EndzeitstimmungRette sich, wer kann!

Weitgehend unbemerkt von der Öffentlichkeit, bereiten sich Menschen auf den nächsten, vielleicht endgültigen Finanzcrash vor: Sie legen Gärten an, horten Konserven und kaufen Bücher über Selbstversorgung. Alles Spinner und Verrückte? von 

Ein überflutetes Gebäude nahe der Hafenstadt Liepāja in Lettland

Ein überflutetes Gebäude nahe der Hafenstadt Liepāja in Lettland  |  © Geert Goiris

Alles begann mit kleinen Signalen, Zeichen, die sich zu verdichten schienen. Da war der Nordic-Walking-Partner eines Verwandten. Er gestand auf einer ihrer abendlichen Touren durch den Vorort, dass er im Supermarkt, wann immer seine Frau nicht dabei sei, einige Konservendosen zusätzlich in den Wagen lege. Er habe Angst, dass ein zweiter Finanzcrash kommen werde, der so schlimm sei, dass die Supermärkte leer wären – und dass seine Frau ihn auslachen würde, wenn sie von seiner Angst erführe. Die Ware lagere er im Keller unter der Werkbank.

Kurz darauf wurde in einer Fernsehsendung der Vorsitzende einer Schrebergartenkolonie bei München interviewt. Er sagte, dass sein Verein Auswahlverfahren habe einführen müssen. Die Kandidaten seien Schwabinger Yuppies, also Menschen, für die das Wort »Parzelle« vor Kurzem noch ein Synonym für Spießerhölle war.

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In Berlin kannte jemand eine Gruppe Cutter und Programmierer, Mitarbeiter eines Fernsehsenders, die einen ganzen Weiler in Brandenburg instand gesetzt hatten – als Wochenenddomizil, aber auch als Ort, an dem man im Notfall autark wäre. Einen Dieselgenerator hätten sie bereits angeschafft und einen Sicherheitsmann beim Sender (halb im Scherz) gefragt, ob er sie verteidigen würde.

Und dann gab es noch eine Osteopathin bei Nürnberg, die von einer Patientin wusste, einer sehr wohlhabenden Patientin, die ihre Garage mit Lebensmitteln vollgestellt habe. Die Reichen, sagte sie, seien ja bekanntermaßen immer besser informiert.

Eine Rundmail an Menschen in der Finanzwelt, mit der Frage, ob sie panische Banker kennen . Nach Tagen kam eine Rückmeldung, Betreffzeile: »Staatsbankrott«. »Um es gleich vorwegzunehmen«, stand da, »die meisten Leute in meinem direkten Umfeld haben den Glauben an Deutschland/Europa/eine bessere Zukunft verloren. Sie können sich nicht vorstellen, wie viele Banker in London sich Ackerland, Gold und Hard Assets zulegen und gleichzeitig hoffen, dass die jetzige Form der Geldvermehrung noch lange anhält. Doch jeder ist sich bewusst, dass wir in einer gekauften Zeit leben.« Er sei 35 Jahre alt, schrieb der Verfasser, und seit fünf Jahren in London im Investmentbanking tätig. »Vor vier Monaten habe ich mich mit Partnern selbstständig gemacht, in der Schweiz, nicht in D. – aus regulatorischen Gründen. Um auf Ihre Frage Bezug zu nehmen: Das Essen wurde bestellt und serviert, die Rechnung steht noch aus. Mit dieser Denkweise wissen wir, dass einiges an Turbulenzen auf uns zukommen wird.«

Dann war er weg. Aber der Gedanke blieb: dass es da draußen Menschen gibt, sogar Finanzmenschen, die sich auf ein Leben im ökonomischen Jenseits vorbereiten. Doch sobald man sich ihnen näherte, verschwanden sie wieder. Und wenn einer redete, drängte sich die Frage auf, ob seine Angst nicht am Ende mehr über ihn erzählte als über die Welt da draußen – waren diese Menschen vielleicht einfach verrückt? Man liest nichts über sie, das Thema ist abseitig und passt nicht zu den Meldungen von der höchsten Wachstumsrate seit der Wiedervereinigung, den niedrigsten Arbeitslosenzahlen seit 1992. Trotzdem: Es gibt diese Ängste, laut Umfragen fürchten sich die Deutschen in diesen Tagen vor nichts mehr als vor einer »galoppierenden Staatsverschuldung« . Aber nur Blogs und ein gewisser Kopp-Verlag aus Rottenburg bei Tübingen (bei dem auch Ufologen publizieren) nehmen sich ihrer an. Und so kommt es, dass Kopp im letzten Jahr mit Titeln wie Der Staatsbankrott kommt, Die letzten Jahre des Euro und Finanzcrash: die umfassende Krisenvorsorge auf der Bestsellerliste beziehungsweise unter den Wirtschafts-Spitzentiteln landete. Eigentlich irre: Autoren aus der Provinz, Autodidakten die meisten von ihnen, schreiben Bücher über das Leben in einem Bankrottstaat, und die Leute reißen sie ihnen aus der Hand.

