Wie auch immer sich die Affäre um die Doktorarbeit von Karl-Theodor zu Guttenberg noch entwickeln wird: Es gibt dabei nur Verlierer und Enttäuschte, auch nachdem der Bundesverteidigungsminister seinen akademischen Titel zurückgegeben hat . Es geht beileibe nicht nur um das Ausmaß des Plagiats oder um die Art und Weise, wie sich Guttenberg seit Bekanntwerden der Vorwürfe aus der Affäre zu ziehen versucht. Es geht um den Mann, der eine Hoffnung für die politische Klasse ist. Es geht um die offenbar immer weiter wachsende Kluft zwischen ihr und den anderen Bürgern in Deutschland. Gerade ist das Echo auf die Bürgerschaftswahl in Hamburg verhallt, die einen Machtwechsel mit sich brachte. Alles ist in der Öffentlichkeit erörtert worden, nur eines merkwürdigerweise nicht: die bestürzend niedrige Wahlbeteiligung von 57 Prozent. Zu fade erschienen den Bürgern offenbar die Kandidaten und ein Wahlkampf, in dem es zwischen CDU und SPD inhaltlich kaum mehr Unterschiede gab.

Ausstrahlung, Beliebtheit, Wirkung – von alldem hat Karl-Theodor zu Guttenberg im Übermaß. In den großen Volksparteien ist er seit Jahren der Einzige, der es schafft, einen Teil der latent desinteressierten oder abgewandten Bürger wieder für einen Politiker und die Politik zu begeistern . Er hat, jedenfalls bis zur Veröffentlichung der ersten Vorwürfe, die schnellste und erfolgreichste politische Karriere seit Gründung der Bundesrepublik gemacht. All das verschafft ihm nicht nur eine unheimliche mediale Resonanz – es macht ihn auch zu einer Projektionsfigur: Es gibt die vielen, die ihn nahezu bedingungslos verehren, und einige, die ihn umso härter kritisieren. Beides wirkt gleichermaßen übersteigert und wird auch Guttenberg selbst nicht gerecht. Vor allem verschleiert es jetzt den Blick darauf, was die Affäre um seine Dissertation wirklich bedeutet. Darf einer mit dieser Geschichte am Hals einfach weitermachen?

Wenn eine Doktorarbeit tatsächlich der Maßstab zur Beurteilung der Befähigung eines Politikers sein sollte, dann hätte Karl-Theodor zu Guttenberg schlechte Karten. Denn auch ohne Prüfung der Plagiatsvorwürfe durch die Universität in Bayreuth – die Fülle der ohne Quellenangabe verwendeten Texte ist erdrückend; seit Sonntagabend ist bekannt, dass auch ein ZEIT- Artikel aus dem Jahr 2000 dazugehört, er trägt den Doktoranden über immerhin fünf Seiten. So offensichtlich die Fehlleistung, so unverständlich die Reaktionen Guttenbergs: Erst nannte er die Plagiatsvorwürfe abstrus, dann ließ er seinen Sprecher sowie den Regierungssprecher vor der versammelten Bundespressekonferenz wie uninformierte Dummerjane aussehen, während er vor ausgesuchten Journalisten im Ministerium eine abwiegelnde Erklärung abgab. Zuletzt erklärte er, er habe am Wochenende noch einmal seine Arbeit gelesen und »gravierende Fehler« entdeckt. Wie das? Erst da – und nicht ein Mal zuvor in den sechs bis sieben Jahren, in denen er an der Dissertation gearbeitet haben will?

Aber auch die Resonanz auf die Vorwürfe gegen zu Guttenberg hat etwas Verstörendes: Der Großteil der Bürger , dem die deutschen Promotionsordnungen ohnehin schnurzpiepegal sind, hat den Eindruck gewonnen, hier werde ein besonders populärer Mann von Medien und Politikern wie auf einer Treibjagd gehetzt, weil ihm anders nicht beizukommen sei. Daran ist zumindest richtig, dass die Heftigkeit der Attacken in einigen Medien etwas Jakobinisches hat, und zwar besonders dann, wenn die Beschreibung der Fehlleistung mit seinem Adelstitel in Verbindung gebracht wird, als sei sie die zwingende Folge von Standesdünkel (»Schutzwall für den Herrn Baron«), ganz abgesehen davon, dass es in diesen Tagen weiß Gott dramatischere Nachrichten gibt. Dazu kommt aus der Opposition und aus dem Kreis seiner Koalitionskollegen (die das natürlich nur in Hintergrundgesprächen zeigen) eine Häme, die sich nur aus der Schadenfreude erklären lässt, dass aus einem beneideten Adler endlich ein Suppenhuhn zu werden verspricht.

Die Rigorosität, mit der auf Fehlleistungen von Politikern geschaut wird, ist nicht frei von Willkür, sie hat sich über die Jahre auch erheblich verändert. In der von vielen als gute alte Zeit verklärten Bundesrepublik gab es in Politik und Wirtschaft viel mehr Steuerhinterziehung, Korruption und illegale Spenden als heute. In jüngerer Zeit musste mal eine Landesvorsitzende der FDP zurücktreten, weil sie Friseurrechnungen über die Partei abrechnete, mal ein innenpolitischer Sprecher der Grünen seinen (vorübergehenden) Rückzug aus der Bundespolitik erklären, weil er auf Dienstreisen erworbene Bonusmeilen privat verflogen hatte. Guttenberg muss nun damit leben, dass ausgerechnet er, der das Volk in Zustimmung zu einigen schien, jetzt die Öffentlichkeit spaltet und manche ihn für einen Gernegroß halten. Mit seiner Befähigung als Minister hat die Dissertation aber nichts zu tun. Die Aussicht jedoch, dass jeder, der ein politisches Amt bekleiden soll, auch sein Vorleben auf jeden Makel durchleuchten lassen muss, ist nicht nur abschreckend, sie ist weltfremd.

Karl-Theodor zu Guttenberg ist seinen Doktor jur. los. Das ist angemessen. Sein Amt soll er behalten. Und sich darin künftig allein an seiner Leistung messen lassen.

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