Gleichgeschlechtliche Partnerschaft Eine Familie, zwei Mütter

Catrin und Yvi Schmitt aus Berlin sind ein lesbisches Paar, sie haben zwei Kinder. Sie leben mit neugierigen Blicken – und der Angst zu scheitern.

Yvi (links) und Catrin Schmitt mit ihren Kindern Ben und Annie

Yvi (links) und Catrin Schmitt mit ihren Kindern Ben und Annie

Wenn Ben Schmitt seine Eltern eines Tages fragen wird, wie sie sich kennengelernt haben, wird er eine klassische Liebesgeschichte zu hören bekommen. Seine Mutter Yvi wird erzählen, wie ihr 1995 in einem Berliner Club diese drahtige, dunkelhaarige, kleine Frau auffiel, die so viel Energie zu haben schien. Ben wird hören, wie Yvi der quirligen Catrin monatelang den Hof gemacht hat, wobei Catrin zunächst zögerte, weil sie eigentlich gar nicht bereit war für die Kompromisse und die Beständigkeit, die eine Beziehung erfordert, und wie sie sich dann doch irgendwann – genauer: in einer durchfeierten Herbstnacht am Rosenthaler Platz – erobern ließ. Yvi Potucek, Friseurin aus Ostberlin, und Catrin Schmitt, Kommunikationsdesignerin aus Mainz, wurden ein Paar, dessen Leben sich jahrelang vor allem um Musik, Partys und Clubs drehte, bis sie mit dreißig zusammenzogen und heirateten. Aus Yvi Potucek wurde Frau Schmitt.

Wenn Ben dann wissen will, wie er und seine kleine Schwester Annie entstanden sind, wird von einem Gespräch am Küchentisch die Rede sein, in dem Yvi zu Catrin sagt: »Ich kann mir nicht vorstellen, irgendwann mit dir allein unterm Weihnachtsbaum zu sitzen. Wenn ich alt bin, möchte ich Oma sein. Ich finde, wir sollten das Thema Kinder jetzt in Angriff nehmen.« Gut ein Jahr später, im November 2006, kam er auf die Welt: Ben Bela Schmitt.

Anzeige

Geschätzte 19.000 Kinder in Deutschland wachsen zurzeit in gleichgeschlechtlichen Beziehungen auf. Noch stammt die Mehrheit dieser Kinder aus heterosexuellen Ehen, die auseinandergingen, doch die Zahl der Kinder, die von Geburt an von homosexuellen Eltern aufgezogen werden, wächst stetig. Längst ereifert man sich in großstädtischen Lesbencafés nicht mehr über Diskriminierung oder das Patriarchat, sondern diskutiert über das Stillen und männliche Vorbilder für kleine Jungen. Wenn Lesben heute Feste feiern, richten sie extra ein Zimmer für die vielen Kinder ihrer Freunde her. Und im Berliner Lesbencafé Seidenfaden stehen an manchen Nachmittagen die Kinderwagen so dicht, dass kein Durchkommen mehr ist.

»Regenbogenfamilie« heißt diese Lebensform , seit 2009 ist das Wort im Duden vermerkt. Das Modell ist inzwischen so etabliert, dass es sogar als Stoff für Hollywood-Produktionen taugt. Der für den Oscar nominierte Film The Kids Are All Right erzählt davon, wie das Leben einer Regenbogenfamilie durcheinandergerät, als die Kinder ihren biologischen Vater aufspüren. In Deutschland haben über 156.000 Zuschauer die Komödie inzwischen gesehen. Aus einem Tabuthema ist innerhalb von zwanzig Jahren ein Unterhaltungsstoff geworden. Aber wie ist dieses Leben wirklich?