Auf der Schwäbischen Alb hat einer von ihnen seinen großen Auftritt. Kahl rasiert wie ein Einzelkämpfer, mit der breiten Brust eines Mannes, der sein Hab und Gut auch persönlich verteidigen könnte, steht Michael Grandt vor siebzig Zuhörern in einer Buchhandlung in Balingen. Sie alle sehen rührend normal aus, Rentnerinnen, Ehepaare mittleren Alters in Trekkingjacken, keine wild umherblickenden Una-Bomber-Typen. »Die Sozialversicherungssysteme stehen vor dem Kollaps«, ruft Grandt, »die Renten werden drastisch sinken! Lebensversicherungen könnten bald nichts mehr wert sein. Die versteckten Schulden sind viel höher als offiziell angegeben – weil künftige Verbindlichkeiten nicht mitgerechnet werden. Statt 1,7 Billionen sind es sieben Billionen.«

Er sagt Oufschwung, Gehürnwäsche, Süschtem, das gibt ihm etwas Geerdetes, Vertrauenerweckendes. So als würden ihm die Leute schon deshalb die extremsten Dinge abnehmen, weil er redet wie sie. Früher war der 47-Jährige Vertriebsleiter in einem mittelständischen Unternehmen, dann gab er seinem Drang, Gegebenheiten infrage zu stellen, nach und wurde freier, investigativer Journalist. Zuerst nahm er es mit der Schwarzwälder Weltuntergangssekte Fiat Lux auf. Für sein Buch über Konzentrationslager auf der Schwäbischen Alb bekam er Ärger mit den Nachfahren örtlicher Nazis und die Verdienstmedaille des Landes. Sein Schwarzbuch Anthroposophie erregte erstmals überregionale Aufmerksamkeit, mit dem Staatsbankrott, der im März 2010 erschien, landete er schließlich auf Platz sieben der Spiegel- Bestsellerliste. Seine These: Die Schulden der Industrienationen sind so hoch, dass sie bei der geringsten Störung außer Kontrolle geraten könnten, etwa wenn Staatsanleihen keine Käufer mehr finden. Dann bestehe die Gefahr eines Bankrotts, womöglich über Nacht, vor dem sich die Länder durch eine Inflation mit anschließender Währungsreform retten würden. Es sind Überlegungen, wie sie seit einiger Zeit auch in den Wirtschaftsteilen der Zeitungen vorkommen; was Grandt von den Kommentatoren unterscheidet, ist sein Fatalismus. Und die Erzählperspektive. »Staatsbankrotte hat es in der Geschichte oft gegeben«, ruft er an diesem Abend in Balingen. »Aber die Erfahrung zeigt: Keiner nahm dabei Rücksicht auf den kleinen Mann!«

Bankenschließungen. Verbot von Bargeldabhebungen. Sozialleistungskürzungen. Zwangsanleihen. Goldverbot. Währungsreform. Lastenausgleich für Immobilienbesitzer. Das ist die »Horrorliste«, die er aus den Bankrotten der Vergangenheit, von Preußen bis Argentinien, extrapoliert hat. »Ein Tipp zum Schluss«, ruft er über die Schar in Trekkingjacken hinweg: »Verlassen Sie sich nie auf das, was Ihnen Regierung und staatliche Institutionen versprechen. Verlassen Sie sich allein auf sich selbst und Ihren gesunden Menschenverstand!«

Michael Grandt, Autor und Vertriebsleiter aus Balingen, schrieb den Bestseller "Der Staatsbankrott kommt"

Michael Grandt, Autor und Vertriebsleiter aus Balingen, schrieb den Bestseller "Der Staatsbankrott kommt"  |  © Gerald von Foris

