Gleichgeschlechtliche Partnerschaft Eine Familie, zwei MütterSeite 2/3

Man kann sagen: 15 Jahre nachdem sie sich kennengelernt haben, sind aus Yvi und Catrin zwei leidenschaftliche Übermütter geworden, die sich eher am Frauenbild zurückliegender Generationen orientieren. Wenn man den beiden länger zuhört, staunt man, wie sehr die eigenen Mütter als Vorbild dienen. Andere Vorbilder haben die Schmitts nicht, natürlich nicht, in ihrem Leben gibt es keine Tanten, Lehrerinnen oder Nachbarn, die ein Leben als lesbisches Elternpaar gemeistert hätten. Fast alle Freunde sind heterosexuell. Mehr aus Pflichtgefühl tauschen sich die beiden gelegentlich mit anderen lesbischen Müttern aus. Aber keine von denen hat einen Erfahrungsvorsprung, alle haben ebenfalls kleine Kinder.

Wenn überhaupt, gibt es eher abschreckende Beispiele. »Man hört immer wieder Geschichten von Paaren, bei denen es wegen der Väter mit den Kindern Probleme gibt«, sagt Yvi. Um vorzubeugen, suchen beide immer wieder professionellen Rat. Selbst wenn es zu Hause gut läuft, besprechen sie regelmäßig mit einer Kinderpsychologin die Entwicklung von Ben und Annie. Die Sorge, als Eltern zu versagen, sitzt bei den Schmitts tiefer als in anderen Familien.

So fürchten sie sich ein bisschen vor dem Moment, in dem Ben begreift, wie er entstanden ist. »Es wird sicher Tränen geben, und das nicht nur einmal«, sagt Catrin. Yvi hat sich schon zurechtgelegt, was sie sagen wird: »Wenn wir das nicht gemacht hätten, wärst du heute nicht da. Du bist etwas ganz Besonderes. Nicht, weil du zwei Mütter hast. Sondern als Persönlichkeit.«

Catrin und Yvi empfinden die »Selbstbefruchtung« unter Frauen als rein technischen Akt, über den man seine Mitmenschen ruhig aufklären sollte. Ohnehin begegnet ihnen überall dort, wo sie als Familie auftreten, eine unausgesprochene Neugierde darauf, wie ihre Kinder entstanden sind. Manchmal tritt Catrin die Flucht nach vorn an – zum Beispiel, indem sie die Erzieherin im Kindergarten bei Bens Anmeldung ermutigte, alles zu fragen, was sie wolle. »Also, wie haben Sie es denn gemacht?«, platzte die Frau heraus. Catrin und Yvi haben die Zeugung ihrer Kinder in Eigenregie geplant – durch eine private Insemination zu Hause. Ein bisschen schwingt missionarischer Eifer mit, wenn die Schmitts davon erzählen. Als könne ihr Beispiel auch bei Heteros mit unerfülltem Kinderwunsch Schule machen. »Es ist so unglaublich einfach. Man muss nur eine Packung Ein-Milliliter-Spritzen kaufen – das sind diese einfachen Dinger, mit denen man auch mal Zuckerguss auf einen Kuchen spritzt«, sagt Catrin. Ein Blick in den Kleinanzeigenteil einer Szenezeitschrift zeigt, wie geläufig diese Methode in jüngster Zeit geworden ist. Unter der Rubrik »Familie« wird in einer beliebigen Ausgabe etwa des schwul-lesbischen Stadtmagazins Siegessäule vielfach »Sperma im Becher« gesucht oder angeboten. »Lust auf ein Kind – aber nicht rund um die Uhr? Schwuler Samenspender (NR) mit kleiner Vaterrolle gesucht« oder »Wir suchen Pappa/s. Lust auf ein Käffchen?«, heißt es dort beispielsweise.

»Wir hatten Frank«, sagt Catrin.

»Ein gemeinsamer Freund...«, sagt Yvi.

