Gleichgeschlechtliche PartnerschaftEine Familie, zwei Mütter

Catrin und Yvi Schmitt aus Berlin sind ein lesbisches Paar, sie haben zwei Kinder. Sie leben mit neugierigen Blicken – und der Angst zu scheitern. von 

Wenn Ben Schmitt seine Eltern eines Tages fragen wird, wie sie sich kennengelernt haben, wird er eine klassische Liebesgeschichte zu hören bekommen. Seine Mutter Yvi wird erzählen, wie ihr 1995 in einem Berliner Club diese drahtige, dunkelhaarige, kleine Frau auffiel, die so viel Energie zu haben schien. Ben wird hören, wie Yvi der quirligen Catrin monatelang den Hof gemacht hat, wobei Catrin zunächst zögerte, weil sie eigentlich gar nicht bereit war für die Kompromisse und die Beständigkeit, die eine Beziehung erfordert, und wie sie sich dann doch irgendwann – genauer: in einer durchfeierten Herbstnacht am Rosenthaler Platz – erobern ließ. Yvi Potucek, Friseurin aus Ostberlin, und Catrin Schmitt, Kommunikationsdesignerin aus Mainz, wurden ein Paar, dessen Leben sich jahrelang vor allem um Musik, Partys und Clubs drehte, bis sie mit dreißig zusammenzogen und heirateten. Aus Yvi Potucek wurde Frau Schmitt.

Wenn Ben dann wissen will, wie er und seine kleine Schwester Annie entstanden sind, wird von einem Gespräch am Küchentisch die Rede sein, in dem Yvi zu Catrin sagt: »Ich kann mir nicht vorstellen, irgendwann mit dir allein unterm Weihnachtsbaum zu sitzen. Wenn ich alt bin, möchte ich Oma sein. Ich finde, wir sollten das Thema Kinder jetzt in Angriff nehmen.« Gut ein Jahr später, im November 2006, kam er auf die Welt: Ben Bela Schmitt.

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Geschätzte 19.000 Kinder in Deutschland wachsen zurzeit in gleichgeschlechtlichen Beziehungen auf. Noch stammt die Mehrheit dieser Kinder aus heterosexuellen Ehen, die auseinandergingen, doch die Zahl der Kinder, die von Geburt an von homosexuellen Eltern aufgezogen werden, wächst stetig. Längst ereifert man sich in großstädtischen Lesbencafés nicht mehr über Diskriminierung oder das Patriarchat, sondern diskutiert über das Stillen und männliche Vorbilder für kleine Jungen. Wenn Lesben heute Feste feiern, richten sie extra ein Zimmer für die vielen Kinder ihrer Freunde her. Und im Berliner Lesbencafé Seidenfaden stehen an manchen Nachmittagen die Kinderwagen so dicht, dass kein Durchkommen mehr ist.

»Regenbogenfamilie« heißt diese Lebensform , seit 2009 ist das Wort im Duden vermerkt. Das Modell ist inzwischen so etabliert, dass es sogar als Stoff für Hollywood-Produktionen taugt. Der für den Oscar nominierte Film The Kids Are All Right erzählt davon, wie das Leben einer Regenbogenfamilie durcheinandergerät, als die Kinder ihren biologischen Vater aufspüren. In Deutschland haben über 156.000 Zuschauer die Komödie inzwischen gesehen. Aus einem Tabuthema ist innerhalb von zwanzig Jahren ein Unterhaltungsstoff geworden. Aber wie ist dieses Leben wirklich?

Als Ben Bela Schmitt im November 2006 auf die Welt kam, verkündeten seine Mütter, heute beide um die vierzig, die Geburt »mit großer Freude« in Schnörkelschrift und, als habe es die jahrzehntelange Diskussion über geschlechtsneutrale Erziehung nicht gegeben, auf hellblauem Papier. Die Geburt von Annie drei Jahre später – benannt nach ihrer Urgroßmutter Anny sowie der lesbischen Fotografin Annie Leibovitz, die mit 51 eine Tochter bekam – wurde im Juni 2009 nach demselben Muster auf rosafarbenem Papier annonciert. Seht her, scheinen die Anzeigen zu sagen, bei uns geht es genauso normal zu wie in anderen Familien.

Mit einem Jahr wurde Ben in Mainz getauft – von einem protestantischen Pfarrer in einer Kapelle, die Catrins Vater, ein Architekt, einst entworfen hatte. Ein Foto zeigt Ben in bodenlangem Taufkleid und weißen Turnschuhen mit unsicheren Schritten an Yvis Hand zur Kirche laufen. Ein anderes zeigt ihn flankiert von zwei glücklich aussehenden Müttern. Beide übrigens nicht gläubig: Yvi ist in der DDR atheistisch erzogen worden, die ehemalige Protestantin Catrin kündigte mit Ende zwanzig aus Protest gegen die Sexualmoral der Kirche ihre Mitgliedschaft – doch ihren Kindern zuliebe lassen die Frauen sich jetzt wieder auf die Kirche ein. »Die Taufe stärkt Ben, indem sie ihm etwas gibt, das andere Kinder auch haben«, sagt Catrin, ein bisschen klingt es, als glaube sie, dass er da draußen, in der feindlichen Welt, Schutz gut gebrauchen könne.

