Ein überflutetes Gebäude nahe der Hafenstadt Liepāja in Lettland © Geert Goiris

Alles begann mit kleinen Signalen, Zeichen, die sich zu verdichten schienen. Da war der Nordic-Walking-Partner eines Verwandten. Er gestand auf einer ihrer abendlichen Touren durch den Vorort, dass er im Supermarkt, wann immer seine Frau nicht dabei sei, einige Konservendosen zusätzlich in den Wagen lege. Er habe Angst, dass ein zweiter Finanzcrash kommen werde, der so schlimm sei, dass die Supermärkte leer wären – und dass seine Frau ihn auslachen würde, wenn sie von seiner Angst erführe. Die Ware lagere er im Keller unter der Werkbank.

Kurz darauf wurde in einer Fernsehsendung der Vorsitzende einer Schrebergartenkolonie bei München interviewt. Er sagte, dass sein Verein Auswahlverfahren habe einführen müssen. Die Kandidaten seien Schwabinger Yuppies, also Menschen, für die das Wort »Parzelle« vor Kurzem noch ein Synonym für Spießerhölle war.

In Berlin kannte jemand eine Gruppe Cutter und Programmierer, Mitarbeiter eines Fernsehsenders, die einen ganzen Weiler in Brandenburg instand gesetzt hatten – als Wochenenddomizil, aber auch als Ort, an dem man im Notfall autark wäre. Einen Dieselgenerator hätten sie bereits angeschafft und einen Sicherheitsmann beim Sender (halb im Scherz) gefragt, ob er sie verteidigen würde.

Und dann gab es noch eine Osteopathin bei Nürnberg, die von einer Patientin wusste, einer sehr wohlhabenden Patientin, die ihre Garage mit Lebensmitteln vollgestellt habe. Die Reichen, sagte sie, seien ja bekanntermaßen immer besser informiert.

Eine Rundmail an Menschen in der Finanzwelt, mit der Frage, ob sie panische Banker kennen . Nach Tagen kam eine Rückmeldung, Betreffzeile: »Staatsbankrott«. »Um es gleich vorwegzunehmen«, stand da, »die meisten Leute in meinem direkten Umfeld haben den Glauben an Deutschland/Europa/eine bessere Zukunft verloren. Sie können sich nicht vorstellen, wie viele Banker in London sich Ackerland, Gold und Hard Assets zulegen und gleichzeitig hoffen, dass die jetzige Form der Geldvermehrung noch lange anhält. Doch jeder ist sich bewusst, dass wir in einer gekauften Zeit leben.« Er sei 35 Jahre alt, schrieb der Verfasser, und seit fünf Jahren in London im Investmentbanking tätig. »Vor vier Monaten habe ich mich mit Partnern selbstständig gemacht, in der Schweiz, nicht in D. – aus regulatorischen Gründen. Um auf Ihre Frage Bezug zu nehmen: Das Essen wurde bestellt und serviert, die Rechnung steht noch aus. Mit dieser Denkweise wissen wir, dass einiges an Turbulenzen auf uns zukommen wird.«

Dann war er weg. Aber der Gedanke blieb: dass es da draußen Menschen gibt, sogar Finanzmenschen, die sich auf ein Leben im ökonomischen Jenseits vorbereiten. Doch sobald man sich ihnen näherte, verschwanden sie wieder. Und wenn einer redete, drängte sich die Frage auf, ob seine Angst nicht am Ende mehr über ihn erzählte als über die Welt da draußen – waren diese Menschen vielleicht einfach verrückt? Man liest nichts über sie, das Thema ist abseitig und passt nicht zu den Meldungen von der höchsten Wachstumsrate seit der Wiedervereinigung, den niedrigsten Arbeitslosenzahlen seit 1992. Trotzdem: Es gibt diese Ängste, laut Umfragen fürchten sich die Deutschen in diesen Tagen vor nichts mehr als vor einer »galoppierenden Staatsverschuldung« . Aber nur Blogs und ein gewisser Kopp-Verlag aus Rottenburg bei Tübingen (bei dem auch Ufologen publizieren) nehmen sich ihrer an. Und so kommt es, dass Kopp im letzten Jahr mit Titeln wie Der Staatsbankrott kommt, Die letzten Jahre des Euro und Finanzcrash: die umfassende Krisenvorsorge auf der Bestsellerliste beziehungsweise unter den Wirtschafts-Spitzentiteln landete. Eigentlich irre: Autoren aus der Provinz, Autodidakten die meisten von ihnen, schreiben Bücher über das Leben in einem Bankrottstaat, und die Leute reißen sie ihnen aus der Hand.

Auf der Schwäbischen Alb hat einer von ihnen seinen großen Auftritt. Kahl rasiert wie ein Einzelkämpfer, mit der breiten Brust eines Mannes, der sein Hab und Gut auch persönlich verteidigen könnte, steht Michael Grandt vor siebzig Zuhörern in einer Buchhandlung in Balingen. Sie alle sehen rührend normal aus, Rentnerinnen, Ehepaare mittleren Alters in Trekkingjacken, keine wild umherblickenden Una-Bomber-Typen. »Die Sozialversicherungssysteme stehen vor dem Kollaps«, ruft Grandt, »die Renten werden drastisch sinken! Lebensversicherungen könnten bald nichts mehr wert sein. Die versteckten Schulden sind viel höher als offiziell angegeben – weil künftige Verbindlichkeiten nicht mitgerechnet werden. Statt 1,7 Billionen sind es sieben Billionen.«

Er sagt Oufschwung, Gehürnwäsche, Süschtem, das gibt ihm etwas Geerdetes, Vertrauenerweckendes. So als würden ihm die Leute schon deshalb die extremsten Dinge abnehmen, weil er redet wie sie. Früher war der 47-Jährige Vertriebsleiter in einem mittelständischen Unternehmen, dann gab er seinem Drang, Gegebenheiten infrage zu stellen, nach und wurde freier, investigativer Journalist. Zuerst nahm er es mit der Schwarzwälder Weltuntergangssekte Fiat Lux auf. Für sein Buch über Konzentrationslager auf der Schwäbischen Alb bekam er Ärger mit den Nachfahren örtlicher Nazis und die Verdienstmedaille des Landes. Sein Schwarzbuch Anthroposophie erregte erstmals überregionale Aufmerksamkeit, mit dem Staatsbankrott, der im März 2010 erschien, landete er schließlich auf Platz sieben der Spiegel- Bestsellerliste. Seine These: Die Schulden der Industrienationen sind so hoch, dass sie bei der geringsten Störung außer Kontrolle geraten könnten, etwa wenn Staatsanleihen keine Käufer mehr finden. Dann bestehe die Gefahr eines Bankrotts, womöglich über Nacht, vor dem sich die Länder durch eine Inflation mit anschließender Währungsreform retten würden. Es sind Überlegungen, wie sie seit einiger Zeit auch in den Wirtschaftsteilen der Zeitungen vorkommen; was Grandt von den Kommentatoren unterscheidet, ist sein Fatalismus. Und die Erzählperspektive. »Staatsbankrotte hat es in der Geschichte oft gegeben«, ruft er an diesem Abend in Balingen. »Aber die Erfahrung zeigt: Keiner nahm dabei Rücksicht auf den kleinen Mann!«