»...der super aussieht«, ergänzt Catrin. »Wir sind da alle ziemlich naiv und mit einer gewissen Leichtigkeit rangegangen. Wir konnten mit Frank entspannt über alles reden, und er hat es so gemacht, wie wir wollten.«

Die Frauen waren sich von Anfang an einig, dass Catrin die Kinder austragen würde, denn der diabeteskranken Yvi wäre eine Schwangerschaft mit Ende dreißig zu anstrengend gewesen, außerdem hatte sie sich gerade erst mit einem Friseurgeschäft selbstständig gemacht. Eine anonyme Spende lehnten beide ab, denn die Kinder sollen ihren biologischen Vater kennen und, falls gewünscht, mit Frank Kontakt halten. Frank ist schwul und im gleichen Alter wie Yvi und Catrin, er lebt allein und arbeitet als DJ in Berlin. Die Frauen machten zur Bedingung, dass Frank die Vaterschaft anerkennen und das Kind nach der Geburt zur Adoption freigeben würde. Damit ebnete er Yvi den Weg zur »Stiefkindadoption« – ihre einzige Möglichkeit, vor dem Gesetz Mutter zu werden und die gleichen Rechte wie Catrin zu bekommen. Ein Vertrag reduziert Franks Rolle von vornherein auf die des Samenspenders und Besucherpapas: Er hat weder Rechte noch Pflichten.

Alles lief nach Plan. Jemand vom Jugendamt kam in die Wohnung und prüfte die Lebensverhältnisse der Schmitts. Ein Jahr später war die Adoption vollzogen. Doch je deutlicher sich bei den Schmitts eine Familienroutine herauskristallisierte, desto mehr rieben sich Frank und die Mütter aneinander. Kam Frank anfangs noch wöchentlich zu Besuch, reduzierten sich die Termine erst auf alle zwei, dann auf drei Wochen. »Wir sind durch unsere Mutterrolle zwangsläufig erwachsen geworden. Frank hat die Entwicklung zum Vater nie vollzogen, sondern ist in seiner alten Welt hängen geblieben«, sagt Yvi. Auch im Alltag prallten unterschiedliche Interessen aufeinander – etwa, wenn der Besucherpapa mit dem Kind zur Wasserschlacht in die Badewanne stieg und das Aufwischen den Müttern überließ. Auf Frank wiederum wirkte die eingespielte Familie wie eine undurchdringliche Front. Heute ist der Kontakt eingeschlafen. Noch haben Ben und Annie nicht nach ihm gefragt. Manchmal fragen andere Kinder Ben, ob er auch einen Papa habe. Dann nickt er und sagt, klar.

Die Berliner Rechtsanwältin Nicole Stürmann hat festgestellt, dass der Konflikt mit der Rolle des Samenspenders fast alle gleichgeschlechtlichen Familien prägt. Sie hat schon die Kinderwünsche zahlreicher lesbischer Frauen vertraglich abgesichert. Im ersten Gespräch rät sie jeder Mandantin, sich gut zu überlegen, wer als Vater infrage kommt. »Nach der Geburt haben viele Männer das Gefühl, man nehme ihnen das Kind weg. Der Vater gibt das Kind formal, aber nicht emotional frei. Im Moment der Familiengründung geht es einzig darum, den Kinderwunsch zu erfüllen. Über den späteren Alltag macht sich niemand groß Gedanken.«

Leser-Kommentare
  1. Muss man das hier öffentlich machen?

    Bitte äußern Sie artikelbezogene Kritik anhand sachlicher Argumente. Danke. Die Redaktion/wg

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    Entfernt. Bitte diskutieren Sie das Thema des Artikels. Danke. Die Redaktion/wg

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  2. differenzierter Artikel.

    Besonders der Abschnitt zur Arbeitsteilung zeigt geradezu exemplarisch den herausragenden Einfluss leiblichmütterlicher mithin biologischer Faktoren. Insofern ist es Augenwischerei von zwei Müttern zu sprechen. Yvi hat in jedem Fall das Nachsehen. Und dass erst bei Lesbenpaare über väterliche Isolation und Instrumentalisierung nachgedacht wird, ist schon wieder sympthomatisch.

    12 Leser-Empfehlungen
  3. Wenn es ihnen nicht passt, brauchen Sie es ja nicht zu lesen.

    Das Thema ist wichtig, gerade, weil immer noch die Mär herumgeistert, daß Kinder zum gesunden Heranwachsen den Vater bräuchten. Was Mumpitz ist, wie Ihnen viele Scheidungskinder bestätigen können. Männliche Vorbilder können auch die Onkels oder Opas sein.

    Es ist auch kein naturgesetzlicher Zwang, daß jedes Adoptivkind in der Pubertät anfängt, nach den biologischen Eltern zu suchen. Mich haben die nie interessiert. Ich will auch nicht wissen, warum ich zur Adoption freigegeben wurde. Ich HABE Eltern. Die besten der Welt. Was will ich da noch mit mir völlig fremden Menschen?!