Als Ben Bela Schmitt im November 2006 auf die Welt kam, verkündeten seine Mütter, heute beide um die vierzig, die Geburt »mit großer Freude« in Schnörkelschrift und, als habe es die jahrzehntelange Diskussion über geschlechtsneutrale Erziehung nicht gegeben, auf hellblauem Papier. Die Geburt von Annie drei Jahre später – benannt nach ihrer Urgroßmutter Anny sowie der lesbischen Fotografin Annie Leibovitz, die mit 51 eine Tochter bekam – wurde im Juni 2009 nach demselben Muster auf rosafarbenem Papier annonciert. Seht her, scheinen die Anzeigen zu sagen, bei uns geht es genauso normal zu wie in anderen Familien.

Mit einem Jahr wurde Ben in Mainz getauft – von einem protestantischen Pfarrer in einer Kapelle, die Catrins Vater, ein Architekt, einst entworfen hatte. Ein Foto zeigt Ben in bodenlangem Taufkleid und weißen Turnschuhen mit unsicheren Schritten an Yvis Hand zur Kirche laufen. Ein anderes zeigt ihn flankiert von zwei glücklich aussehenden Müttern. Beide übrigens nicht gläubig: Yvi ist in der DDR atheistisch erzogen worden, die ehemalige Protestantin Catrin kündigte mit Ende zwanzig aus Protest gegen die Sexualmoral der Kirche ihre Mitgliedschaft – doch ihren Kindern zuliebe lassen die Frauen sich jetzt wieder auf die Kirche ein. »Die Taufe stärkt Ben, indem sie ihm etwas gibt, das andere Kinder auch haben«, sagt Catrin, ein bisschen klingt es, als glaube sie, dass er da draußen, in der feindlichen Welt, Schutz gut gebrauchen könne.

Nun ist es nicht so, dass die Schmitts überall Feindseligkeit wittern. Die Familie lebt im Bötzowviertel, einem jener neobürgerlichen Quartiere im renovierten Berliner Osten, wo jede Menge Kinder in allen denkbaren Konstellationen leben: in Kern- oder Patchworkfamilien, Wohngemeinschaften, alleinerzogen, fremdbetreut oder überbehütet. Alles ist möglich, und Regenbogenfamilien fallen hier weniger auf als anderswo. »Wir fühlen uns geborgen«, sagt Yvi Schmitt. Über, unter und gegenüber von ihnen wohnen Familien, bei denen sie die Kinder notfalls mal kurz abgeben können, und die Bäckersfrau im Kiez grüßt die Schmitts so nett wie alle anderen Familien. Trotzdem werden Ben und Annie schon früh mit etwas konfrontiert, womit sich Menschen grundsätzlich schwertun – mit der Tatsache, anders zu sein. Sybille Gypkens, Ärztin für Kinder- und Jugendpsychiatrie in Berlin, weiß aus vielen Gesprächen, dass Kinder darunter leiden, wenn sich ihre Familie vom gängigen Mehrheitsmodell unterscheidet. Gypkens sagt: »Homosexuelle Eltern sind gesellschaftlich noch weit davon entfernt, selbstverständlich zu sein. Das belastet die Kinder aus gleichgeschlechtlichen Beziehungen. In einer funktionierenden homosexuellen Partnerschaft kann ein Kind die besondere Situation gut bewältigen – aber es ist grundsätzlich mehr gefordert als Kinder aus klassischen Familienmodellen.« Anders ausgedrückt: Je unauffälliger die Familie, desto leichter haben es die Kinder.

Es ist paradox: Um sich selbst zu finden, mussten Yvi und Catrin sich von bürgerlichen Idealen verabschieden, als Mütter müssen sie genau diese kopieren. Konformität ist für die beiden Frauen zum Leitmotiv geworden. Neulich hat ein Nachbarskind Yvi und Catrin etwas zum Muttertag gemalt. Jede Mutter bekam ihr eigenes Bild. »Es war wie eine Bestätigung, dass wir auch in den Augen von anderen eine Familie sind«, sagt Catrin.