Den kennt Grandt. In den Jahren vor seinem großen Wurf hat er sich – zu Recherchezwecken – zum Finanzberater ausbilden lassen und Hunderte von Kundengesprächen geführt. Sein 384-Seiten-Werk hat er in seiner Dachwohnung in einem Vorort von Balingen verfasst, mit Blick auf Einfamilienhäuser. Seine Frau ist Fitnesstrainerin. Ihren letzten Urlaub haben sie auf einem Kreuzfahrtschiff verbracht. Als das Buch herauskam, waren sie gerade in Florida an Bord gestiegen. Als sie wieder an Land gingen, waren 30.000 Exemplare verkauft. »Die Leute haben kein Vertrauen mehr in die Machteliten und die Experten, die diese Machteliten am Leben erhalten«, sagt Grandt, der schon lange eine Kluft sieht zwischen Elite und Volk, Hauptstadt und Vororten. Diese Kluft ist seine Marktlücke. Und sie ist riesig. Selbst ein Jahr nach Erscheinen lag er noch immer auf Platz drei der Wirtschaftsbestsellerliste, vor Nouriel Roubini und den Nobelpreisträgern Muhammad Yunus und Joseph Stiglitz. 80.000 Exemplare hat er bisher verkauft und keine einzige Rezension einer überregionalen Zeitung bekommen. (Bei manchen hochgelobten Romanen ist das Verhältnis beinahe umgekehrt.) Die Fortsetzung ist bereits erschienen. Sie heißt: Handbuch der Selbstversorgung .

Grandt hat das neue Buch mit seiner Frau Marion geschrieben, die sich als Bauerntochter und Hobbygärtnerin mit dem Thema auskennt. (»Und die Erda isch a Scheibe«, war die ungläubige Reaktion, als ihr Mann eines Abends von einer Besprechung im Verlag zurückkam und sie fragte, ob sie sich vorstellen könne, Autorin zu werden. »Ich mein, ich hab seit der zweiten Klasse geschrieben, aber nix Längeres.«) Nachdem das Buch herauskam, stand es wochenlang unter den Top 100 aller Bücher aller Genres bei Amazon.

Die Zielgruppe kann man an einem Sommerabend in freier Wildbahn beobachten. Zwanzig Leute spazieren über die Wiesen hinter dem Sportheim des SV Planegg, am grünen Rand Münchens. Unter einem Baum bleiben sie stehen. Einige reißen jetzt Blätter ab und führen diese zu den Lippen. Ein schwerer Mann im Lacostehemd steigt einen verwilderten Abhang hinunter. Er zerrt am Gestrüpp und reicht Büschel nach oben, bevor er sich wieder auf den Feldweg ziehen lässt. Er hat eine ziemliche Wampe. Noch.

Dann werden Brennnesselblätter herumgereicht. Die Ausflügler rollen sie zwischen den Vorderzähnen, mit dem nach innen gewandten Blick von Teilnehmern einer Spezialitätenverkostung. Wie Menschen, die auf das Eintreffen eines unbekannten Geschmacksreizes warten.

»Hat was.«

»Besser als die Löwenzahn.«

Ein Paar auf Abendspaziergang dreht kurz die Köpfe. Dann gehen die beiden weiter. Der Mann legt beschützend den Arm um ihre Schultern.

Es ist der »Krisenstammtisch«, der sich an diesem Abend ins Grüne begeben hat. Gegründet wurde er von Gerhard Spannbauer, auch er Autor des Kopp-Verlages und außerdem Betreiber einer Krisen-Website. An diesem Abend geht es um »Ernährung aus der Natur«. Eine Diplomgeografin aus München wird einen Vortrag dazu halten. Ein Zeitsoldat ist gekommen, der sagt, er habe schon immer gewusst, dass man sich am besten nur auf sich selbst verlasse. Eine Heilpraktikerin, die gerade ihren Mann verloren hat. Sie hat ihre Mutter mitgebracht, die sich an eine Zeit erinnern kann, als sie sich von Steckrüben ernähren musste. Ein junger Versicherungsmakler in Hornbrille und Hemd, der sagt, er könne es schon lange nicht mehr mit seinem Gewissen vereinbaren, Lebensversicherungen zu verkaufen (weil die Währung, in der sie ausgezahlt würden, eines Tages wertlos sei).

