Der Fluss strömt dunkelgrün schimmernd zwischen Fabriken und Lagerhallen hindurch. Den Himmel bedecken graue Wolken. Der grasbewachsene Weg am Flussufer ist glitschig vom feuchten Schlamm, übersät mit leeren Bierbüchsen, alten Zeitungen, Plastikflaschen. Und mit zahlreichen Karosserieteilen, die immer wieder scheppernd auf die Erde fallen, während zwei Kräne Schrott von einem Frachtkahn auf eine Sammelstelle oberhalb des Wegs schaffen. Am anderen Flussufer steht eine Fabrik, deren Fassade fast vollständig mit braunem Ruß bedeckt ist. Nur an wenigen Stellen lässt sich ihre ursprüngliche Farbe, ein helles Pastellgelb, noch erahnen.

Ein ungemütlicher Ort. Und sicher nicht die erste Wahl für einen beschaulichen Wochenendtrip – es sei denn, man ist mit Nicolas Buissart verabredet. Der belgische Aktionskünstler zeigt Teilnehmern der sogenannten City Safari die düstersten Ecken Charlerois in der wallonischen Provinz Hennegau. Und mit viel Lässigkeit und schwarzem Humor gelingt es ihm dann auch, Besucher für seine Heimatstadt zu begeistern.

Die Idee kam dem 31-Jährigen während des Studiums der bildenden Künste im nordbelgischen Antwerpen: »Immer, wenn ich erzählte, dass ich aus Charleroi komme, erntete ich mitleidige Blicke, manchmal auch ein: ›Und, wie geht’s dir damit?‹ Irgendwann sagte ich mir: Dieses Potenzial musst du nutzen!«

Und das hat er getan. Seit zwei Jahren führt Buissart Stadtabenteurer durch die ehemalige Hochburg des Steinkohlebergbaus und der Eisenverhüttung. Die letzte Kohlemine wurde 1984 geschlossen; für die Jüngeren gab es neue Jobs in der Luftfahrt- und Elektronikindustrie, aber nicht genug. Die 200000-Einwohner-Stadt hat eine Arbeitslosenquote von 26 Prozent – zehn Punkte über dem landesweiten Durchschnitt – und eine im nationalen Vergleich relativ hohe Kriminalitätsrate. Weit vorne liegt sie auch in einer Umfrage der niederländischen Tageszeitung De Volkskrant: Unter fünf Kandidaten wurde sie zur »hässlichsten Stadt der Welt« gekürt.

Dass so ein Ort trotzdem Touristen anziehen kann, zeigt schon das gute Dutzend Frauen und Männer, die an diesem Sonntagmorgen nach Charleroi gekommen sind. »Über die Jahre sind bestimmt um die 1000 Stadtentdecker bei meinen Safaris mitgelaufen«, schätzt Buissart. Die Route der Stadttour verläuft jedes Mal anders, einige Stationen aber sind immer dabei: darunter die Route de Mons, angeblich »Belgiens deprimierendste Straße«, gesäumt von leer stehenden und größtenteils zerfallenen Häusern. Oder auch die sogenannten Terrils, wie die Abraumhalden ehemaliger Kohlebergwerke heißen. Mittlerweile sind sie mit Gras überwachsen und durchsetzen das Stadtbild Charlerois wie überdimensionierte Maulwurfhügel.

Von einem dieser Terrils aus, der ersten Safaristation, lässt Buissart den Blick über die Industrielandschaft schweifen, die sich in gedämpftem Gelb, Rot und Braun vor ihm ausbreitet – Farben, die von korrodierten Metallpartikeln stammen. »Es heißt ja, die Eskimos hätten 50 Wörter für Schnee«, sagt er – und fügt mit einem Augenzwinkern hinzu: »Wir in Charleroi haben 50 Wörter für Rost.« Keine Frage: Dieser Mann liebt seine Stadt.

Über seine hartnäckige Leidenschaft hat Buissart Audrey Delporte kennengelernt, die ihn bei den Safaris als Assistentin begleitet. Fast ihr gesamtes Leben hat die 27-Jährige in der Industriestadt verbracht und sagt, sie sei glücklich, »endlich einen Verrückten« gefunden zu haben, »der von Charleroi genauso begeistert ist wie ich«. Schon in ihrer Kindheit seien verlassene Fabrikhallen und die nie benutzten Metroschienen ihr Spielplatz gewesen. »Die Tetanusimpfung war da ein absolutes Muss!«