Mittagszeit an einem ganz gewöhnlichen Montag: Catrin kocht, Yvi arbeitet im Salon, Ben ist im Kindergarten, Annie schläft. Auf dem Küchentisch liegt ein Lexikon, die Seite mit dem Stichwort »hollandaise« ist aufgeschlagen, denn Ben hat gefragt, woher die Sauce ihren Namen hat. An den Wänden hängen Fotos: Catrin und Yvi am Meer, untergehakt mit Nina Hagen und aufgedonnert auf dem Christopher Street Day. Die Fotos wirken wie Relikte aus einem anderen Leben. »Früher hatte ich immer Angst, etwas zu verpassen. Es war ganz wichtig, auf Gästelisten zu stehen und solche Sachen. Das hat mit den Kindern aufgehört«, sagt Catrin. Kaum ist Annie aufgewacht und angezogen, klemmt sie sich einen Campinggrill unter den Arm, packt Kind und Salatschüssel, steigt die Treppen hinunter, verstaut Annie, Grill und Salat im Fahrradanhänger und radelt die Straße hinunter zum Grillfest in der Kita.

Catrin und Yvi sind beide in Haushalten groß geworden, in denen die Mütter dominierten. Beide sind Scheidungskinder . »Meine Mutter gab uns Kindern immer zu verstehen, wir seien das Wichtigste. Wenn es uns gut ging, ging es ihr auch gut. Dasselbe gilt heute für mich«, sagt Catrin. Sie und Yvi gehören zur Sorte Eltern, die sich abends beim Einschlafen mit ins Kinderbett legen und geduldig Geschichten erzählen – auch dann, wenn sie todmüde sind oder lieber die Sportschau gucken würden. Die Schmitts machen jetzt Urlaub auf Usedom statt wie früher in Südfrankreich, und abends gehen sie kaum noch aus. Catrin, die Ben und Annie zur Welt gebracht hat, hat die Kinder fast sechs Monate lang gestillt und im ersten Lebensjahr nicht fremdbetreuen lassen. Den Alltag gestaltet sie weitgehend so, wie sie ihn aus der eigenen Kindheit kennt: Sie ist mit den Kindern viel an der frischen Luft, bastelt und kocht. Die Schmitts wünschen sich, dass ihre Kinder später aufs Gymnasium gehen. Dass sie sozial eingestellt sind und sich nicht ohne Rücksicht auf Verluste durchboxen, dass sie eines Tages vielleicht selbst eine Familie gründen.

Man kann sagen: 15 Jahre nachdem sie sich kennengelernt haben, sind aus Yvi und Catrin zwei leidenschaftliche Übermütter geworden, die sich eher am Frauenbild zurückliegender Generationen orientieren. Wenn man den beiden länger zuhört, staunt man, wie sehr die eigenen Mütter als Vorbild dienen. Andere Vorbilder haben die Schmitts nicht, natürlich nicht, in ihrem Leben gibt es keine Tanten, Lehrerinnen oder Nachbarn, die ein Leben als lesbisches Elternpaar gemeistert hätten. Fast alle Freunde sind heterosexuell. Mehr aus Pflichtgefühl tauschen sich die beiden gelegentlich mit anderen lesbischen Müttern aus. Aber keine von denen hat einen Erfahrungsvorsprung, alle haben ebenfalls kleine Kinder.

Wenn überhaupt, gibt es eher abschreckende Beispiele. »Man hört immer wieder Geschichten von Paaren, bei denen es wegen der Väter mit den Kindern Probleme gibt«, sagt Yvi. Um vorzubeugen, suchen beide immer wieder professionellen Rat. Selbst wenn es zu Hause gut läuft, besprechen sie regelmäßig mit einer Kinderpsychologin die Entwicklung von Ben und Annie. Die Sorge, als Eltern zu versagen, sitzt bei den Schmitts tiefer als in anderen Familien.