Einer, der bei einem Telefonunternehmen arbeitet und glaubt, dass die Just-in-Time-Nahrungsketten schnell zusammenbrechen könnten, dazu brauche es nicht mal eine Währungskrise . Schon die Aschewolke habe ausgereicht, um die fein abgestimmte Logistik aus dem Takt zu bringen. Der wohlgenährte Mann im Poloshirt fängt unvermittelt an, über eine Verschwörung 200 mächtiger Leute zu sprechen, die eine Währungsreform planten, mit der die Staaten sich auf Kosten der Bürger entschuldeten. Danach werde eine Weltwährung namens »Globo« eingeführt. Auch die Mutter der Heilpraktikerin hat schon davon gelesen, im Internet. Sie hat sich, wie viele hier, längst von »den Mainstream-Medien« verabschiedet und bezieht ihre Meinungen aus Blogs wie Hartgeld.com oder Schallundrauch, deren Autoren nicht nur den nächsten Crash fürchten, sondern auch glauben, dass eine Elite aus Politikern, Bankern und Meinungsführern die Welt wissentlich in den Abgrund rasen lasse.

Wie beruhigend, wenn man sich in so einer Welt zumindest auf sich selbst verlassen kann . »Das Tolle ist auch«, sagt Katja Sala, die Referentin, später im Vereinsheim, »wenn der Strom ausfällt: Ich kann die Wildkräuter halt auch so essen. Ohne dass es mir schadet.« Wildpflanzen seien voller Vitamine, sie schmeckten toll zu Äpfeln: »Irgendwann hab ich festgestellt, dass man fast alles da draußen essen kann. Und dass man davon auch satt wird. Da hab ich gemerkt: Boah, das ist ja ’ne ideale Krisenvorsorge!«

Sekunde. Kann es wirklich sein, dass diese Bewohner des Münchner Speckgürtels glauben, dass sie bald durch die oberbayerische Landschaft streifen werden auf der Suche nach Essbarem? »Ich versteh zu wenig von wirtschaftlichen Zusammenhängen, als dass ich mir tatsächlich eine Meinung bilden könnte«, sagt Katja Sala, die zum ersten Mal vor zwei Jahren in der Ökomarkt-Zeitschrift Schrot und Korn von Spannbauers Buch las. »Eine Woche heißt es, es gibt ein neues Wirtschaftswunder, dann stehen wieder drei Länder vor dem Bankrott.«

Katja Sala aus München sucht im Wald nach essbaren Wildkräutern

Katja Sala aus München sucht im Wald nach essbaren Wildkräutern  |  © Gerald von Foris

Ein halbes Jahr nach dem Zusammenbruch von Lehman gab es am Institut für Volkswirtschaftslehre an der Universität Köln Streit. Emeritierte Professoren, einige schon hochbetagt, protestierten gegen die Neubesetzung der alten Lehrstühle für Ordo-Ökonomie mit mathematisch orientierten Makroökonomen. Die Ordo-Ökonomie ist der Teil der Volkswirtschaftslehre, der sich mit dem Ordnungsrahmen beschäftigt, den die Politik dem Markt setzt, eine Richtung, die in den letzten Jahrzehnten als Lehre aus den Universitäten verschwunden ist. Wer Karriere machen wollte, erstellte Rechenmodelle, die auf der Annahme basierten, dass der Markt sich selbst reguliere. »Die neuen Ökonomen interessiert Wirtschaftspolitik nicht mehr«, sagt der Wirtschaftsprofessor Max Otte, der 2007 mit Der Crash kommt die Mutter aller Finanzkrisen-Bücher schrieb. »Die forschten nur noch an Makrofragen. Eine ganze Denkweise, die politische Ökonomie, ist verschwunden! Und wenn dann plötzlich so viele Diskrepanzen auftauchen, zwischen der Wahrnehmung der Leute und den offiziellen Erklärungen, und wenn Eliten und Professoren sie alleinelassen, dann fangen die Leute an, die Dinge fundamental infrage zu stellen. Und anderswo nach Erklärungen zu suchen.« Bei den Autoren des Kopp-Verlags zum Beispiel. Wobei Max Otte die Thesen von Grandt und Spannbauer weder dumm noch absurd findet. Er glaubt nur, dass sie sich ihrer Sache zu sicher sind.

