Die Chancen von Frauen sind an den Universitäten so gut wie nie zuvor. Über mehrere Jahrzehnte ist es Frauen gelungen, hervorragende Abschlüsse in akademische Laufbahnen umzusetzen. Und die Aufstiegschancen sind noch längst nicht ausgeschöpft. In den Geistes- und Sozialwissenschaften sind regelrechte weibliche Organisationskulturen entstanden. Schrittweise haben Frauen universitäre Hierarchien erobert und Männerdomänen aufgeweicht. Förderprogramme und Netzwerke haben die Universität für Frauen geöffnet. Durch den Generationenwechsel sind diskriminierende Vorurteile weitgehend verschwunden. Dennoch streben viele wissenschaftlich hoch qualifizierte Frauen keine akademische Karriere an und verlassen die Universität, obwohl ihnen ihre Betreuer zuraten, die nächste Stufe zu erklimmen. Woran mag das liegen?

Die Berufsorientierung ist heutzutage ein selbstverständlicher Bestandteil des Lebensplans von akademisch ausgebildeten Frauen, auch wenn sie im Vergleich zu ihren Kommilitonen etwas zögerlicher in den Beruf einsteigen. Anders als viele Pionierinnen, die Männerdomänen eroberten und sich zu einem asketischen Lebensentwurf bekannten, wünschen sie sich heute aber auch Partnerschaft und Familie. Nach wie vor gibt es jedoch Lücken in der Infrastruktur zur Betreuung von Kindern und älteren Familienangehörigen. Asymmetrien in der partnerschaftlichen Verteilung der Haus- und Familienarbeit, aber auch ein frauenspezifisches Selbstverständnis machen es Frauen in Deutschland nicht leicht, sich für einen Aufstieg an der Universität zu entscheiden, der nicht nur lange dauert, sondern auch mit vielen Risiken behaftet ist.

Die »alte« Universität konnte noch mit dem Charme ihrer Arbeitswelt locken. Sie gewährte Chancen zum selbstbestimmten Arbeiten, Freiräume für die eigene Kreativität und Möglichkeiten eines individuellen Zeitmanagements, das für Frauen mit zusätzlicher familiärer Verantwortung so wichtig ist. Damit ist es nun aus. Denn bei aller Differenziertheit der Hochschulen untereinander ist doch überall ein Paradigmawechsel in der Organisationskultur zu beobachten: Der intrinsischen Motivation des universitären Personals wird nicht mehr vertraut, sondern extrinsisch vorgegebene, bürokratisch verankerte Anreize der Belohnung und der »Bestrafung« üben auf Studierende wie auf Lehrende einen starken Druck aus, sich anzupassen. Der Spielraum, der notwendig ist, um eine individuelle Lebensführung mit den Anforderungen einer wissenschaftlichen Karriere zu vereinbaren, ist eng geworden.

Die Universität nach Bologna wartet in der Lehre mit gestrafften Studiengängen, mit standardisierten Lehrplänen und rigiden Leistungsanforderungen auf. Viele Studentinnen fürchten, den Abschluss nicht zu schaffen. Bleiben sie an der Universität, geht es mit den Schwierigkeiten weiter. In den Geistes- und Sozialwissenschaften sind besonders viele Frauen auf Mittelbaustellen mit Lehraufgaben im Grundstudium betraut. Aufgrund der Kontrollfunktionen, die ihnen zur Disziplinierung abverlangt werden, ziehen sie die Frustration und die Wut der Studierenden auf sich. Deren Machtmittel, sich bei Studiendekanen zu beschweren und schlechte Beurteilungen abzugeben, verunsichern die Dozentinnen, die Ängste um die Verlängerung ihrer Verträge haben. Dabei sind es auch gerade die Frauen, die als Ansprechpartnerinnen für die Probleme der Studierenden zur Verfügung stehen. Ihre männlichen Kollegen haben sich hingegen oft längst vom Einsatz an der Studentenfront verabschiedet und widmen sich der Forschung.

Im Zuge des Umbaus der Universität nach Bologna sind viele Organisations-, Verwaltungs- und Planungsfunktionen entstanden, ohne dass eine vernünftige Teilung der Arbeit und der Zuständigkeiten etabliert wurde. In einem bislang unbekannten Ausmaß übernehmen wissenschaftliche Mitarbeiter, und ich betone: vor allem Frauen, zusätzliche Aufgaben. Das nimmt ihnen die Zeit, ihre Fachkenntnisse zu vertiefen und ihre Publikationen voranzutreiben. Oftmals repräsentieren sie ein lokales institutionelles Gedächtnis, das im Zuge des Generationenwechsels verloren zu gehen droht und von männlichen Wissenschaftlern auch nicht wertgeschätzt wird, die ihre Karriere als Reisekader angelegt haben. Das Engagement, vor Ort Ordnung im unübersichtlichen Regelchaos herzustellen, hilft den Mitarbeiterinnen auch nicht, die nächste universitäre Hürde zu nehmen.