So fürchten sie sich ein bisschen vor dem Moment, in dem Ben begreift, wie er entstanden ist. »Es wird sicher Tränen geben, und das nicht nur einmal«, sagt Catrin. Yvi hat sich schon zurechtgelegt, was sie sagen wird: »Wenn wir das nicht gemacht hätten, wärst du heute nicht da. Du bist etwas ganz Besonderes. Nicht, weil du zwei Mütter hast. Sondern als Persönlichkeit.«

Catrin und Yvi empfinden die »Selbstbefruchtung« unter Frauen als rein technischen Akt, über den man seine Mitmenschen ruhig aufklären sollte. Ohnehin begegnet ihnen überall dort, wo sie als Familie auftreten, eine unausgesprochene Neugierde darauf, wie ihre Kinder entstanden sind. Manchmal tritt Catrin die Flucht nach vorn an – zum Beispiel, indem sie die Erzieherin im Kindergarten bei Bens Anmeldung ermutigte, alles zu fragen, was sie wolle. »Also, wie haben Sie es denn gemacht?«, platzte die Frau heraus. Catrin und Yvi haben die Zeugung ihrer Kinder in Eigenregie geplant – durch eine private Insemination zu Hause. Ein bisschen schwingt missionarischer Eifer mit, wenn die Schmitts davon erzählen. Als könne ihr Beispiel auch bei Heteros mit unerfülltem Kinderwunsch Schule machen. »Es ist so unglaublich einfach. Man muss nur eine Packung Ein-Milliliter-Spritzen kaufen – das sind diese einfachen Dinger, mit denen man auch mal Zuckerguss auf einen Kuchen spritzt«, sagt Catrin. Ein Blick in den Kleinanzeigenteil einer Szenezeitschrift zeigt, wie geläufig diese Methode in jüngster Zeit geworden ist. Unter der Rubrik »Familie« wird in einer beliebigen Ausgabe etwa des schwul-lesbischen Stadtmagazins Siegessäule vielfach »Sperma im Becher« gesucht oder angeboten. »Lust auf ein Kind – aber nicht rund um die Uhr? Schwuler Samenspender (NR) mit kleiner Vaterrolle gesucht« oder »Wir suchen Pappa/s. Lust auf ein Käffchen?«, heißt es dort beispielsweise.

»Wir hatten Frank«, sagt Catrin.

»Ein gemeinsamer Freund...«, sagt Yvi.

»...der super aussieht«, ergänzt Catrin. »Wir sind da alle ziemlich naiv und mit einer gewissen Leichtigkeit rangegangen. Wir konnten mit Frank entspannt über alles reden, und er hat es so gemacht, wie wir wollten.«

Die Frauen waren sich von Anfang an einig, dass Catrin die Kinder austragen würde, denn der diabeteskranken Yvi wäre eine Schwangerschaft mit Ende dreißig zu anstrengend gewesen, außerdem hatte sie sich gerade erst mit einem Friseurgeschäft selbstständig gemacht. Eine anonyme Spende lehnten beide ab, denn die Kinder sollen ihren biologischen Vater kennen und, falls gewünscht, mit Frank Kontakt halten. Frank ist schwul und im gleichen Alter wie Yvi und Catrin, er lebt allein und arbeitet als DJ in Berlin. Die Frauen machten zur Bedingung, dass Frank die Vaterschaft anerkennen und das Kind nach der Geburt zur Adoption freigeben würde. Damit ebnete er Yvi den Weg zur »Stiefkindadoption« – ihre einzige Möglichkeit, vor dem Gesetz Mutter zu werden und die gleichen Rechte wie Catrin zu bekommen. Ein Vertrag reduziert Franks Rolle von vornherein auf die des Samenspenders und Besucherpapas: Er hat weder Rechte noch Pflichten.