Otte, 45, ist Insider und Systemkritiker zugleich. Er hat in Princeton studiert, bei Ben Bernanke, dem Präsidenten der amerikanischen Notenbank . Aber er hat auch zu Zeiten vor einem Finanzcrash gewarnt, als eine solche Prognose unter Wirtschaftsexperten noch wie irre wirkte. »Keiner in einer verantwortlichen Position erklärt den Leuten: Wir stehen in einem tiefen Systembruch. Weil fast alle von diesem System korrumpiert worden sind. Autoren, die sich da reingearbeitet haben, wie Grandt oder Spannbauer, die nehmen die Systemkrise noch wahr, und die anderen, die sich als Ökonomen ruhig mal damit beschäftigen könnten, sehen sie erst gar nicht.«

Der Professor steht in der Küche eines ehemaligen Pfarrhauses in der Eifel, das er sich gerade gekauft hat. Er zupft Salat. Die Tomaten stammen aus dem eigenen Garten. Sie schmecken gut. Mehr soll man nicht über sie sagen. Oder über das Feuer, das an diesem kühlen Sommerabend draußen im Flur knistert. Die Bedingung für einen Hausbesuch war, dass man aus dem Landhaus nicht ableite, dass Otte sich bereits auf den Tag X vorbereite. Der Rückzug in die Eifel sei vor allem eine »Lifestyle-Entscheidung« gewesen, wie sie im Moment von vielen Leuten getroffen werde, aus Gründen, die auch mit einem zunehmenden Unwohlsein angesichts des Wachstumszwangs im Kapitalismus und der Spirale aus Konsum und Überarbeitung zu tun hätten. In Amerika hat sich aus diesen Gründen eine 140.000 Menschen starke Bewegung namens »The New American Dream« formiert. »Sicher auch mit dem Hintergedanken, dass da andere Zeiten kommen könnten«, sagt Otte.

»Es muss ja kein Bankrott sein«, sagt er. »Eher wird das Geldvermögen weginflationiert, oder es wird durch falsche Produkte und den falschen Rat der Banken geschmälert und angegriffen. Eine Inflation von fünf, sechs Prozent über sieben Jahre würde das Schuldenproblem schon verringern.«

Und der kleine Mann? Bessert seine schmale Rente mit Löwenzahn auf?

»Es muss schon sehr knüppeldick kommen, dass wir nichts mehr zu essen haben. Aber ich habe auch nichts gegen Schrebergärtnern oder gegen gewisse Lebensmittelgeschichten im Keller. Denn natürlich«, sagt Otte, und seine Stimme wird ein wenig tiefer, »denkbar ist alles.« China könnte sich mit den USA in die Wolle kriegen, ein großer Machtwechsel stehe an, von der Art, wie er in der Geschichte immer von Gewalt begleitet gewesen sei. Und natürlich hält auch Max Otte die Schuldenquote des Westens für besorgniserregend hoch. Deshalb investiere er selbst außer in Aktien seit Jahren in Wald, Ackerland, Gold. Und sei es nur, weil sich Katastrophenszenarien so leichter vergessen ließen. Die Wahrscheinlichkeit, dass es tatsächlich zu Versorgungsengpässen und vielleicht sogar zu Krieg kommt, sieht Otte übrigens bei »zwanzig Prozent«.

Und die Banker? Die, die es wissen müssten? Otte weiß vom Direktor einer Landesbank, der über den Kauf eines Jagdhauses nachdenkt, und von einem Fondsmanager, der den größten Teil seines Vermögens in Form von Goldbarren unter dem Frankfurter Bahnhof lagert (seinen Kunden verkauft er nach wie vor Aktien). Aber sobald man sich nähert, sind diese Leute scheu wie Rehe bei Mondschein. Keiner ruft zurück, keiner will sich als Jünger der Apokalypse outen. Oder sind all diese Geschichten einfach nur Gerüchte, die einer abseitigen Idee mehr Gewicht verleihen sollen?

Karlheinz Kögel liefert Notrationen an Armeen, Behörden und, neuerdings, auch Banker

Karlheinz Kögel liefert Notrationen an Armeen, Behörden und, neuerdings, auch Banker  |  © Gerald von Foris

