Kinder lesen zu wenig ? Von wegen. Wohl noch nie zuvor haben sie so viel gelesen und geschrieben wie heute. Täglich tippen sie Millionen von Wörtern auf ihren Handy- und Computertastaturen, verbringen Stunden mit der Lektüre von SMS-Nachrichten, Chat-Sprüchen, E-Mails und Internet-Infos. Trotzdem kommt bei Pädagogen und Ausbildern keine rechte Freude auf. Denn den Simsern, Chattern und Twitterern dient die Schrift vor allem als Plaudermedium. Von den Normen der Hochsprache ist ihre Sprechschreibe Lichtjahre entfernt. Gebilde wie »booaaa mein dad voll eklich wg schule *stöhn* haste mo zeit? hdgdl [= hab dich ganz doll lieb]« lässt Freunde des Dudens und ganzer Sätze noch immer zusammenzucken. Kein Wunder, dass Handy- und Internetkommunikation immer mal wieder in den Verdacht geraten, die Schreibkultur zu untergraben: Können Jugendliche, die sich in diesen sprachlichen Trümmerlandschaften bewegen, überhaupt noch einen lesbaren Aufsatz, einen präzisen Bericht, ein angemessenes Bewerbungsschreiben verfassen?

Die Germanistik-Professorin Christa Dürscheid von der Universität Zürich ist dieser Frage auf den Grund gegangen. Mit ihrem Team hat sie fast 1000 Deutschaufsätze untersucht, verfasst von 16- bis 18-jährigen Schülern aller Schulformen aus dem Kanton Zürich. Zum Vergleich zog die Sprachwissenschaftlerin über 1100 Texte heran, die dieselben Jugendlichen in ihrer Freizeit als SMS-Meldungen, E-Mails, Chat-Beiträge und Mitteilungen in Sozialen Netzwerken geschrieben hatten. Dabei interessierten sich die Linguisten nicht nur für Rechtschreibung, Interpunktion und Grammatik, sondern auch für den Wortschatz, den Stil und den Aufbau der Texte.

Das Ergebnis: In keinem dieser Bereiche haben die sprachlichen Eigenarten der Netzkommunikation nennenswerte Spuren in den Schultexten hinterlassen. Das gilt für Berufsschüler ebenso wie für Gymnasiasten. »Die Schüler können die Schreibwelten durchaus trennen. Sie wissen, dass in der Schule und der formellen Kommunikation andere Regeln gelten als beim Chatten mit Freunden«, sagt Christa Dürscheid. Allenfalls ließe sich darüber spekulieren, ob die Lockerheit des elektronischen Schreibschwatzens auf Dauer die Sorgfalt beim »ernsthaften« Schreiben beeinträchtigen könnte. Belege dafür gibt es aber nicht. Die Ergebnisse der Schweizer Untersuchung lassen sich auf Deutschland übertragen, meint Christa Dürscheid. Der einzige Unterschied: Die Zürcher Schüler simsen und chatten fast ausschließlich im Dialekt, was gelegentlich auch auf den Wortschatz ihrer Schultexte abfärbt.

Die orthografischen Fähigkeiten der Schüler haben stark nachgelassen

Grund für die Deutschlehrer, sich entspannt zurückzulehnen, liefert die Zürcher Studie trotzdem nicht. Denn auch wenn die elektronische Kommunikation als Verursacher ausscheidet – die Schultexte, die die Germanisten untersucht haben, sind alles andere als fehlerfrei. Vor allem in der Rechtschreibung und Zeichensetzung weisen sie deutliche Defizite auf. Darin spiegele sich ein generelles Problem mangelnder Normbeherrschung, konstatiert Christa Dürscheid. Ähnlich sehen das die Deutschlehrer, die die Germanistin befragt hat. Die Mehrheit glaubt, dass die orthografischen und grammatikalischen Fähigkeiten der Schüler in den vergangenen zehn Jahren nachgelassen haben. Ob diese Einschätzung zutrifft, will Sarah Brommer, eine Sprachwissenschaftlerin aus Dürscheids Team, herausfinden. Sie vergleicht Aufsätze, die zu Beginn der achtziger Jahre an baden-württembergischen Schulen geschrieben wurden, mit heutigen Arbeiten. Endgültige Ergebnisse liegen noch nicht vor, aber eine Tendenz zeichnet sich bereits ab. Die gute Nachricht: Heute schreiben die Schüler lebendiger und interessanter als früher. Die weniger gute: Orthografie- und Grammatikfehler haben zugenommen. Allerdings wird im Deutschunterricht auf diese formalen Fähigkeiten auch nicht mehr so viel Wert gelegt wie früher.

Der Unterschied zwischen den Schichten ist größer geworden

Dass es sich hierbei um einen langfristigen Trend handelt, bestätigt Wolfgang Steinig. Der Professor für Sprachdidaktik an der Universität Siegen hat die bislang umfangreichste Längsschnittstudie zur Schreibentwicklung durchgeführt. Im Jahr 1972 besuchte er fünf Grundschulen in Dortmund und Recklinghausen und zeigte den Viertklässlern einen kurzen Film. Danach schrieben die Kinder auf, was sie gesehen hatten. Dreißig Jahre später wiederholte Steinig das Experiment mit demselben Film an denselben Schulen. Das Ergebnis der Studie, die erst unlängst veröffentlicht wurde: Die formalen Schreibfähigkeiten der Kinder hatten sich seit Anfang der siebziger Jahre nachweisbar verschlechtert. Am deutlichsten zeigte sich das bei der Rechtschreibung: Die Zahl der Fehler war von durchschnittlich sieben auf zwölf pro hundert Wörter gestiegen. Dafür waren die Texte der Kinder im Jahr 2002 nicht nur länger, sondern auch abwechslungsreicher. Und: Der Wortschatz hatte sich stark erweitert.

Wirklichen Aufschluss bringt jedoch erst der Blick hinter die Durchschnittswerte auf die soziale Herkunft der Schüler . Dort zeigt sich eine beträchtliche Schieflage: Kinder aus der Unterschicht haben einen viel höheren Anteil an der Zunahme der Rechtschreibfehler als ihre Klassenkameraden aus der Mittelschicht. Auf deren Konto allein geht dafür der Zuwachs im Wortschatz, während das Vokabular bei den Unterschichtkindern im Vergleich zu 1972 sogar geschrumpft ist. Ähnliche Tendenzen fanden die Forscher bei der Satz- und Textlänge, bei der Fähigkeit, Nebensätze zu bilden, oder der korrekten Flexion. Zu Beginn der siebziger Jahre waren schichtenspezifische Unterschiede noch sehr gering, doch seitdem hat sich die soziale Schere weit geöffnet. Kinder aus der oberen, teilweise auch aus der unteren Mittelschicht haben ihre Schreibkompetenzen deutlich verbessert. Für ihre Altersgenossen aus den sozial schwächeren und bildungsfernen Elternhäusern hingegen sind die Weichen in Richtung Hauptschule gestellt.