Alles lief nach Plan. Jemand vom Jugendamt kam in die Wohnung und prüfte die Lebensverhältnisse der Schmitts. Ein Jahr später war die Adoption vollzogen. Doch je deutlicher sich bei den Schmitts eine Familienroutine herauskristallisierte, desto mehr rieben sich Frank und die Mütter aneinander. Kam Frank anfangs noch wöchentlich zu Besuch, reduzierten sich die Termine erst auf alle zwei, dann auf drei Wochen. »Wir sind durch unsere Mutterrolle zwangsläufig erwachsen geworden. Frank hat die Entwicklung zum Vater nie vollzogen, sondern ist in seiner alten Welt hängen geblieben«, sagt Yvi. Auch im Alltag prallten unterschiedliche Interessen aufeinander – etwa, wenn der Besucherpapa mit dem Kind zur Wasserschlacht in die Badewanne stieg und das Aufwischen den Müttern überließ. Auf Frank wiederum wirkte die eingespielte Familie wie eine undurchdringliche Front. Heute ist der Kontakt eingeschlafen. Noch haben Ben und Annie nicht nach ihm gefragt. Manchmal fragen andere Kinder Ben, ob er auch einen Papa habe. Dann nickt er und sagt, klar.

Die Berliner Rechtsanwältin Nicole Stürmann hat festgestellt, dass der Konflikt mit der Rolle des Samenspenders fast alle gleichgeschlechtlichen Familien prägt. Sie hat schon die Kinderwünsche zahlreicher lesbischer Frauen vertraglich abgesichert. Im ersten Gespräch rät sie jeder Mandantin, sich gut zu überlegen, wer als Vater infrage kommt. »Nach der Geburt haben viele Männer das Gefühl, man nehme ihnen das Kind weg. Der Vater gibt das Kind formal, aber nicht emotional frei. Im Moment der Familiengründung geht es einzig darum, den Kinderwunsch zu erfüllen. Über den späteren Alltag macht sich niemand groß Gedanken.«

Im Kindergarten sind Ben und Annie von insgesamt 200 Kindern die einzigen, die zwei Mütter haben. Bislang sind sie deswegen noch nicht gehänselt worden – aber es ist nur eine Frage der Zeit, bis Mitschüler gehässig mit dem Wort »schwul« provozieren werden, denn »schwul« ist auf deutschen Schulhöfen ein beliebtes Schimpfwort. Yvi und Catrin haben bislang noch keine Geschichten von Diskriminierung zu erzählen, aber sie spüren Skepsis. Wenn die beiden mit dem Kinderwagen in der Stadt unterwegs sind, registrieren sie schon mal »komische Blicke«.

Kritiker erkennen im Kinderwunsch homosexueller Paare rein egoistische Motive – vergleichbar etwa mit der Anschaffung eines Haustiers. Kirchenfunktionäre und konservative Politiker argumentieren, dass Kinder ein in der Verfassung verankertes Recht auf Vater und Mutter hätten – und dass die »natürliche« Familie nach wie vor der beste Ort sei, um Kinder großzuziehen. Für die Identitätsbildung eines Kindes sei die Identifikation mit beiden Elternteilen wichtig – also mit dem gleichgeschlechtlichen Elternteil genauso wie mit dem gegengeschlechtlichen. Auch die Ärztin Sybille Gypkens betont die Notwendigkeit einer kontinuierlichen männlichen Bezugsperson für Kinder aus lesbischen Beziehungen. Allerdings müssen ihrer Ansicht nach nicht beide Geschlechter zwingend unter einem Dach leben. Sie sagt: »Es ist wichtig, dass zwei Menschen zu Hause sind, die sich gegenseitig abwechseln können. Aber es ist unwichtig, ob dies Mann und Frau sind oder eben zwei Frauen.« Die Schmitts haben für ihre Kinder männliche Vorbilder in der Umgebung gesucht, so pflegt etwa Catrins Zwillingsbruder ein inniges Verhältnis zu Ben.