In den Bergen, in Tirol, gibt es einen Mann, der behauptet, dass er seit drei Jahren Rettungspakete für Banker schnüre. Echte Rettungspakete, mit Milchpulver, Getreideriegeln und Chili con Carne mit dem Haltbarkeitsdatum 2026. Es ist Herbst, und die »Mainstream-Presse« schreibt vom Wirtschaftsaufschwung, als der größte zivile Anbieter von Notfallnahrung in Europa schon wieder Sonderschichten schieben muss. In einem abschüssigen Garten vor einem Tiroler Bauernhaus, hoch über der Kleinstadt Wörgl, umzingelt von Bergspitzen, steht der Firmenchef, ein etwas atemloser, weil dauergestresster Mann namens Karlheinz Kögel. Seit 25 Jahren beliefert er Armeen, Katastrophenschutzbehörden, Sekten, katholische Mystiker. Aber so etwas wie in den letzten drei Jahren hat er noch nie erlebt: dass plötzlich Männer in Nadelstreifen bei ihm bestellen, Zahlenmenschen, wohlhabende Finanzleute. Es habe etwa zehn Monate vor Lehman begonnen (die Reichen wissen ja immer schon vorher Bescheid), Orders aus London, teilweise sechsstellig, allem Anschein nach aus Finanzkreisen. Inzwischen, behauptet Kögel, kämen 60 Prozent seiner Kundschaft aus der Finanzbranche, und selbst zweieinhalb Jahre nach dem Urknall lasse die Nachfrage nicht nach. Investmentbanker, Ehefrauen von Investmentbankern, Direktoren kleiner österreichischer Banken. Von denen habe sich in den letzten Jahren ein gutes Dutzend mit Vorräten bei ihm eingedeckt, oft für die Mitarbeiter noch mit dazu. Nur einen Kontakt herstellen könne er natürlich zu keinem, aus Gründen der Diskretion.

Wenn man mit Leuten aus der Apokalypse-Community spricht, hört man immer wieder, dass die Medien das Thema verschwiegen, weil Chefredakteure, Politiker oder die Bilderberger (eine Gruppe einflussreicher Leute, die sich einmal im Jahr in einem Hotel irgendwo auf der Welt treffen, um globale Wirtschaftsfragen zu besprechen) sich verschworen hätten zuungunsten des Volks. Dabei ist es banaler: Niemand, der sich in Führungspositionen befindet, hat etwas davon, den eigenen Untergang zu prophezeien. (So wie jener Chefredakteur, der sich bei einem Essen weinschwer über den Tisch gebeugt und gesagt hatte: »Noch sitzen wir hier und essen Fischfilet. Aber Sie und ich wissen«, Kunstpause. »Sie und ich wissen, dass es nicht mehr lange dauern wird.« Einen Brunnen habe er schon gebohrt, über die nötigen Maße eines Gemüsebeets für eine vierköpfige Familie denke er nach. Ein Interview? »Um Gottes willen, bitte tun Sie mir das nicht an!« Seine Lider flackerten, und in seinen Augen lag so etwas wie Angst – nicht vor dem Weltuntergang, sondern vor der Blamage.)

Am Ende redet doch einer aus dieser Welt: der ehemalige Investmentbanker aus London, der Monate zuvor die E-Mail zum Thema Staatsbankrott geschickt hatte. Seit er einen Rohstofffonds gegründet habe, komme er viel herum, sagt er am Telefon, er treffe kleine und große Investoren, Manager von family offices, die das Geld wohlhabender Familien verwalteten. Und etwa die Hälfte dieser Leute glaube, dass das kreditfinanzierte System des modernen Kapitalismus irgendwann an sein Ende komme, weil immer mehr Kredit aufgenommen werden müsse, um alte Schulden zu tilgen. Wozu Privatleute und Unternehmen nicht mehr bereit seien – weshalb die sowieso schon überlasteten Staaten einspringen müssten. Die entscheidende Frage sei, wie dieser Schuldenexzess abgebaut würde: Zu erwarten sei im besten Fall eine Inflation, im schlimmsten Fall soziale Unruhen, Protektionismus, hohe Arbeitslosigkeit mit allen politischen Konsequenzen. »Sie glauben nicht«, sagte er, »wie viele Banker sich Häuser in den Bergen zulegen, oder Ackerland. Zehn Hektar in Sussex, 20 Hektar in der Normandie, 40 Hektar in Oberbayern. Die sagen, egal, was passiert, ich habe die Zeit genutzt, um einen Teil meines Wohlstands in die neue Zeit zu transferieren.« Und die Exportrekorde, die Regulierungsgesetze? »Die Regulierung hatte nicht die Aufgabe, den nächsten Crash zu verhindern, sondern die Banken am Leben zu erhalten . Es hat sich gezeigt, dass zu tief greifenden Reformen der politische Mut fehlt. Für eine grundlegende Veränderung müssten die Banken aufgespalten werden.«

Sagt ein Fondsmanager. Und auch der Aufschwung, die niedrige Arbeitslosigkeit seien nur Folgen der westlichen und chinesischen Konjunkturprogramme, sprich: nicht unbedingt nachhaltig. Er selbst, sagte er zum Schluss, bereite sich übrigens nicht auf eine Katastrophe vor, von der keiner wisse, wann sie überhaupt eintrete. Seine Gesundheit und seine Freundschaften zu pflegen, das reiche ihm als Vorsorge. Außerdem wolle er sich nicht verrückt machen lassen. Er arbeite hart daran, seinen Rohstofffonds aufzubauen.

