Aus den Schaufenstern lächelt Maria Riesch seit einer Woche. Im Pelzgeschäft für die reifere Dame strahlt die Olympiasiegerin zwischen Nerz und Zobel. Die Kreissparkasse wirbt mit ihrem frischen Gesicht und verspricht: »Wir holen die Spiele nach Deutschland«. Lediglich das Modehaus in der Fußgängerzone leistet sich eine Extravaganz. Hier glänzt Marlies Schild. Sie ist auch Skirennläuferin, kommt aber aus Österreich.

Seit dem 7. Februar steht Garmisch-Partenkirchen im Zeichen der alpinen Skiweltmeisterschaften. Zwei Einheimische gehören zu den Favoriten: Felix Neureuther und Maria Riesch. Aber am vergangenen Sonntag war sich das Publikum nicht mehr sicher, ob es den Heldenbildern noch trauen kann. Ausgerechnet zum größten Sportereignis dieses Winters hat Maria Riesch die Grippe bekommen. Muss sie das Bett hüten, oder tritt sie bei der Abfahrt an? Falls ja: Reicht ihre Kraft für die berüchtigte Kandahar-Strecke?

Das Wetter meint es gut mit der Rekonvaleszentin. Als um 11 Uhr die erste Läuferin startet, fühlt sich der Winter wie Frühling an. Die Zuschauer tragen Sonnenbrillen, die Fanclubs aus Österreich und der Schweiz halten ihre Transparente in den blauen Himmel. Das Stadion am Ziel hat 11500 Plätze, aber es ist nur halb voll. Bei den teuren Sitzplätzen in der Mitte, von denen viele an VIPs vergeben sind, klaffen große Lücken. Die Veranstalter reagieren: Sie füllen die leeren Plätze mit Helfern. Die heißen bei einem internationalen Großereignis Volunteers. Als die Österreicherin Elisabeth Görgl mit der Startnummer 16 ins Rennen geht, sieht man statt der dunkelblauen Plastiksitze die hellblauen Jacken der Freiwilligen.

Bilder von mäßig gefüllten Tribünen sind nicht nur schlecht für Garmisch-Partenkirchen. Sie sind auch schlecht für München. Die Stadt bewirbt sich um die Olympischen Winterspiele 2018 . Wenn sie den Zuschlag bekommt, werden die Skirennen in Garmisch ausgetragen. Deshalb sollen die Weltmeisterschaften als großer Werbefilm dienen. Dieser soll die Botschaften des Bewerbungskomitees verbreiten. Eine lautet: In Bayern herrscht Begeisterung für den Wintersport.

Als Nächste geht Maria Riesch ins Rennen. Der Start liegt 1490 Meter hoch. Aber auch hier oben passt das Motto der Weltmeisterschaften nicht recht. Die Veranstalter versprechen »Festspiele im Schnee«, aber das Werdenfelser Land hat grüne Woche. Der Winter schwächelt. Das weiße Band, auf dem Maria Riesch jetzt ins Tal rast, verdankt sie der Technik. Garmisch-Partenkirchen verfügt über 95 Schneekanonen und 44 Kunstschneelanzen. Seit November haben sie Schnee produziert, nach einer Wärmeperiode im Januar gaben sie nochmals volles Rohr. Trotz Tauwetters ist die weiße Unterlage auf der Kandahar noch einen Meter dick. Der Wetterbericht gibt die Schneefallgrenze heute mit 1400 bis 1600 Metern an. Zum Glück sind kaum Wolken am Himmel. Im Ziel würde es regnen, es liegt nur 770 Meter hoch.

Axel Doering erinnert sich noch gut, wie er in den achtziger Jahren im Gemeinderat von Garmisch-Partenkirchen gegen die erste Schneekanone gekämpft hat. Er ist Mitglied der SPD, Kreisvorsitzender beim Bund Naturschutz und Sprecher des Netzwerks NOlympia. Seit 40 Jahren arbeitet Doering als Förster im Revier von Garmisch-Partenkirchen. Er schwärmt so sehr vom Bergmischwald und der hochalpinen Flora, dass er im Wettersteingebirge am liebsten das Mountainbiken verbieten würde. Aber richtig weh tun ihm die Bagger und Planierraupen, die für den Pistenbau am Berg gewühlt haben. Er holt einen Aktenordner und zeigt Bilder. Bevor der Kunstschnee gefallen ist, wurden ein Pistentunnel betoniert und ein Speicherteich gegraben. »Diese Wiesen haben schöner geblüht als ein botanischer Garten. Aber als sie die Kandahar verbreitert haben, sah das aus wie die Baustelle von einem Autobahnkreuz.«

Doering ist kein grüner Eiferer. Im Gemeinderat saß er nicht im Ausschuss für die Umwelt (»Der ist bloß ein Feigenblatt«), sondern in dem für den Tourismus. Aus unzähligen Sitzungen kennt er die Zahlen und Mechanismen der Kommunalpolitik. Die gigantischen Ausgaben für den Skisport hält er für Geldverschwendung ohne nachhaltigen Nutzen. Für die Weltmeisterschaften wurde die Kandahar spektakulärer gestaltet, der Pistenabschnitt »Freier Fall« hat ein Gefälle von 92 Prozent. Doering glaubt nicht, dass diese Attraktion der Gemeinde mehr Gäste bringt. Er lästert: »Wenn die Hausfrau in Wanne-Eickel etwas vom Freien Fall hört, lässt die doch sofort ihren Kochtopf stehen und sagt: Da muss ich hin.«