Ben und Annie sind noch zu klein, um zu formulieren, wie sie sich fühlen. Wie alle Kinder akzeptieren sie grundsätzlich die Gegebenheiten, in die sie hineingeboren wurden. Hört man sich in ihrem Umfeld um, erfährt man über ihre Entwicklung viel Ermutigendes: Bens Großmutter, die Omi Babsi aus Mainz, sagt, ihr Enkel sei in seiner Entwicklung viel weiter, als es ihre eigenen Kinder im vergleichbaren Alter waren: »Der hört unheimlich gut zu, drückt sich sehr genau aus und entwickelt viele eigene Ideen.« Barbara Heil, die Hebamme der Schmittschen Kinder, hat bereits dem Nachwuchs eines guten Dutzends lesbischer Beziehungen auf die Welt geholfen. Sie findet: »Das läuft sehr rund. Die Mütter haben hart darum gekämpft, ihre Kinder auf die Welt bringen zu dürfen. Diese Kinder sind wahnsinnig erwünscht und werden sehr liebevoll betreut.«

Auch die Wissenschaft bescheinigt Ben und Annie beste Voraussetzungen für ein glückliches Leben. So kommt eine Untersuchung des Instituts für Familienforschung an der Universität Bamberg zu dem Schluss, dass Regenbogenkinder selbstbewusster, autonomer, toleranter und offener und besser in der Schule sind. Auch die Ergebnisse amerikanischer Studien sind so euphorisch, dass sie beinahe unglaubwürdig wirken – als wolle man Schwierigkeiten lieber verschweigen, um den Pionieren den Mut nicht zu nehmen.

Wenn man Yvi und Catrin eine Weile begleitet, erkennt man Konflikte, die auch das Zusammenleben heterosexueller Paare prägen. Zum Beispiel die Rollenverteilung. Die Schmitts hatten sich vorgenommen, auch nach der Geburt alles gleichberechtigt zu teilen. Jede sollte beim Kochen und Putzen, Kindergroßziehen und Geldverdienen möglichst den gleichen Beitrag leisten. Dass auch Lesben innerhalb ihrer Beziehung in die klassische Rollenfalle tappen könnten, hielten sie für ein Klischee. »Eine gibt den Mann, die andere die Frau – so ein Schwachsinn«, glaubte Catrin, bevor sie Mutter wurde. Dass sich dann nach der Geburt der Kinder genau dieses Muster herauskristallisiert hat, hat sie verblüfft. Yvi ist die Ernährerin, Catrin die Glucke. Yvi unterschreibt auf Formularen dort, wo »Vater« steht. Catrin spricht von »Mutterstolz«, wenn sie den Kinderwagen durchs Viertel schiebt.

Yvi arbeitet heute weiterhin fünf Tage die Woche zehn Stunden lang im eigenen Friseursalon und sichert das Einkommen der Familie. Catrin kümmert sich um Haushalt und Kinder – und arbeitet, seit Annie im Kindergarten ist, so gut es geht, freiberuflich. Das Geld hat die Rollenverteilung definiert. Der Rest ergab sich aus der Tatsache, dass Catrin die Kinder ausgetragen und gestillt hat. Und wie in vielen Familien gibt es auch bei den Schmitts manchmal Unmut über diese Aufteilung. Yvi sagt, sie würde gern mal Rollen tauschen und die Kinder eine Zeit lang ganz für sich haben. Catrin sagt, Yvi könne sich gar nicht vorstellen, was in ihrer Abwesenheit tagsüber zu Hause los sei.