Nun ist es nicht so, dass die Schmitts überall Feindseligkeit wittern. Die Familie lebt im Bötzowviertel, einem jener neobürgerlichen Quartiere im renovierten Berliner Osten, wo jede Menge Kinder in allen denkbaren Konstellationen leben: in Kern- oder Patchworkfamilien, Wohngemeinschaften, alleinerzogen, fremdbetreut oder überbehütet. Alles ist möglich, und Regenbogenfamilien fallen hier weniger auf als anderswo. »Wir fühlen uns geborgen«, sagt Yvi Schmitt. Über, unter und gegenüber von ihnen wohnen Familien, bei denen sie die Kinder notfalls mal kurz abgeben können, und die Bäckersfrau im Kiez grüßt die Schmitts so nett wie alle anderen Familien. Trotzdem werden Ben und Annie schon früh mit etwas konfrontiert, womit sich Menschen grundsätzlich schwertun – mit der Tatsache, anders zu sein. Sybille Gypkens, Ärztin für Kinder- und Jugendpsychiatrie in Berlin, weiß aus vielen Gesprächen, dass Kinder darunter leiden, wenn sich ihre Familie vom gängigen Mehrheitsmodell unterscheidet. Gypkens sagt: »Homosexuelle Eltern sind gesellschaftlich noch weit davon entfernt, selbstverständlich zu sein. Das belastet die Kinder aus gleichgeschlechtlichen Beziehungen. In einer funktionierenden homosexuellen Partnerschaft kann ein Kind die besondere Situation gut bewältigen – aber es ist grundsätzlich mehr gefordert als Kinder aus klassischen Familienmodellen.« Anders ausgedrückt: Je unauffälliger die Familie, desto leichter haben es die Kinder.

Es ist paradox: Um sich selbst zu finden, mussten Yvi und Catrin sich von bürgerlichen Idealen verabschieden, als Mütter müssen sie genau diese kopieren. Konformität ist für die beiden Frauen zum Leitmotiv geworden. Neulich hat ein Nachbarskind Yvi und Catrin etwas zum Muttertag gemalt. Jede Mutter bekam ihr eigenes Bild. »Es war wie eine Bestätigung, dass wir auch in den Augen von anderen eine Familie sind«, sagt Catrin.

Mittagszeit an einem ganz gewöhnlichen Montag: Catrin kocht, Yvi arbeitet im Salon, Ben ist im Kindergarten, Annie schläft. Auf dem Küchentisch liegt ein Lexikon, die Seite mit dem Stichwort »hollandaise« ist aufgeschlagen, denn Ben hat gefragt, woher die Sauce ihren Namen hat. An den Wänden hängen Fotos: Catrin und Yvi am Meer, untergehakt mit Nina Hagen und aufgedonnert auf dem Christopher Street Day. Die Fotos wirken wie Relikte aus einem anderen Leben. »Früher hatte ich immer Angst, etwas zu verpassen. Es war ganz wichtig, auf Gästelisten zu stehen und solche Sachen. Das hat mit den Kindern aufgehört«, sagt Catrin. Kaum ist Annie aufgewacht und angezogen, klemmt sie sich einen Campinggrill unter den Arm, packt Kind und Salatschüssel, steigt die Treppen hinunter, verstaut Annie, Grill und Salat im Fahrradanhänger und radelt die Straße hinunter zum Grillfest in der Kita.

Catrin und Yvi sind beide in Haushalten groß geworden, in denen die Mütter dominierten. Beide sind Scheidungskinder . »Meine Mutter gab uns Kindern immer zu verstehen, wir seien das Wichtigste. Wenn es uns gut ging, ging es ihr auch gut. Dasselbe gilt heute für mich«, sagt Catrin. Sie und Yvi gehören zur Sorte Eltern, die sich abends beim Einschlafen mit ins Kinderbett legen und geduldig Geschichten erzählen – auch dann, wenn sie todmüde sind oder lieber die Sportschau gucken würden. Die Schmitts machen jetzt Urlaub auf Usedom statt wie früher in Südfrankreich, und abends gehen sie kaum noch aus. Catrin, die Ben und Annie zur Welt gebracht hat, hat die Kinder fast sechs Monate lang gestillt und im ersten Lebensjahr nicht fremdbetreuen lassen. Den Alltag gestaltet sie weitgehend so, wie sie ihn aus der eigenen Kindheit kennt: Sie ist mit den Kindern viel an der frischen Luft, bastelt und kocht. Die Schmitts wünschen sich, dass ihre Kinder später aufs Gymnasium gehen. Dass sie sozial eingestellt sind und sich nicht ohne Rücksicht auf Verluste durchboxen, dass sie eines Tages vielleicht selbst eine Familie gründen.

Leserkommentare
  1. Muss man das hier öffentlich machen?

    Bitte äußern Sie artikelbezogene Kritik anhand sachlicher Argumente. Danke. Die Redaktion/wg

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    Entfernt. Bitte diskutieren Sie das Thema des Artikels. Danke. Die Redaktion/wg

  2. differenzierter Artikel.