Zeit ist Geld. Das gilt erst recht vor der großen Endabrechnung.

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Leserkommentare
  1. Auf einer der grossen Wal-Mart oder Goldman-Sachs Plantagen.

    Bitte beteiligen Sie sich mit sachlichen Beiträgen. Danke. Die Redaktion/er

    Antwort auf "Kein Zweifel"
  2. 18. Danke!

    Danke für diesen Artikel! Ich hätte nicht für möglich gehalten, dass so ein Artikel in der ZEIT seit Übernahme des Holtzbrinck Verlages gehöhr findet. Auch ich frage mich seit Jahren, ob ich an Paranoia leide, aber alle Fakten sprechen inzwischen für einen finanziellen Meltdown. Es ist nicht die Frage ob er eintritt, sondern inzwischen nur noch wann und wie heftig ... (hoffentlich) im günstigsten Falle eine jahrelange Inflation!

    Es gibt auch schon erste Bürgerinitiativen, die sich mit der Funktionsweise und den Sinn & Unsinn von Geld beschäftigen.
    Denn der Zinseszins ist meines erachtens die Ursache für die exponentiell steigende Geldmenge! ... und dabei steigen die Schulden gleichzeitig mit der Geldmenge, denn beides hängt zusammen: Geld ist gleich Schuld ... ein Geldschein ist nur ein Schuldschein.

    Eine mögliche Antwort wäre ein Negativzins, der Geld entwertet, desto länger es im Umlauf ist.
    Ein berühmtes und erfolgreiches Beispiel ist 'Das Wunder von Wörgl' mit dem eingeführten Schwundgeld zu Zeiten der großen Depression ... das Beispiel durfte natürlich keine Schule machen, deshalb wurde dann die östereichische Nationalgarde geschickt, um das Experiment mit gewalt zu beenden.

    7 Leserempfehlungen
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    leider wird immer wieder vergessen, dass der Zins ein Entgelt fürs Sparen ist. Denn niemand leiht Geld, wenn er nichts dafür bekommt. Die Zins- und Zinseszins-Theoretiker wie Gesell und Prof. Senf vergessen, dass es einerseits zu Zinsausfällen kommt, andererseits der Zins auch mit Gütern zurückbezahlt werden könnte (A erhält 100 Euro zu fünf Prozent Zins. Hat er Ende Jahr nur 101 Euro, kann er – bei gleichbleibender Geldmenge – auch ein paar Kartoffeln an Zinses statt abliefern). Das Hauptproblem ist das staatliche Geldmonopol, das von den Politikern u.a. benutzt wird, um Wähler zu kaufen und abhängig zu halten (Hartz IV, etc.) Die Geldvermehrung (Inflation) führt schliesslich zur Teuerung. Gerät diese ausser Kontrolle, kommt es zu Hyperinflation (Weimar oder 1948), schliesslich zu Staatsbankrott oder Währungsreform.

  3. ist, dass sie in ihrem Verhalten manchmal auf große Erreger ganz träge reagieren und scheinbar gar keine Reaktion zeigen.

    Aber, und hier sind wir bei einer Parallele zu den die Alpen inzwischen immer mehr bedrohenden Enteisungskräfte und den daraus unweigerlich folgenden Muren und Geröllabgängen, die offenbar gelungene Verschiebungen des bis Mitte der 1990er Jahre existierenden Gleichgewichte zwischen den erwirtschafteten Zinserträgen (Renditen) aus produktionswirtschaftlicher Mehrwertschöpfungsaktivitäten und den aus spekulations- und anlagenbetrügerischen Scheingewinnherstellungsaktivitäten, hat in der gesamten Weltwirtschaft eine derartige Liquiditätsstruktur geschaffen, dass man nur noch von einer Liquiditätsembolie sprechen kann.

    Die daraus resultierenden Kapitalunterversorgungen immer größerer Bereiche menschlicher Existenztätigkeiten, z.B. die Zerstörung immer größerer lokaler Landwirtschaftsaktivitäten in Afrika und Asien durch die sogen. Agraranlagefonds, werden eine neue, globale Völkerwanderung mit all ihren Konsequenzen auslösen.

