Manama. Heute hat sie über die Panzer gesiegt. Nada Ali, geschützt durch Schleier und Sonnenbrille, trägt ein eingerolltes Banner unter dem Arm. Mit Tausenden schiitischen Frauen ist sie zum Perlendenkmal im Zentrum von Manama gezogen. Schwarze Kopftücher tief im Gesicht, Rosen und bahrainische Flaggen in den Händen. Sie stehen eng beieinander. Der Perlenplatz war noch vor wenigen Tagen Schauplatz eines Massakers. Mitten in der Nacht schossen die Gendarmen des Königs mit scharfer Munition auf schlafende Demonstranten . Zwei Tage später zogen die Schützenpanzer auf den Wink des Herrschers ab. Seitdem ist der große Platz unter der Perle das Epizentrum der bahrainischen Revolte. Hier entrollt Nada ihr Banner: »Wir sind die Kinder von Hussein, dem Märtyrer, der für Gerechtigkeit und Islam gestorben ist«.

Dieser Aufstand ist anders als jene, die die arabische Welt seit der tunesischen Revolution gesehen hat. Eine Revolte am wohlhabenden Golf. Ein Aufstand gegen einen König. Eine Erhebung liberaler Sunniten und vor allem der Schiiten. Sie schicken die meisten Demonstranten gegen die Regierung, sie stellen mit siebzig Prozent den größten Teil der Bevölkerung. Nun fordern sie das bahrainische Königshaus heraus. Ihr Aufstand sendet Schockwellen durch die Golfregion und darüber hinaus: nach Saudi-Arabien, an dessen Ostküste viele Schiiten leben; nach Iran, dessen Regime selbst Unruhen gewärtigt; in die USA, die in Bahrain das Hauptquartier ihrer Fünften Flotte unterhält. Ist das die Neuauflage der islamischen Revolution von 1979 im Kleinformat? Warum erhebt sich das Volk von Bahrain?

Am Abend nach der Demonstration fährt Nada Ali zurück in ihr Dorf. Die 43-Jährige lenkt ihren Kleinwagen über die wohlplanierten Avenuen des Königreichs. Breite Brücken, Kreisverkehrsinseln mit Palmenhainen, Stiefmütterchen hinter den Kantsteinen. Der Weg führt an endlosen Mauern vorbei. Dahinter liegen die Paläste der vielköpfigen königlichen Familie. An einem Kreisverkehr biegt Nada rechts ab und passiert ein Tor mit Bildern schiitischer Geistlicher. Hier haben die Straßen keine Bürgersteige mehr, auf Sand und Steinen gedeihen auch keine Stiefmütterchen. Jugendliche ziehen um die Häuser und sprayen Graffiti an die Wände. Nada wohnt in einem hellbraun verschlemmten Haus, oben in der dritten Etage. Ihr ältester Sohn ist 22Jahre alt, der zweite 17, die Tochter 12. Sie beißen sich durchs Leben. Nadas Mann arbeitet als Gelegenheitsfahrer. Sie selbst hat Buchhalterin gelernt, aber nie als solche gearbeitet. In den Küchenschränken lagern Zucker, Reis und Nudeln, Fleisch gibt es am Feiertag, Fisch selten. Nada stellt einen Obstkorb auf den Teppich im Wohnzimmer und setzt sich auf ein bunt besticktes Kissen. Ihre Familie lebt nicht in der Armut, die in den Slums von Kairo oder Casablanca herrscht. Hier ist der Golf. Doch am Golf ist auch alles teurer. Die Wohnung, die Ausbildung, die Gesundheitsversorgung.

