für den Body). Und jemand wie Grundig ist gescheitert, nicht weil er sich an der Firma bereichert hat, ganz im Gegenteil: Er hat niemanden entlassen wollen - das Ergebnis war, dass alle entlassen worden sind. Er scheiterte also an seinem sozialen Verständnis. Viele deutsche Firmen scheitern vor allem am Marketing: Telefunkten hatte fantastische technische Entwicklungen, konnte sie aber nicht am Markt platzieren. Es gibt zwischen dem angelsächsischen und dem deutschen Management ein grundlegend unterschiedliches Verständnis im Marketing: Bei jeder Idee eines Ingenieurs usw. fragt ein deutscher Manager: Gibt es dafür einen Markt? Ein angelsächsischer fragt: Können wir dafür einen Markt schaffen?

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    Was Sie da kritisieren ist ok, nur Verallgemeinern Sie auch wieder, als wenn die angelsächsischen Marketingleute die Weisheit gefressen hätten. Das sind doch Allgemeinplätze zu sagen, ob ein Markt vorhanden ist oder ob er gemacht werden muß. Wie geht das, einen Markt machen? Ich nenne das Bedarf wecken, wobei auch dies ein zweischneidiges Schwert ist. Geht , geht nicht!!! Wirtschaftlich erfolgreich sein, kann man einfach nicht in irgendeine Schablone stecken, dafür ist das Thema zu individuell. Meiner Meinung nach ist das beste Marketing : gesunder Menschenverstand und nicht irgendwelche Hirngespinste.

    Was Sie da kritisieren ist ok, nur Verallgemeinern Sie auch wieder, als wenn die angelsächsischen Marketingleute die Weisheit gefressen hätten. Das sind doch Allgemeinplätze zu sagen, ob ein Markt vorhanden ist oder ob er gemacht werden muß. Wie geht das, einen Markt machen? Ich nenne das Bedarf wecken, wobei auch dies ein zweischneidiges Schwert ist. Geht , geht nicht!!! Wirtschaftlich erfolgreich sein, kann man einfach nicht in irgendeine Schablone stecken, dafür ist das Thema zu individuell. Meiner Meinung nach ist das beste Marketing : gesunder Menschenverstand und nicht irgendwelche Hirngespinste.

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