Diese Schulen sind ein starkes Stück. 35 Kinder drängen sich hier im Schnitt in einem Raum. Selbst nach zwei Jahren können viele Schüler noch nicht lesen. Die Lehrer der ersten acht Klassen verfügen in der Regel über keine wissenschaftlich anerkannte Ausbildung. Stattdessen folgt ihre Pädagogik den Ideen eines Mannes, der selbst kinderlos blieb, niemals länger vor einer Klasse stand, an die Wiedergeburt glaubte und predigte, ein Lehrer müsse die vorherigen Existenzen seiner Schüler ergründen. Eigentlich dürfte es kaum Eltern geben, die ihre Kinder auf eine solche Schule schicken. Eigentlich sollte man annehmen, dass ihre Schüler kaum etwas lernen. Eigentlich müsste jede Bildungsbehörde diesen Schulen von vornherein die Genehmigung versagen.

In diesem Fall ist alles etwas anders.

Im September 1919 gründete der Vortragsreisende Rudolf Steiner für die Arbeiterkinder der Stuttgarter Zigarrenfabrik Waldorf-Astoria eine Schule. Heute findet man Waldorfschulen in allen größeren deutschen Städten, jedes Jahr kommen neue hinzu. Zwar machen die "Waldis" im staatlich geprägten Schulwesen Deutschlands nur ein Prozent der Schülerschaft aus. Die Ausstrahlungskraft der Waldorfpädagogik reicht aber weit darüber hinaus. Denn sie spricht besonders bildungsbewusste Familien an, hierzulande wie auch international. Mehr als 1000 Schulen weltweit berufen sich auf Steiner. Seine Ideen gehören zu den bedeutenden Exportartikeln deutscher Bildung, neben jenen Wilhelm von Humboldts für die Universität und Friedrich Fröbels für den Kindergarten.

Jeden Morgen rufen die Schüler Gott und die Sonne an

Was steckt hinter der wohl erfolgreichsten pädagogischen Reforminitiative des 20. Jahrhunderts? Warum können nahezu alle Waldorfschulen weit mehr Anmeldungen zählen, als sie Plätze haben? Und das, obwohl die Eltern Schulgeld zahlen müssen und regelmäßig zum Putzdienst eingeteilt werden. Und wie viel von Steiners Weltbild steckt noch in den Schulen?

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Es ist halb acht, Berlin liegt noch im Morgengrau. An diesem Tag hat Maja Junge Dienst am Haupteingang der Freien Waldorfschule Kreuzberg und erwartet die Schulgemeinde. Erstklässler mit ihrer Mutter an der Seite, Aktentaschen tragende Kollegen, Jugendliche mit Stöpsel im Ohr: Hunderte ziehen an der jungen Lehrerin vorbei, jeden Einzelnen begrüßt sie mit einem Handschlag. Wenig später wiederholt die Lehrerin das Willkommensritual in ihrem eigenen Klassenraum, verbunden mit persönlichen Worten.

"Ich bin etwas Besonderes" und "Wir gehören zusammen", mit dieser doppelten Botschaft beginnen die Schüler ihren Tag. Fast eine halbe Stunde verwendet Maja Junge darauf, ihre Schüler in die Waldorfwelt zu entführen. "Ankommen" nennt die Lehrerin das. Eine Kerze verbreitet schummeriges Licht, wenn die Mädchen und Jungen der dritten Klasse Lieder singen, Gedichte rezitieren und, blockflötend ihrer Klassenlehrerin folgend, durch die Tischreihen ziehen. Wie die Zwerge hinter Schneewittchen her. Am Ende der Choreografie rufen die Kinder Gott und die Sonne an, so wie es Rudolf Steiner im täglichen Morgenspruch vorgesehen hat.

Erst dann lässt Maja Junge die Vorhänge zurückziehen, und der eigentliche Unterricht beginnt. Grammatik steht an diesem Vormittag auf dem Lehrplan, so wie gestern und so wie morgen. Drei bis vier Wochen am Stück beschäftigt sich die Klasse mit einem Thema, Epoche genannt. Bücher gibt es keine, ebenso wenig die anderswo obligaten Aufgabenkopien. Die Kinder erarbeiten sich den Stoff selbst, mit dem ganzen Körper. Satzzeichen werden gesungen, Zahlen getanzt, Buchstaben herumgetragen und in Schönschrift im Epochenheft notiert. Natürlich nur mit Wachsmalstiften, die jedes Kind in einem selbst genähten Täschchen verwahrt.

Die Waldorfwelt ist freundlich, weich und geordnet. In ihr hausen – noch lange nach der ersten Klasse – Feen, gute Hexen und biblische Propheten. Sie meidet grelle Farben und harte Winkel, kennt weder Zensuren noch Sitzenbleiben. Kein Schüler muss die Schule verlassen, weil er Leistungsansprüche verfehlt. Bis zuletzt bleibt die Klassengemeinschaft zusammen.