    Leben unter Leben, das leben will - um JEDEN Preis.

    Davor muss man sich nicht fürchten. Aber, man sollte es wenigstens zur Kenntnisnehmen, damit man sich mit den neuen Combatanten alliieren kann, die im neuen Weltkrieg des internationalen Investorismus jene Verzweifelten sein werden, vor deren Wut und Zorn schon Otto Graf von Bismarck gewarnt hat. Und der war nicht so "........." wie sein Ur-Ur-Enkel von Guttenberg.

    2 Leserempfehlungen
    • Guido3
    • 24. Februar 2011 20:05 Uhr
    20. Reisen

    Verstehen kann man diese Welt als Normalbürger kaum noch. Vieles ist völlig krank. Das es eine große Verschwörung gibt, ist für mich unplausibel. Das wir in einer wirtschaftlich und politisch sehr instabilen Zeit leben, ist ein Fakt. Das unsere Lebensweise massiven Raubbau an der Natur und unserer Gesundheit bedeutet (siehe Boom bei psychischen und Wohlstandskrankheiten), steht für mich auch fest. Das die aktuelle Krise mit dem Mittel gelöst werden soll, welches maßgeblich zur letzten Krise beigetragen hat, nämlich billiges Geld, kann nicht wirklich zur Lösung der Probleme beitragen.

    Was man nun am besten machen soll? Keine Ahnung. Das vermeintlich sichere Haus mit 20 Hektar Land, der Bunker voller Vorratsdosen oder der Stapel Goldbarren: All diese materiellen Güter können einem auch weggenommen werden, wenn es wirklich hart kommt.

    Diese Erde ist unfassbar schön und es gibt so viele Orte zu sehen, die einem wirklich den Atmen rauben. Zu Reisen und solche Orte zu erleben, ist etwas, was für mich das Leben weitaus mehr bereichert, als der neueste 3D-Flachbildfernseher oder das neueste iPad. Diese Erlebnisse sind für immer in den grauen Zellen gespeichert und diesen Reichtum kann mir niemand mehr nehmen.

    7 Leserempfehlungen
    • iboo
    • 24. Februar 2011 20:08 Uhr

    denn da geht es zu dem Thema schon richtig rund. kein Wunder, wenn man deren Wirtschaftsdaten kennt - und auch deren bessere Möglichkeiten der Selbstversorgung. Kleine, spontane Auswahl:
    http://cluborlov.blogspot...
    http://www.energybulletin...
    http://www.energybulletin...

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Danke für den Link http://www.energybulletin....
    Ich habe mich köstlich amüsiert!

  4. Ich fahre so zweimal in der Woche an vier sehr großen Einkaufszentren im Rhein-Main-Gebiet vorbei. Die Parkplätze sind alle voll, gleichgültig welche Uhrzeit. Ein Verkehr auf den Straßen, 9 bis 16 Uhr wenn andere arbeiten (arbeitet noch jemand?), obwohl das Super jetzt über 1,50 € kostet. Die Geschäfte sind rappelvoll, nicht nur Lebensmittelgeschäfte.

    Sorgen diese Menschen für den Supergau vor? Ich finde dafür keine Anhaltspunkte. Selbst im "Ich bin doch nicht blöd-Laden" wird gekauft ohne Ende (Helfen Fernseher und HiFi-Anlagen bei der nächsten Finanzkrise?)

    [...]

    Gekürzt. Bitte bleiben Sie sachlich. Danke. Die Redaktion/er

    2 Leserempfehlungen
  5. ich liebe diese ängste der mittelschichten. löwenzahn ist mit sicherheit eine ernährungsphysiologisch gute sache, wenn der stoffwechsel ab mitte vierzig nicht mehr mit den verzehrten schnitzeln und halben hähnchen klarkommt.

    den evolutionären vorsprung somalischer piraten, libyscher revolutionäre oder jedem x-beliebigen gangster-rapper aus den vorstädten kann aber kein besitztitel wettmachen, niemals.

    da hilft keine eigentumsurkunde und kein gold unterm bett.

    2 Leserempfehlungen
  6. das wären etwa 150000 € pro jeden der 6 Milliarden Erdenbürger.
    Ist das vielleicht ein Übersetzungsfehler?
    1 trillion (amerikanisch) ist 1 billion (deutsch)
    1 billiarde (deutsch) = 1 quadrillion (amerikanisch)

    Antwort auf "Megapleite"

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