Als nicht leibliche Mutter hat Yvi den schwierigeren Part. Sie sagt, sie habe Catrin die körperliche Nähe zu den Kindern in Schwangerschaft und Stillzeit nie geneidet. »Ohne mich würde es die Kinder nicht geben«, sagt sie, immerhin habe sie das Thema auf den Tisch gebracht. Und doch räumt sie ein, dass es Momente gibt, in denen sie sich ausgeschlossen fühlt. Etwa dann, wenn Ben und Annie sich sträuben, von ihr ins Bett gebracht zu werden. Oder wenn sie mit den Kindern allein ist und Ben tränenreich nach Catrin verlangt. In solchen Momenten tröstet Yvi der Gedanke, dass es Vätern genauso geht. »Kinder wissen genau, aus wem sie rausgeschlüpft sind. Da kann man ihnen nichts vormachen«, sagt sie. Wie es später mal sein wird, wenn die Kinder in der Pubertät sind – dieser Gedanke löst bei Yvi gelegentlich Panik aus. Dann geistern Sätze wie »Du hast mir nichts zu sagen, du bist nicht meine Mutter« in ihrem Kopf herum. Dann kommt die Angst, man werde sich eines Tages so nah oder fremd sein wie die Mitglieder einer Wohngemeinschaft und die schöne Idee von Familie offenbare sich als Illusion. Wenn diese Gedanken kommen, ziehe sie innerlich ein Gitter hoch, sagt Yvi. »Alles hängt davon ab, wie sich die Kinder als Persönlichkeiten entwickeln und wie glaubwürdig meine Mutterrolle ist.« Ob die Kinder eines Tages einen guten Kontakt zu ihr haben werden, wird vielleicht mehr als bei biologischen Eltern davon abhängen, wie gut sie ihre Sache macht.

Manchmal, in schlechten Momenten, fühle sie sich als Einzelkämpferin und nicht als Team, sagt Yvi. Erst wenn Catrin ihr versichert, dass sie hinter ihr steht, ist sie beruhigt. Dann glaubt sie an das Happy End einer Liebesgeschichte, in der eine Ostdeutsche ein Mädchen aus Mainz eroberte und mit ihr eine Familie gründete. In der Geschichte sitzen die beiden Frauen irgendwann in einem verwilderten Garten und schauen ihren Enkeln beim Spielen zu. So wie auf der Ansichtskarte von einem Landhaus, die bei den Schmitts in der Küche hängt.

 
Leser-Kommentare
  1. Muss man das hier öffentlich machen?

    Bitte äußern Sie artikelbezogene Kritik anhand sachlicher Argumente. Danke. Die Redaktion/wg

    10 Leser-Empfehlungen
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Entfernt. Bitte diskutieren Sie das Thema des Artikels. Danke. Die Redaktion/wg

    Entfernt. Bitte diskutieren Sie das Thema des Artikels. Danke. Die Redaktion/wg

  2. differenzierter Artikel.

    Besonders der Abschnitt zur Arbeitsteilung zeigt geradezu exemplarisch den herausragenden Einfluss leiblichmütterlicher mithin biologischer Faktoren. Insofern ist es Augenwischerei von zwei Müttern zu sprechen. Yvi hat in jedem Fall das Nachsehen. Und dass erst bei Lesbenpaare über väterliche Isolation und Instrumentalisierung nachgedacht wird, ist schon wieder sympthomatisch.

    12 Leser-Empfehlungen
  3. Wenn es ihnen nicht passt, brauchen Sie es ja nicht zu lesen.

    Das Thema ist wichtig, gerade, weil immer noch die Mär herumgeistert, daß Kinder zum gesunden Heranwachsen den Vater bräuchten. Was Mumpitz ist, wie Ihnen viele Scheidungskinder bestätigen können. Männliche Vorbilder können auch die Onkels oder Opas sein.

    Es ist auch kein naturgesetzlicher Zwang, daß jedes Adoptivkind in der Pubertät anfängt, nach den biologischen Eltern zu suchen. Mich haben die nie interessiert. Ich will auch nicht wissen, warum ich zur Adoption freigegeben wurde. Ich HABE Eltern. Die besten der Welt. Was will ich da noch mit mir völlig fremden Menschen?!

    23 Leser-Empfehlungen
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Nur weil Sie es schreiben und so sehen?!?

    gleichgeschlechtlich erzogen haben ;-))

    Bitte bleiben Sie sachlich. Danke. Die Redaktion/wg

    "Das Thema ist wichtig, gerade, weil immer noch die Mär herumgeistert, daß Kinder zum gesunden Heranwachsen den Vater bräuchten."