Nada Ali leidet seit Jahren unter einem Bandscheibenschaden und Magengeschwüren. Die Behandlung im Krankenhaus ist kostspielig. Sie habe einen Kredit aufgenommen, um die Rechnungen zu zahlen. »Seit Jahren warten wir auf eine größere Wohnung«, sagt Nada. Sie habe Anträge gestellt, sie habe einen weiteren Kredit beantragt. Vergeblich. »Wir Schiiten bekommen keine Wohnungen.« Die Regierung würde alle Neubauten sofort für die Sunniten öffnen, die aus Jordanien oder dem Jemen hergelockt würden, um die Sunniten im Lande zu stärken. »Die bekommen auch die Jobs«, sagt Nada. Ihr Sohn habe eine Kaufmannsausbildung gemacht. Er habe sich beworben, bei Ämtern, bei Handelsfirmen, in den Glitzerhochhäusern der Konzerne, die im Besitz der Königsfamilie sind. »Dasselbe Bild: Sunniten bevorzugt«, ärgert sich Nada. Der 22-Jährige hat keine Arbeit und sitzt nutzlos in der kleinen Wohnung herum. Nada muss verhindern, dass sich die Söhne in Abenteuer stürzen, die sie bereuen könnten. Jugendliche aus ihrem Dorf zündeten vor einem halben Jahr Reifen auf den schönen Straßen Bahrains an, um ihrer Wut Luft zu machen. Die Sicherheitskräfte vergalten es mit Gummigeschossen und Tränengas. Zahlreiche Jugendliche wurden verhaftet und zu hohen Strafen verurteilt.

Schon die Aufstände des letzten Jahres warfen ein grelles Licht auf das bahrainische Problem: Seit über zweihundert Jahren herrscht das sunnitische Haus der Khalifa in dem überwiegend von Schiiten bewohnten Inselstaat vor der saudischen Küste. Doch die Khalifas regieren so, als seien sie immer noch nicht richtig angekommen: unsicher, verbarrikadiert hinter Zäunen und Mauern, im Zweifel mit Polizeigewalt. Sie marginalisieren die Schiiten. Dabei ist Bahrain keine blutige Diktatur . Seit zehn Jahren wählt das Volk, rund eine Million Menschen, ein Parlament. Die Opposition hat ihre Zeitungen. Es gibt eine Zivilgesellschaft, die seit der Unabhängigkeit von Großbritannien 1971 eifrig über die Zukunft parliert. Am Golf ist das eine leuchtende Ausnahme, bisweilen zu bunt für König und Prinzen. Deshalb wachen Zensoren über Zeitungen, hat das Parlament nur begrenzte Rechte, wird die Opposition gezähmt. Die größte Partei, die schiitisch-islamische al-Wifaq, hätte bei der letzten Parlamentswahl im Oktober die absolute Mehrheit errungen, wenn die Wahl nicht manipuliert worden wäre.

Jawad Fairus, stellvertretender Wifaq-Vorsitzender, lenkt seinen Geländewagen im weiten Bogen um den Perlenplatz herum, um nicht im Stau stecken zu bleiben. Der große Mann mit weichen Gesichtszügen bräuchte heute sechs Hände. Zwei fürs Steuerrad, vier für die Handys, die ununterbrochen klingeln. Auf die Wifaq-Partei kommt es an in der Staatskrise. Sie ist trotz der Manipulationen stärkste Parlamentsfraktion mit 18 von 40 Sitzen. Jetzt haben die Abgeordneten ihre Mandate niedergelegt. Ihr charismatischer Führer Scheich Ali Salman redet zur Menge unter dem Perlendenkmal. In vielen arabischen Ländern gähnt jenseits des Herrschers das politische Nichts. Bahrain hat die Wifaq. Was will die Opposition?

»Einen Gesellschaftsvertrag zwischen König und Volk«, sagt Jawad Fairus selbstbewusst. Wir sind vor dem Parteigebäude angekommen, einer zweistöckigen Villa an einer Ausfallstraße in Manama. Fairus geht hoch in sein Büro und schließt das Aufladegerät seines iPads an eine Steckdose an. »Wir wollen, dass nicht der König, sondern das Volk die Regierung wählt«, sagt er. Der jetzige Premier, ein peinlich reicher Onkel des Königs, müsse gehen. Ein Mann des Volkes gehöre an seine Stelle. Die politischen Gefangenen müssten freigelassen werden, die Wahlmanipulationen aufhören. Dem Parlament, nicht dem vom König ernannten Oberhaus gebühre das letzte Wort bei der Gesetzgebung. Will Fairus eine Republik? »Nein«, sagt er fast erschrocken und verweist auf die Vorbilder Jordanien und Marokko, wo Minister nicht aus dem Königshaus kommen. »Nur ein bisschen freier noch, bitte schön.«