    23 Leser-Empfehlungen
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    Nur weil Sie es schreiben und so sehen?!?

    gleichgeschlechtlich erzogen haben ;-))

    Bitte bleiben Sie sachlich. Danke. Die Redaktion/wg

    "Das Thema ist wichtig, gerade, weil immer noch die Mär herumgeistert, daß Kinder zum gesunden Heranwachsen den Vater bräuchten."

    Eine Mutter kann weder dem Sohn, noch der Tochter, den Vater ersetzen. Besonders schlimm ist es für Scheidungskinder, mit fehlendem Bezug zu väterlichen Elternteil. Bei Kindern, die es nie anders kennengelernt haben, mag der Verlust nicht so spürbar sein.

    Was bleibt ist eine Lücke. Wer dies leugnet, an dem ist dieser Kelch vorbei gegangen, oder er/sie hat den Inhalt genossen, sich aber nicht mit der Wirkung auseinander gesetzt.

    Was in unserer Gesellschaft noch gesund ist, mag relativ sein. Aber dummdreiste Behauptungen aufzustellen, ist weder sachlich, noch dient dies den Kindern, denn diese können sich erst artikulieren, wenn sie erwachsen sind/werden.

    Nur weil Sie es schreiben und so sehen?!?

    gleichgeschlechtlich erzogen haben ;-))

    Bitte bleiben Sie sachlich. Danke. Die Redaktion/wg

    "Das Thema ist wichtig, gerade, weil immer noch die Mär herumgeistert, daß Kinder zum gesunden Heranwachsen den Vater bräuchten."

    Eine Mutter kann weder dem Sohn, noch der Tochter, den Vater ersetzen. Besonders schlimm ist es für Scheidungskinder, mit fehlendem Bezug zu väterlichen Elternteil. Bei Kindern, die es nie anders kennengelernt haben, mag der Verlust nicht so spürbar sein.

    Was bleibt ist eine Lücke. Wer dies leugnet, an dem ist dieser Kelch vorbei gegangen, oder er/sie hat den Inhalt genossen, sich aber nicht mit der Wirkung auseinander gesetzt.

    Was in unserer Gesellschaft noch gesund ist, mag relativ sein. Aber dummdreiste Behauptungen aufzustellen, ist weder sachlich, noch dient dies den Kindern, denn diese können sich erst artikulieren, wenn sie erwachsen sind/werden.

  4. Sie haben ja vollkommen Recht. Doch es geht gar nicht darum, ob Kinder bei Mutter und Vater aufwachsen oder nicht, es geht darum, dass sie feste familiäre Strukturen erfahren, die von Liebe geprägt sind.

    Doch genau das nimmt aufgrund der systematischen Bekämpfung familiärer Strukturen immer mehr ab. Da gibt es dann auch keine Onkels mehr, oder Tanten, sondern nur noch die atomisierte Kindumgebung.

    Und das ist auch so gewollt, schließlich müssen tausende Akademiker in Jugendämtern, Hilfs- und Versorgungseinrichtungen eine Berechtigung für ihren Job haben, in dem sie gute Gehälter verdienen - man muss Frau Lierhaus ja nicht unbeding als Regel betrachten, aber einen Einblick in die Hilfsindustrie gibt sie schon.

    Bewußt werden Gegensätze geschürt - Einkommen er/sie. Familieneinkommen, das soziale Miteinander, das füreinander einstehen, das ist nicht mehr erwünscht.

    Soziale Hilfe (c) by BRD.

    6 Leser-Empfehlungen
  5. Entfernt. Bitte diskutieren Sie das Thema des Artikels. Danke. Die Redaktion/wg

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    Entfernt. Bitte bleiben Sie sachlich. Danke. Die Redaktion/wg

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  6. Können wir dann davon ausgehen, daß Kinder zum gesunden Heranwachsen die Mutter auch nicht brauchen? Weibliche Vorbilder können auch die Tanten oder Omas sein?
    Oder wollen Sie hier Rollenbilder von anno dunnemals zementieren?

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  7. Nur weil Sie es schreiben und so sehen?!?

    5 Leser-Empfehlungen
    Antwort auf "Ja, muss man"
    • Zack34
    • 26.02.2011 um 10:34 Uhr
    2 Leser-Empfehlungen

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