    Eine Mutter kann weder dem Sohn, noch der Tochter, den Vater ersetzen. Besonders schlimm ist es für Scheidungskinder, mit fehlendem Bezug zu väterlichen Elternteil. Bei Kindern, die es nie anders kennengelernt haben, mag der Verlust nicht so spürbar sein.

    Was bleibt ist eine Lücke. Wer dies leugnet, an dem ist dieser Kelch vorbei gegangen, oder er/sie hat den Inhalt genossen, sich aber nicht mit der Wirkung auseinander gesetzt.

    Was in unserer Gesellschaft noch gesund ist, mag relativ sein. Aber dummdreiste Behauptungen aufzustellen, ist weder sachlich, noch dient dies den Kindern, denn diese können sich erst artikulieren, wenn sie erwachsen sind/werden.

    Nur weil Sie es schreiben und so sehen?!?

    gleichgeschlechtlich erzogen haben ;-))

    Bitte bleiben Sie sachlich. Danke. Die Redaktion/wg

    "Das Thema ist wichtig, gerade, weil immer noch die Mär herumgeistert, daß Kinder zum gesunden Heranwachsen den Vater bräuchten."

    Eine Mutter kann weder dem Sohn, noch der Tochter, den Vater ersetzen. Besonders schlimm ist es für Scheidungskinder, mit fehlendem Bezug zu väterlichen Elternteil. Bei Kindern, die es nie anders kennengelernt haben, mag der Verlust nicht so spürbar sein.

    Was bleibt ist eine Lücke. Wer dies leugnet, an dem ist dieser Kelch vorbei gegangen, oder er/sie hat den Inhalt genossen, sich aber nicht mit der Wirkung auseinander gesetzt.

    Was in unserer Gesellschaft noch gesund ist, mag relativ sein. Aber dummdreiste Behauptungen aufzustellen, ist weder sachlich, noch dient dies den Kindern, denn diese können sich erst artikulieren, wenn sie erwachsen sind/werden.

  4. Sie haben ja vollkommen Recht. Doch es geht gar nicht darum, ob Kinder bei Mutter und Vater aufwachsen oder nicht, es geht darum, dass sie feste familiäre Strukturen erfahren, die von Liebe geprägt sind.

    Doch genau das nimmt aufgrund der systematischen Bekämpfung familiärer Strukturen immer mehr ab. Da gibt es dann auch keine Onkels mehr, oder Tanten, sondern nur noch die atomisierte Kindumgebung.

    Und das ist auch so gewollt, schließlich müssen tausende Akademiker in Jugendämtern, Hilfs- und Versorgungseinrichtungen eine Berechtigung für ihren Job haben, in dem sie gute Gehälter verdienen - man muss Frau Lierhaus ja nicht unbeding als Regel betrachten, aber einen Einblick in die Hilfsindustrie gibt sie schon.

    Bewußt werden Gegensätze geschürt - Einkommen er/sie. Familieneinkommen, das soziale Miteinander, das füreinander einstehen, das ist nicht mehr erwünscht.

    Soziale Hilfe (c) by BRD.

    6 Leser-Empfehlungen
  5. Entfernt. Bitte diskutieren Sie das Thema des Artikels. Danke. Die Redaktion/wg

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Entfernt. Bitte bleiben Sie sachlich. Danke. Die Redaktion/wg

    Entfernt. Bitte bleiben Sie sachlich. Danke. Die Redaktion/wg

  6. Können wir dann davon ausgehen, daß Kinder zum gesunden Heranwachsen die Mutter auch nicht brauchen? Weibliche Vorbilder können auch die Tanten oder Omas sein?
    Oder wollen Sie hier Rollenbilder von anno dunnemals zementieren?

    10 Leser-Empfehlungen
  7. Nur weil Sie es schreiben und so sehen?!?

    5 Leser-Empfehlungen
    Antwort auf "Ja, muss man"
    • Zack34
    • 26.02.2011 um 10:34 Uhr
    2 Leser-Empfehlungen

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

Service