    Besonders der Abschnitt zur Arbeitsteilung zeigt geradezu exemplarisch den herausragenden Einfluss leiblichmütterlicher mithin biologischer Faktoren. Insofern ist es Augenwischerei von zwei Müttern zu sprechen. Yvi hat in jedem Fall das Nachsehen. Und dass erst bei Lesbenpaare über väterliche Isolation und Instrumentalisierung nachgedacht wird, ist schon wieder sympthomatisch.

  3. Wenn es ihnen nicht passt, brauchen Sie es ja nicht zu lesen.

    Das Thema ist wichtig, gerade, weil immer noch die Mär herumgeistert, daß Kinder zum gesunden Heranwachsen den Vater bräuchten. Was Mumpitz ist, wie Ihnen viele Scheidungskinder bestätigen können. Männliche Vorbilder können auch die Onkels oder Opas sein.

    Es ist auch kein naturgesetzlicher Zwang, daß jedes Adoptivkind in der Pubertät anfängt, nach den biologischen Eltern zu suchen. Mich haben die nie interessiert. Ich will auch nicht wissen, warum ich zur Adoption freigegeben wurde. Ich HABE Eltern. Die besten der Welt. Was will ich da noch mit mir völlig fremden Menschen?!

    Eine Leserempfehlung
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    Nur weil Sie es schreiben und so sehen?!?

    gleichgeschlechtlich erzogen haben ;-))

    Bitte bleiben Sie sachlich. Danke. Die Redaktion/wg

    "Das Thema ist wichtig, gerade, weil immer noch die Mär herumgeistert, daß Kinder zum gesunden Heranwachsen den Vater bräuchten."

    Eine Mutter kann weder dem Sohn, noch der Tochter, den Vater ersetzen. Besonders schlimm ist es für Scheidungskinder, mit fehlendem Bezug zu väterlichen Elternteil. Bei Kindern, die es nie anders kennengelernt haben, mag der Verlust nicht so spürbar sein.

    Was bleibt ist eine Lücke. Wer dies leugnet, an dem ist dieser Kelch vorbei gegangen, oder er/sie hat den Inhalt genossen, sich aber nicht mit der Wirkung auseinander gesetzt.

    Was in unserer Gesellschaft noch gesund ist, mag relativ sein. Aber dummdreiste Behauptungen aufzustellen, ist weder sachlich, noch dient dies den Kindern, denn diese können sich erst artikulieren, wenn sie erwachsen sind/werden.

    • koaheza
    • 05. Februar 2013 23:45 Uhr

    Ich bin ohne Vater aufgewachsen und das war schlimm genug.
    Unerträglich wäre es allerdings gewessen wenn meine "Eltern" zwei Frauen, schlimmer noch zwei Männer gewesen wären.
    Bei der Geschlechtsspezifische Intimpflege fängt es an (und kommen sie mir jetzt nicht mit Google...), über das Rollenbild das sich entwickelt (Wer wird wohl eher eine "normale" bzw. Übehaubt eine Familie schaffen), bis zu Problemen bei der ersten Partnerwahl (Sexuelle Verwirrung, Enttäuschung der Eltern das man "normal" ist)
    Vom Mobbing, Ungleichbehandlung durch Lehrer möchte ich gar nicht erst Reden. Alle meine Aussagen trefen auf mich! persönlich zu.

  4. Sie haben ja vollkommen Recht. Doch es geht gar nicht darum, ob Kinder bei Mutter und Vater aufwachsen oder nicht, es geht darum, dass sie feste familiäre Strukturen erfahren, die von Liebe geprägt sind.

    Doch genau das nimmt aufgrund der systematischen Bekämpfung familiärer Strukturen immer mehr ab. Da gibt es dann auch keine Onkels mehr, oder Tanten, sondern nur noch die atomisierte Kindumgebung.

    Und das ist auch so gewollt, schließlich müssen tausende Akademiker in Jugendämtern, Hilfs- und Versorgungseinrichtungen eine Berechtigung für ihren Job haben, in dem sie gute Gehälter verdienen - man muss Frau Lierhaus ja nicht unbeding als Regel betrachten, aber einen Einblick in die Hilfsindustrie gibt sie schon.

    Bewußt werden Gegensätze geschürt - Einkommen er/sie. Familieneinkommen, das soziale Miteinander, das füreinander einstehen, das ist nicht mehr erwünscht.

    Soziale Hilfe (c) by BRD.

  5. Entfernt. Bitte diskutieren Sie das Thema des Artikels. Danke. Die Redaktion/wg

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    Entfernt. Bitte bleiben Sie sachlich. Danke. Die Redaktion/wg

  6. Können wir dann davon ausgehen, daß Kinder zum gesunden Heranwachsen die Mutter auch nicht brauchen? Weibliche Vorbilder können auch die Tanten oder Omas sein?
    Oder wollen Sie hier Rollenbilder von anno dunnemals zementieren?

  7. Nur weil Sie es schreiben und so sehen?!?

    Antwort auf "Ja, muss man"
    • Zack34
    • 26. Februar 2011 10:34 Uhr

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